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Fiese Tricks von Polizei und Justiz
in den Medien

Ton-Bilder-Schau zu den krassesten Fällen - jetzt online!!!
Sechs ausgewählte Fälle mit Fotos, Auszügen aus Gerichts- und Polizeiakten sowie unterlegt mit dem Mitschnitt einer Veranstaltung auf dem JUKss am 2.1.2007 in KönigsWusterhausen:

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Der 14.5.2006 brachte die Sache zum kippen - aber nur ganz zäh und wegen der nachdrücklichen Recherchen der Betroffenen. Am 18.6.2007 fällte das Oberlandesgericht ein abschließendes Urteil zum 14.5.2006 ... mit vernichtender Kritik. Doch noch immer dauerte es fast ein halbes Jahr, bis der Deutsche Depeschendienst (ddp) das Thema aufgriff. Die Gießener Zeitungen hatten zwar über das OLG-Urteil, nicht aber über die dort geäußerte harte Kritik und über die Abläufe im Mai 2006 berichtet. "Linke" Medien hatten bis auf wenige Ausnahmen auch überregional alles verschwiegen, denn die offensive Justizkritik der auch in sozialen Bewegungen als KritikerInnen von Hierarchien und Verregelung auftretenden AktivistInnen rund um die Projektwerkstatt passte dort etlichen FunktionärInnen nicht.

Am 22. November 2007 lief dann bei ddp die Story über den Ticker. Die anfänglichen Sätze lauteten:

Justiz und Polizei im Zwielicht
22.11.2007 10:26 Uhr
Gießen/Wiesbaden (ddp-hes). Die Vorwürfe klingen ungeheuerlich: Polizisten basteln einen Brandsatz oder fertigen Gipsabdrücke selbst an, um Beweismittel zu haben. Beweisvideos und -fotos verschwinden, Falschaussagen werden gedeckt, Observationen verschwiegen, um Straftaten erfinden zu können. Alles Hirngespinste von Verschwörungstheoretikern? Offenbar nicht. Denn die Staatsanwaltschaft Wiesbaden hat die Ermittlungen in einem Fall aufgenommen. In dessen Mittelpunkt steht Jörg Bergstedt, ein streitbarer linker Politaktivist. Immer wieder eckte der 43-Jährige in der Vergangenheit mit provozierenden Aktionen an. Polizei und Justiz in Gießen war er damit nach eigener Aussage spätestens seit Dezember 2002 ein Dorn im Auge. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichten die Scharmützel 2003, als Bergstedt vom Amtsgericht Gießen wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt zu einer achtmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt wird. Ein Urteil, das vom Bundesverfassungsgericht später aufgehoben wird. Als Anfang Mai 2006 Unbekannte die Gießener Rechtsanwaltskanzlei von Hessens Innenminister Volker Bouffier (CDU) durch Farbschmierereien verunstalten, fällt der Verdacht offenbar schnell auf Bergstedt. Zwei zivile Ermittler des Landeskriminalamts (LKA) statten der nahe Gießen gelegenen Projektwerkstatt Bergstedts einen Besuch ab. Bergstedt beschließt daraufhin, die Polizei mit einem nächtlichen Federballspiel vor dem Justizgebäude zu provozieren. Was Bergstedt und seine drei Mitstreiter nicht wissen: Ein Mobiles Einsatzkommando (MEK) überwacht das nächtliche Ballspiel am 14. Mai 2006. Zeitgleich gibt es in dieser Nacht erneut Sachbeschädigungen, unter anderem am Wohnhaus Bouffiers. Obwohl Bergstedt diese Taten wegen der Observation durch das MEK nachweislich nicht begangen haben konnte, wird er wegen angeblichen Tatverdachts festgenommen und fünf Tage lang in einem «Unterbindungsgewahrsam» festgehalten. Obwohl die Observation aktenkundig wurde und Bergstedt auch wegen eines DNA-Abgleichs als Tatverdächtiger ausscheidet, hält die Entscheidung des Untersuchungsrichters seltsamerweise auch vor dem Gießener Amtsgericht und Landgericht stand. Erst das Oberlandesgericht Frankfurt stuft die Ingewahrsamnahme Bergstedts als «rechtswidrig» ein und kritisiert die Gießener Justiz in ungewöhnlich scharfer Weise. Die Staatsanwaltschaft Wiesbaden ermittelt nun wegen möglicher Rechtsbeugung und Freiheitsberaubung. «Da ist auf alle Fälle etwas schief gelaufen, wir können nur noch nicht sagen, wer daran schuld ist», sagt Behördensprecher Hartmut Ferse.
Der Betroffene selbst sieht neben der Gießener Polizei und dem Untersuchungsrichter vor allem Innenminister Bouffier als Schuldigen. Durch dessen politischen Druck habe die Gießener Polizei seinerzeit «unüberlegt repressiv» agiert. «Es wurde etwas inszeniert, um uns hinter Gitter zu bringen», glaubt Bergstedt und geht davon aus, dass zumindest die Überwachung der Federballspieler durch das MEK von Bouffier persönlich angeordnet worden sei. Das Innenministerium macht zu den Spekulationen wegen der laufenden Ermittlungen keine Angaben. Die Ermittlungen der Wiesbadener Staatsanwaltschaft konzentrieren sich Ferse zufolge aber auf Polizeibeamte, Staatsanwälte und Richter.
Bergstedt und seine Mitstreiter haben die Ermittlungen und Urteile in Gießen seit 2004 nach eigenen Angaben systematisch recherchiert und in einem Buch veröffentlicht. Darin werden angebliche Verfehlungen und Widersprüche von Polizei und Justiz akribisch aufgelistet. Der Politaktivist vermutet, dass in diesem Bereich auch in anderen Städten unsauber gearbeitet wird, Verfehlungen wegen der mangelnden Recherche aber nicht ans Licht kommen. Derzeit reist Bergstedt quer durch Deutschland, um in einer Ton-Bilder-Schau über «Fiese Tricks von Polizei und Justiz» zu berichten. «Mein Vertrauen in die Justiz ist unter null gesunken», sagt der 43-Jährige.

Die Story war als Haupttext auf der Hessenseite von ddp eingestellt. Veröffentlicht dann auf:

Interviews, Texte und mehr ...

On Tour ...
Artikel in politischen Zeitungen

Direkte Aktion Nr .1/2008 (S. 4) ++ größer ++ PDF der Seite

Kapitel "Ausufernder Vorbeugegewahrsam" von Wilhelm Achelpöhler (Grundrechtereport 2008)

Gießener Polizei verfolgt und inhaftiert nach Gutdünken
Die Polizei nutzt verstärkt die in den Polizeigesetzen der Länder vorgesehenen Möglichkeiten der Ingewahrsamnahme zur Verhinderung von Ordnungswidrigkeiten und Straftaten. Dabei handelten sich Polizei und Justiz in Gießen für ihr Vorgehen einen deutlichen Warnruf des Oberlandesgerichts (OLG) Frankfurt ein. Das Gericht mahnte im Juni 2007, »das Instrument des Gewahrsams [sei] während der Nazizeit äußerst massiv missbraucht« worden. Durch hohe Anforderungen an die Rechtfertigung dieses Grundrechtseingriffs solle verhindert werden, dass die Vorschrift »zu einer Ermächtigung zum sog. Vorbeugegewahrsam (früher: Schutzhaft) ausgeweitet wird«.
Wie konnte es dazu kommen? Die »Projektwerkstatt Saasen« bei Gießen und insbesondere Jörg Bergstedt sind der Polizei schon lange ein Dorn im Auge (siehe auch Christoph Weinrich, Grundrechte-Report 2005, S. 127ff.). Die Basisaktivisten der »Projektwerkstatt Saasen« geraten durch ihre Aktivitäten ins Visier von Polizei und Justiz. Am 10. Januar 2003 wird die Projektwerkstatt nach Aufklebern durchsucht, die auf Wahlplakaten angebracht wurden. Am nächsten Tag protestieren sie in der Innenstadt Gießens. Sie treffen auf einen prominent besetzten Wahlkampfstand der CDU: da wirbt Volker Bouffier, Hessens Innenminister persönlich, ihn begleitet der Polizeipräsident von Gießen. Ein Transparent wird entrollt: »Freiheit stirbt mit Sicherheit« jemand von der Projektwerkstatt hält über Megafon eine Ansprache. Das ist zuviel. Der Hessische Innenminister und der Polizeipräsident teilen dem Einsatzleiter der Polizei mit, dass man sich dies nicht bieten lassen wolle. Der macht kurzen Prozess. Als der Agitator das Megafon nicht herausgibt, wird er an allen vieren gepackt und in Gewahrsam genommen. Die Gerichte verhängen eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte - ohne Bewährung. Rechtsmittel bleiben erfolglos, Jörg Bergstedt erhebt Verfassungsbeschwerde.

Straftaten unter polizeilicher Beobachtung
In der Nacht zum 4. Mai 2006 wird das Gebäude der Rechtsanwaltskanzlei Bouffier in Gießen besprüht. Partner der Kanzlei ist der Innenminister von Thüringen, Karl Heinz Gasser. Aus Sicht der Polizei ist klar, dass das wieder nur Jörg Bergstedt gewesen sein kann.
Am 10. Mai 2006 erhält er seine Ladung zum Strafantritt. Er, der sich seit Jahren mit Polizei und Justiz ein Katz-und-Maus-Spiel liefert, soll endlich aus dem Verkehr gezogen werden. Am 18. Mai 2006 hat er sich in der JVA Gießen einzufinden. Die Polizei geht davon aus, dass er die Woche bis zum Strafantritt »nutzen« will, um weitere »Taten« zu begehen. Der Staatsschutz sucht die Projektwerkstatt auf, um insbesondere Jörg Bergstedt davor zu warnen, Straftaten zu begehen. Am 12./13. Mai findet in der Projektwerkstatt ein Seminar zum Thema Repression statt. Am 14. Mai beschließen die Seminarteilnehmer, in die Gießener Innenstadt zu fahren, um die Polizei zu foppen. Ihr Ziel: die Gebäude der Gießener Justiz. Auf den Rasenflächen wollen sie nachts Federball spielen. Was sie nicht wissen: Sie werden von einem massiven Polizeiaufgebot beobachtet. Ein Mobiles Einsatzkommando (MEK) ist im Einsatz. Objektschützer beziehen Stellung. Ein Zugriff erfolgt nicht, man will die Aktivisten auf »frischer Tat« ertappen. Allein: es kommt zu keiner Tat. Stattdessen: Federball! Zivilbeamte beobachten die Szene, entdecken den erwarteten Täter und notieren, wie er zwischen 2.28 Uhr und 2.47 Uhr Federball im Lichtschein der Justizscheinwerfer spielt. Dann ist Schluss mit Federball. Man fährt nach Hause. Dort kommt die Gruppe aber nicht mehr an. Alle werden in Gewahrsam genommen. Bei der Festnahme kommt es zu filmreifen Szenen. Beamte steigen überhastet aus ihrem Wagen. Der rollt ohne Handbremse los und kollidiert mit einem anderen Streifenwagen. Die Polizei packt alle und sperrt sie ein. Da keine Straftaten beobachtet wurden, bleibt allein der Grund: Verhinderung von (zukünftigen) Straftaten.

Gewahrsam aufgrund unbegründeter Annahmen
Am nächsten Tag beantragt die Polizei beim Amtsgericht die Fortdauer der Freiheitsentziehung für Jörg Bergstedt. Er stehe im Verdacht, in der Nacht zum 4. Mai die Tür der Rechtsanwaltskanzlei Bouffier angebohrt zu haben, um eine übel riechende Flüssigkeit hineinzusprühen. Außerdem habe er das Kanzleigebäude besprüht. Der Angeklagte bestreitet dies. Beweise: keine, aber er habe Innenminister Bouffier unsachlich kritisiert und auf der von ihm betreuten Homepage der Projektwerkstatt befänden sich Begriffe, die auch auf die Fassade der Kanzlei aufgesprüht worden seien. Außerdem habe er auch in der Nacht auf den 14. Mai die Tür der CDU-Geschäftsstelle Gießen angebohrt. Das sei um 2.37 Uhr gewesen. Zu einem Zeitpunkt also, als Jörg Bergstedt von der Polizei selbst beim Federball beobachtet wurde. Das Amtsgericht glaubt der Polizei. Das OLG dazu später: »Was das Amtsgericht zu seiner Annahme veranlasst hat, bleibt im Dunkeln, da es seine Annahme nicht begründet hat.« Das Amtsgericht legt die Dauer der Freiheitsentziehung auf die Zeit bis zum Haftantritt am 18. Mai fest. Auch das Amtsgericht meint, der »Täter« müsse aus dem Verkehr gezogen werden. Die Polizei glaubt, ihr Ziel erreicht zu haben. Bergstedt legt sofort Beschwerde beim Landgericht ein, das jedoch nicht entscheidet. Es entscheidet nicht am 15. Mai, nicht am 16. Mai, nicht am 17. Mai. Am 18. Mai soll der Haftantritt erfolgen. Bergstedt schmort, wie das Landgericht weiß, derweil in Polizeigewahrsam. Da kommt ein Fax aus Karlsruhe - wie ein Blitz aus heiterem Justiz-Himmel: Das Bundesverfassungsgericht setzt durch eine einstweilige Anordnung die Vollstreckung der Freiheitsstrafe wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte aus. Jörg Bergstedt muss nicht in Haft. Vorerst jedenfalls nicht. Später hebt das Bundesverfassungsgericht seine Verurteilung ganz auf. Er könne nicht wegen Widerstand bestraft werden, weil die Polizeiaktion nicht, wie vom Gesetz gefordert, rechtmäßig gewesen sei. Die Protestaktion habe unter dem Schutz der Versammlungsfreiheit des Artikel 8 Absatz 1 GG gestanden. Weder sei die Versammlung aufgelöst worden, noch sei der Angeklagte aus der Versammlung ausgeschlossen worden. Damit seien wesentliche Förmlichkeiten verletzt, die Polizeiaktion nicht rechtmäßig, eine Zuwiderhandlung damit nicht strafbar. Die Freiheitsstrafe könne keinen Bestand haben. Am 17. Mai sitzt er aber weiterhin in Polizeigewahrsam. Am 18. Mai endlich entscheidet das Landgericht. Die Freiheitsentziehung wird aufgehoben. Die Gefahr von Straftaten habe wegen des bevorstehenden Strafantritts bestanden. Da inzwischen die Vollstreckung durch das Bundesverfassungsgericht ausgesetzt sei, bestehe kein Grund mehr zum vorbeugenden Gewahrsam. Jörg Bergstedt kommt also am 18. Mai frei, seine Beschwerde gegen die bereits vier Tage dauernde Freiheitsentziehung weist das Landgericht aber zurück. Wieder legt er Beschwerde ein. jetzt geht es vor dem Oberlandesgericht Frankfurt um die Frage, ob er am 14. Mai in Gewahrsam genommen werden durfte. Inzwischen kann er die Akten einsehen und erkennt, was die Polizeibehörden verschweigen, Amtsgericht und Landgericht nicht wahrnehmen wollten. Die Polizei in Gießen wusste genau, dass er in der Nacht zum 14. Mai gar nicht an der CDU-Geschäftsstelle eine Tür anbohren konnte, weil er zur selben Zeit von der Polizei beobachtet wurde. Das OLG stellt am 18. Juni 2007 fest, dass die Ingewahrsamnahme von Anfang an rechtswidrig war. Die Vorwürfe gingen über bloße Vermutungen nicht hinaus. Auf diese Vermutungen dürfe ein Unterbindungsgewahrsam aber nicht gestützt werden. Erforderlich sei, dass die schädigende Einwirkung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bevorstehe.
Das OLG stellt in seinem Beschluss die Frage, »wieso es kommen konnte, dass dein Amtsgericht ein Antrag auf Ingewahrsamnahme vorgelegt wurde, in dem der Umstand der anderweitigen Observation in der Tatnacht und deren Ergebnis nicht deutlich mitgeteilt und auch das Landgericht insoweit nicht unterrichtet wurde.«
Am Anfang standen Aufkleber auf Wahlplakaten. Der Eifer, den Polizei und Justiz dann bei der Verfolgung von Jörg Bergstedt an den Tag gelegt haben, dürfte sicher damit zusammenhängen, dass dieser den obersten Polizeichef des Landes, Innenminister Bouffier, ganz fürchterlich genervt hat. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft - gegen wen im Einzelnen und mit welchem Ergebnis, wird sich erst noch herausstellen.

Literatur

Zu den Ermittlungen gegen Minister, Richter und Polizeibeamte

Verfahrenseinstellung gegen Innenminister Bouffier, obwohl der fraglos der Auftraggeber von allem war und über dessen Schreibtisch die Presseinformation vom 15.5. mit all den Lügen lief (Indymedia dazu)

Innenminister Volker Bouffier (CDU) muss kein Verfahren wegen Rechtsbeugung und Beihilfe zur Freiheitsberaubung fürchten. Die Staatsanwaltschaft Wiesbaden stellte entsprechende Ermittlungen jetzt ein. Das bestätigte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Hartmut Ferse, der FR. "Der Minister hat damit nichts zu tun", fügte er hinzu. Quelle: Frankfurter Rundschau, 10.7.2008 ++ HR-Bericht und Sendung (Audio) dazu

Spätere Erwähnungen

Ab 2010 kam es zu einer umfangreichen Skandalisierung auch im Hessischen Landtag mit vielen Presseveröffentlichungen. Siehe hier ...

Erwähnung in Texten zu ähnlichen Themen

Links und Infos zum Thema

Internetseite zur Ungleichbehandlung von Polizei und Nicht-Polizei vor Gericht. Das Flugblatt zur Aktion (A4 beidseitig zum Kopieren und verteilen)