Buntfahren in Berlin ... ein Aktionsbericht.

Im April fand in Berlin eine Agitprop-Aktion für freie Mobilität und ein "Gratis" Leben ohne Marktzwänge statt. Ein paar Basishoppel verteilten in U-Bahnen Gratistickets, sangen Protestlieder und riefen die MitfahrerInnen zum zivilen Ungehorsam auf, teilweise kombiniert mit verstecktem Theater. Wir dokumentieren hier unsere Aktion, da wir glauben, dass widerständige Politik viel phantasievoller sein könnte, als sie es heute ist. Langweilige, inhaltsleere und oft ritualisierte Proteste zeigen die Schwäche politischer Bewegung. Ich will da raus, wünsche mir, dass wieder vielerorts überlegt wird, wie Protest vermittelbar, bunt und vielfältig umgesetzt werden kann.
  Wir würden uns freuen, wenn sich mehr Menschen und Gruppen zu kreativeren Aktionsformen, zum Experimentieren und zur Reflexion der eigenen Politik ("Was wollen wir? Wen wollen wir erreichen?") ermuntert fühlen. Ebenso dankbar sind wir für konstruktive Kritik, Auseinandersetzung und Debatte - her damit!

Materialen
  • zwei bunt geschminkte Gesichter
  • Flyer zum Hintergrund der Aktion
  • farbkopierte, selbsterstellte Gratistickets
  • DIN A4 Zettel mit Slogans zum Überkleben der Bildschirme in U-Bahnen
  • Gitarre zum Musizieren
  • MD-Player mit Mikrophon
  • Fotoapparat
  • selbstgemachte Papierblumen als Geschenk für Spendengelder

Ablauf der Aktion

Eine Person mit bunt geschminkten Gesicht sprach die Menschen direkt an: "Die Fahrausweise müssen sie mir natürlich nicht zeigen ... wir haben hier für sie ein Alternativprogramm zur Dummglotzerei." Ein anderer Mensch überklebte parallel dazu die an der Decke montierten Fernseher mit DIN A4 Zetteln. Aufschrift: "Freifahrtscheine für alle. Für ein schönes Gratisleben!" und "Auf dem Weg in eine Welt ohne Kontrollen und Marktzwänge." Untermalt wurde das Ganze durch die Gitarrenmusik einer weiteren Person; in vielen Zügen wurden auch noch Widerstands - u. Ungehorsamslieder gesungen. Zusätzlich zu den Aktionsmaterialen hatten wir MD-Player und Fotoapparat dabei, um die Aktion zu dokumentieren (geplant ist eine Radiosendung und ein Doku für's Web).

Während der Aktion wurden Gratistickets und erklärende Flyer verteilt, zusammen mit der Aufforderung, sich an zivilem Ungehorsam zu beteiligen, also immer das Gratisticket vor zu zeigen und Kontrolleuris in Gespräche über zu verwickeln. Das Ticket also als Aufhänger für die Debatte um eine Welt ohne Verwertung, Geld und Ausbeutung nutzen. Bei Nachfragen wurden Möglichkeiten zum Umgang mit Kontrolleuris vorgestellt, in der mensch sich nicht in die Ecke drängen lässt, z.B. lenkende Fragen: "Warum sind sie so unfreundlich zu mir - gefällt ihnen das Ticket nicht?" oder "Sie machen ihren Job doch auch nur, weil sie das Geld brauchen." Am Ende baten wir manchmal um Spenden für die Kopierkosten ("Leider gehören uns die Prioduktionsmittel noch nicht"). Als Geschenk durften sich die Menschen eine selbstgebastelte Blume nehmen. Nach etwa zwei bis drei Stationen steigen wir aus, wechselten in den nächsten Wagen oder in eine andere Linie.

Als Variante mischten sich zwei Aktivistas unter die Mitfahris und versuchten, ihre Aufmerksamkeit mittels verdecktem Theater zu wecken. Dazu agierten sie ganz unterschiedlich, z.B. durch lautes Nachfragen ("Kennst du das ... was machen die da? Hast du schon so eion Ticket?"), Bestätigung ("Interessante Aktion") oder Nachfragen an die AktivistInnen ("Wie soll das gehen? Wer soll das bezahlen"), um diesen die Chance zu geben, Inhalte zu vermitteln.
  Die Wirkung war unterschiedlich: Einige Menschen waren generell desinteressiert oder vergruben sich in ihre Zeitung. In einigen Situationen führte es tatsächlich dazu, dass plötzlich viele Leute Flyer haben wollten, Aufmerksamkeit stieg oder sich sogar nette Gesprächssituationen entwickelten. Eine andere Möglichkeit bestand darin, die Aktivistas anzugreifen, laut zu werden ("Das kostet alles Steuergelder ... Kommunismus klappt nicht" usw.), und eine andere Person eingreifen zu lassen, die die Aktion verteidigt.

Reflexion

Zwei Stunden waren wir unterwegs in zahlreichen Wagen und U-Bahnen. Die Reaktionen waren sehr breit gefächert: Desinteresse, Kopfschütteln, Lachen - offene Aggressionen gab es irgendwie gar nicht: möglicherweise beeinflusst durch Musik, Gesang und bunt geschminkte Menschen, die ja tatsächlich weniger bedrohlich wirken als schwarze gekleidete Vermummte. Viele jüngeren Menschen waren von der Idee begeistert, andere äußerten Verständnis für Buntfahren (vor allen in den ärmeren Vierteln Berlins ist das weit verbreitet), glaubten aber nicht daran, dass Kontrolleuris Gratistickets "durchgehen" lassen würden.
  In längeren Wagen war es relativ schwierig, die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, nicht nur akustisch ... alles geht sehr anonymisiert und atomisiert zu. In diesem Fall wäre es sinnvoll gewesen, miit zwei Grüppchen von zwei Seiten Erregungskorridore zu öffnen. Bei leereren Wagen war es schwieriger, weil dort kaum Gruppendynamik entstehen konnte. Am besten "funktionierten" Gesprächssituationen mit kleineren Menschengrüppchen.
  Positiv war: Durch das ständige Wechseln zwischen einzelnen Wägen gibt es sehr viel Raum zum Einüben von verstecktem Theater und zum Experimentieren mit verschiedenen Strategien usw. Gleichzeitig konnten wir als Gruppe zwischen den einzelnen Aktionen überlegen, wie was gelaufen ist und wo Verbesserungen möglich sind ... angenehm viel Rückkoppelung dabei.

Individuelles Fazit: Mir hat die Aktion gefallen, weil sie sehr niedrigschwellig agiert, sehr direkt auf Menschen zugeht und mit geringen Mitteln überall wiederholbar ist. Ein schöner, ausbaufähiger Einstieg in selbstbestimmten Protest und ein einfaches Beispiel dafür, wie direkte Aktion dazu benutzt werden kann, in einem abgegrenztem Raum (U-Bahn) sehr unmittelbar mit Menschen in Kontakt zu kommen und dort antihierarchische Ideen ansatzweise rüber zu bringen. (Wobei es natürlich Mut und Training braucht, bis mensch das nötige Selbstbewusstsein aufbauen kann, einfach so die Menschen in einer U-Bahn anzusprechen.) Vor allem kleinere Wagen eignen sich, um Erregungskorridore zu öffnen. Selbst mit zwei, drei Leuten und gutem versteckten Theater, z.B. einer inszenierten Diskussion über's Grtisfahren, ist es möglich, aus einer langweiligen, alltäglichen Situation eine Aktion zu machen. Cool wäre zu überlegen, welche Interventionsmöglichkeit in anderen Situationen (an der Ladenkasse, Bahnhof usw.) unseres Alltags eingesetzt werden könnten, um die Normalität zu durchbrechen.

Kritikpunkte

  • Inhaltliche Vermittlung erweitern: Die Kritik an Verwertungslogik und Kapitalismus könnte noch deutlicher rüber gebracht werden. Denkbar sind: inhaltliche Flugis, Plakate, Aufkleber...
  • Weitere Bezüge herstellen: Rassistische Kontrollen auf (U-)Bahnhöfen thematisieren und solidarische Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.
  • Aufmerksamkeit der MitfahrerInnen auf sich ziehen: mehr Leute, "offiziöse Kleidung", Verstecktes Theater üben und häufiger einsetzen.

Verbesserungsvorschläge

  • Einzelne Wagen in der U-Bahn zum temporären Freiraum umgestalten: "Dieser Wagen wurde so eben von der Verwertungslogik abgekoppelt." Dazu Materialen, um den Innenraum von U-Bahnen zu verschönern: Plakate mit inhaltlichen Sprüchen, bunte Sterne, Symbole, Aufkleber gegen sexistische Werbungen und und und.
  • Flyer verteilen, die neben Gratistickets auf weitere Möglichkeiten hinweisen, sich gemeinsam Stück für Stück der Verwertung zu entziehen bzw. zu verweigern, z.B. Gratisessen, freie Software, Umsonstläden, Kollektiveigentum.
  • Denkbar ist das Buntfahren auch in Kombination mit Food Not Bombs, die Essen umsonst in Zügen und auf Bahnhöfen verteilt.

Worauf warten ... jede U-Bahn kann eine autonome Zone werden!

Zu den Seiten von hoppetosse