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Moral & Religion

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Lao Tse
Warum lehnt Lao Tse die Moral ab? Die Moral befiehlt. Sie kennt das Müssen, sie will Normen und Regeln. Jedoch erreicht sie durch Normen und Regeln das Gegenteil von dem, was sie vorgibt zu erreichen. Denn je mehr Normen es gibt und je stärker sie verankert sind, desto mehr Verbrecher und Banditen wird es geben, denn es liegt in der Natur gegen Zwang und Verpflichtung jeder Art anzugehen. Und der moralische Zwang ist der schlimmste. Darum ist die Moral arm und oberflächlich: den Menschen Vorwürfe machend kämpft sie mit einem stumpfen Schwert und erreicht das Gegenteil von dem, was sie wünscht. Da hilft kein wildes Gestikulieren. Sie leuchtet nicht ein. Wir beobachten das die Moral besonders in Zeiten der Dekadenz erblüht. Wenn die Menschen aufhören eine natürliche und gütige Art zu haben. Wenn das geschieht, keimt der Samen der Moral. Wenn es zwischen den Verwandten keine Einigkeit gibt, beginnt das Müssen für die Kinder.

Religion

Religion und Mensch

Glaube statt eigener Meinung
Aus Gröhe, Hermann (MdB), "Wiederkehr der Religion?", in der evangelischen Kirchenzeitung "chrismon", Nr. 8/2006 S. 10)
Theologische Reflexion und das Miteinander in der Gemeinde bewahren uns dabei vor der Gefahr, unsere subjektiven Erfahrungen überzubetonen.

Religion und Macht

Frantz Fanon (1981), "Die Verdammten dieser Erde", Suhrkamp-Verlag in Frankfurt (S. 56)
Die kolonialistische Bourgeoisie wird in ihrem Beruhigungswerk von der stets dienstbereiten Religion unterstützt. Alle Heiligen, die die zweite Wange hingehalten, Beleidigungen vergeben, sich nicht gerührt haben, als sie angespuckt und beschimpft wurden, werden zu Vorbildern erklärt.

Zu Kirchenbauten und anderem Protz, Produktivkraftverschwendung, früherer Zwangsarbeit zur Gotteshuldigung usw.
Aus Norbert Bolz, "Glanz liegt über der Stadt" (zur Frauenkirche in Dresden) in: Chrismon 10/2005 (S. 44)
Der Protestantismus kann hier viel von der katholischen Kirche lernen. Denn was auch immer man von der unendlichen Inszenierung des Glaubens ohne Worte bei den Großereignissen in Rom und Köln halten mag - der Eventcharakter der religiösen Erfahrung ist überdeutlich geworden. Und hier kann die sündenstolze, unsichtbare protestantische Innerlichkeit nicht mithalten, wenn sie nicht ihrerseits die Kraft zur Repräsentation unter Beweis stellt. Da die protestantische Kirche nun aber die Kraft zur Repräsentation nicht in einer Person verdichten kann, muss sie auf die große Rhetorik der Architektur setzen. ...
die Dresdener Frauenkirche als protestantisches Pendent zum Kölner Dom ... oder, für noch Ehrgeizigere, als protestantischen Petersdom. ...
Dieses Remake einer städtischen Ikone ist zum Glück kein Einzelfall. Ähnlich spektakuläre Fälle dürfen wir uns von der Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses erhoffen. ... Offenbar braucht unsere Gesellschaft Kultorte gerade deshalb, weil es immer unwichtiger wird, wo jemand wohnt. ...
Der Kampf um die Aufmerksamkeit der Bürger wird durch die großen urbanen Ikonen entschieden. Das haben uns die Terroristen des 11. September ins Bewusstsein gebrannt. Der Angriff galt ja der Ikone des Weltkapitals.

Führer und Religion

Aus der Rede von Hugo Chavez, Staatschef von Venezuela, vor der UN-Vollversammlung über US-Aggressionen, dokumentiert in: Junge Welt, 23.9.2006 (S. 3)
Ein weiterer Mißbrauch und Angriff, den wir aus Venezuela als einen – sogar persönlichen – Angriff des Teufels zu registrieren beantragen. Es riecht nach Schwefel, aber Gott ist mit uns. Eine gute Umarmung und Gott schütze Sie alle.

Religion und Staat

Christlicher Fundamentalismus an Gießener Schulen
Aus "Ministerin lässt Wissenschaftsgegner weiter unterrichten", in: FR 21.9.2006 (S. 1)
Gott schuf die Dinosaurier am sechsten Tag, also haben sie gleichzeitig mit den Menschen gelebt. Der Grand Canon entstand durch die Sintflut. Die Erde ist 6000 Jahre alt. Was nach Bibelunterricht klingt, stammt aus dem Fach Biologie zweier Schulen im hessischen Gießen, die eine privat und christlich, die andere staatlich.

Kritik und Zitate zur Religion im Internet
Im Original: Humanismus als Religion ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus dem Vorwort zu Groschopp, Horst: "Humanismusperspektiven", Alibri in Aschaffenburg (S. 8)
Diese Ansicht haben die Mitglieder des Humanistischen Verbandes Deutschlands (HVD) gemeinsam mit anderen international agierenden humanistischen Verbänden zu ihrer „Weltanschauung" gemacht, weil dies - besonders in Deutschland - sowohl verfassungsrechtlichen Vorgaben als auch eigenen Orientierungsbedürfnissen folgt.

Aus Schilt, Jaap, "Humanismus als Bekenntnis begreifen" in: Groschopp, Horst: "Humanismusperspektiven", Alibri in Aschaffenburg (S. 84)
Humanisten schrecken häufig vor dem Bekenntnisbegriff zurück, weil er so stark mit Religion verglichen wird. Humanisten glauben nicht, so meinen sie, „weil es absurd ist". Sie setzen lieber auf rational gestützte Plausibilität. Ich bin aber davon überzeugt, dass der HVD nur als Gemeinschaft mit einem klaren, gelebten Bekenntnis die Traditionslinien des europäischen Humanismus wirkungsvoll mit seiner Arbeit verknüpfen und gegenüber den Kirchen eine wichtige gesellschaftliche Rolle spielen kann.

Entwertung aller Werte

These: Jedes höhere Gebot ist wider der Emanzipation des Menschen: Gott, Norm, Gesetz, Moral, Sinn des Lebens, Werte, Naturgesetz.

Das letzte Worumwillen

Aus einem Text von Frieder Otto Wolf in der Freitag, 23.12.2005 (S. 19)
Doch ist das alles notwendig? Es muss zunächst festgehalten werden, dass der Diagnose des Nihilismus ein alter philosophischer Fehlschluss zugrunde liegt, der bis auf Platon zurückgeht: Es ist der durch gar nichts begründete Übergang von der richtigen Aussage, dass jedem Handeln ein »letztes Worumwillen« zugrunde liegt, ein Oberzweck, ohne den es als Handeln gar nicht zustande käme, zu dem Postulat, es müsse ein »höchstes Gut« geben, das jedem menschlichen Handeln einen Sinn gibt. Der Denkfehler in Platons höchst einflussreicher Theorie vom »höchsten Gut«, die dann über die Behauptung seiner Göttlichkeit zur Grundlage einer ganzen Philosophentheologie geworden ist, liegt in der Unterstellung, alle anderen, nicht auf dieses »höchste Gut« gerichteten menschlichen Handlungen seien offensichtlich bloß instrumentell – und daher sinnlos, ohne eigenen Sinn. Wir könnten diese Auffassung auch umgekehrt positiv formulieren: »Alles bezieht seinen Sinn daraus, dass das höchste Gut existiert.« ...
Der Nihilismus bringt nur die Entwertung menschlichen Eigensinnes zum Vorschein, die bereits zu den Voraussetzungen jedenfalls dieses philosophischen Theismus gehört. In Kulturen, die eine derartige theistische Entwertung des menschlichen Sinnes nicht kennen, kann dagegen kein Nihilismus funktionieren. ...
Die nietzscheanische Formel des Nihilismus knüpft aber auch an diesen anderen Aspekt des Christentums an, indem er das Verbot in den Vordergrund rückt: Wenn alles erlaubt, weil nichts verboten ist, dann ist auch alles sinnlos und nichts sinnvoll. Das setzt ein autoritäres Verständnis von menschlichem Sinn voraus: Ohne autoritative Unterscheidung zwischen Verbotenem und Erlaubtem, zwischen Gebotenem und Freigestelltem können individuelle Menschen keinen Sinn in ihren Handlungen finden. ...
Der junge Herder hat es bereits mit aller wünschenswerten Klarheit ausgesprochen: Gesellschaften oder Kulturen, die für ihre Orientierung darauf angewiesen sind, von ihren Traditionen zu leben, weil sie keinen neuen Sinn mehr für sich »(er)finden« können, stehen bereits kurz vor dem Untergang.

Angst vor der Entwertung der Werte

Klaus Blessing in: Maurer, Ulrich/Modrow, Hans (2006), "Links oder lahm?", Edition Ost in Berlin (S. 31)
Dabei werden alle ethischen, moralischen, kulturellen Werte zerstört. Ein Verfall der Gesellschaft ist die Folge.

Wahrheit und Subjektivität

Heinz von Förster/Bernhard Pörksen (8. Auflage 2008), „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“, Carl Auer Verlag in Wiesbaden
Mein Ziel ist es vielmehr, den Begriff der Wahrheit selbst zum Verschwinden zu bringen, weil sich seine Verwendung auf eine entsetzliche Weise auswirkt. Er erzeugt die Lüge, er trennt die Menschen in jene, die recht haben, und jene, die - so heißt es - im Unrecht sind. Wahrheit ist, so habe ich einmal gesagt, die Erfindung eines Lügners. ... Damit ist gemeint, daß sich Wahrheit und Lüge gegenseitig bedingen: Wer von Wahrheit spricht, macht den anderen direkt oder indirekt zu einem Lügner. Diese beiden Begriffe gehören zu einer Kategorie des Denkens, aus der ich gerne heraustreten würde, um eine ganz neue Sicht und Einsicht zu ermöglichen. ...
Meine Auffassung ist in der Tat, daß die Rede von der Wahrheit katastrophale Folgen hat und die Einheit der Menschheit zerstört. Der Begriff bedeutet - man denke nur an die Kreuzzüge, die endlosen Glaubenskämpfe und die grauenhaften Spielformen der Inquisition - Krieg. Man muß daran erinnern, wieviele Millionen von Menschen verstümmelt, gefoltert und verbrannt worden sind, um die Wahrheitsidee gewalttätig durchzusetzen. ...
in dem Moment, in dem man von Wahrheit spricht, entsteht ein Politikum, und es kommt der Versuch ins Spiel, andere Auffassungen zu dominieren und andere Menschen zu beherrschen. ...Ich will noch einmal betonen, daß ich im Grunde genommen aus der gesamten Diskussion über Wahrheit und Lüge, Subjektivität und Objektivität aussteigen will. Diese Kategorien stören die Beziehung von Mensch zu Mensch, sie erzeugen ein Klima, in dem andere überredet, bekehrt und gezwungen werden. Es entsteht Feindschaft. ... (S. 29 ff.)
Mein Wunsch wäre es, meine Sprache so zu beherrschen, daß Ethik in jedem Dialog - ganz gleich, ob es um Politik, Wissenschaft, Poesie oder was auch immer geht - implizit bleibt, so daß ich, wenn ich einen bestimmten Satz gesagt habe, immer noch ein anständiger Mensch bin. Ein Mensch, der andere nicht zu etwas zwingen will. Ein Mensch, der sich nicht zum Richter oder Polizisten aufschwingt, sondern dem anderen seinen Raum läßt. Das ist der Grund, warum ich eigentlich keine weiteren Kriterien und Checklisten für eine endgültig richtige Sprache und Form der Darstellung nennen möchte. ... (S. 40)
Wenn ich sage, eine Aussage sei objektiv, dann liegt dieser Behauptung die Vorstellung zugrunde, man selbst habe nichts mit dieser Aussage zu tun. Man beschreibt ja nur, man fungiert als eine Art Kamera und als ein passiver Registrator. Politisch gesehen ist diese Ablösung des Beobachters vom Beobachteten ein beliebtes Gesellschaftsspiel; denn wie will man diesen objektiven Beobachter für irgend etwas verantwortlich machen? Er ist ja nur ein Berichterstatter, er ist nicht beteiligt an dem, was geschieht, er kann sich immer darauf zurückziehen, daß er nur objektiv darstellt, was der Fall ist. (S. 156)

Aus Joachim Paul, "Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners", in: medienbrief 2/2003 (S. 47)
Für den auf einem solchen Konzept der Welterzeugung aufbauenden radikalen Konstruktivismus - der Beobachter, das Subjekt schafft seine Wirklichkeit ja erst durch seine Wahrnehmungsakte, die zudem seiner Biologie unterworfen sind - ergeben sich unmittelbar interessante ethische Konsequenzen.
Zum einen die Toleranz für die Wirklichkeiten anderer, sie folgt aus dem Bewusstsein der Konstruiertheit der eigene nWirklichkeit, die nun auch nicht mehr verabsolutierbar ist. Zum anderen ist das die Veranstwortung, in den Worten von Foersters: "Die Welt als eine Erfindung aufzufassen, heißt, sich als ihren Erzeuger zu begreifen; es entsteht Verantwortung für ihre Existenz."

Aus Helmut Willke, "Systemtheorie II, Interventionstheorie" (S. 23)
Die Logik der Beobachtung (und der daraus folgenden Beschreibung) ist die Logik des beobachtenden Systems und seiner kognitiven Struktur. Damit ist gesagt, dass es der Beobachter ist, der - über die Art und Weise, wie er beobachtet - festlegt, was er beobachten kann. Die Instrumente des Beobachtens (Sinnesorgane, technische Beobachtungsinstrumente, kognitive Strukturen wie Begriffe, Theorien oder Weltsichten) definieren den Möglichkeitsraum der Beobachtung.

Marxismus und Wahrheit

Aus Lotter, K./Meiners, R./Treptow, E. (2006): "Das Marx-Engels-Lexikon", Papyrossa Verlag Köln zum Stichwort "Wahrheit" (S. 365 ff.)
Zusammenfassung der Autoren:
Wahrheit besteht in der Übereinstimmung der Dinge und ihrer Gedankenabbilder (1). Die Frage der Wahrheit ist keine Frage der sprachlichen Präzision (2). Wahrheit ist nicht die Akkumulation abgeschlossener Erkenntnisse, sondern liegt im Prozeß der Erkenntnis und trägt selbst Prozeßcharakter (3). Darin liegt auch ihre historische Bestimmtheit, ihre historische Beschränktheit und Relativität begründet (4). Das Kriterium der Wahrheit ist die gesellschaftliche --> Praxis (5).


(1) Für den Methaphysiker sind die Dinge und ihre Gedankenabbilder, die Begriffe, vereinzelte, eins nach dem andern und ohne das andre zu betrachtende, feste, starre, ein für allemal gegebne Gegenstände der Untersuchung. [ ... ] Für die Dialektik dagegen, die die Dinge und ihre begrifflichen Abbilder wesentlich in ihrem Zusammenhang, ihrer Verkettung, ihrer Bewegung, ihrem Entstehn und Vergehn auffaßt, sind Vorgänge wie die obigen, ebensoviel Bestätigungen ihrer eignen Verfahrensweise. [ ... ] Eine exakte Darstellung des Weltganzen, seiner Entwicklung und der der Menschheit, sowie des Spiegelbildes dieser Entwicklung in den Köpfen der Menschen, kann also nur auf dialektischem Wege, mit steter Beachtung der allgemeinen Wechselwirkungen des Werdens und Vergehens, der fort- oder rückschreitenden Änderungen zustande kommen. (Anti-Dühring, 1876/78, MEW 20, 20 ff.)
(2) Handelt es sich nun aber darum, die Wahrheit solcher Worte zu beweisen, so kann wohl schwerlich der Beweis bis auf den Wortlaut gemeint sein, denn in dieser Rücksicht würde jedes Resümee unwahr sein, und es wäre überhaupt unmöglich, den Sinn einer Rede wiederzugeben, ohne die Rede selbst zu wiederholen. Wurde also z.B. behauptet: »Man hielt den Notschrei der Winzer fürfreches Gekreisch«, so wird billigerweise nur verlangt werden können, daß eine ungefähr richtige Gleichunggezogen sei, d.h., daß ein Gegenstand nachgewiesen werde, der die resümierende Bezeichnung »freches Gekreisch« einigermaßen aufwiegt und zu einer nicht unpassenden Bezeichnung macht. Ist diese Probe geliefert, so kann es sich nicht mehr um die Wahrheit, sondern nur mehr um die sprachliche Präzision handeln [ ... ] (Rechtfertigung des ++ Korrespondenten von der Mosel, 1843, MEW 1, 172)
(3) Die Wahrheit, die es in der Philosophie zu erkennen galt, war bei Hegel nicht mehr eine Sammlung fertiger dogmatischer Sätze, die, einmal gefunden, nur auswendig gelernt sein wollen; die Wahrheit lag nun in dem Prozeß des Erkennens selbst, in der langen geschichtlichen Entwicklung der Wissenschaft, die von niedern zu immer höhern Stufen der Erkenntnis aufsteigt, ohne aberjemals durch Ausfindung einer sogenannten absoluten Wahrheit zu dem Punkt zu gelangen, wo sie nicht mehr weiter kann, wo ihr nichts mehr übrigbleibt, als die Hände in den Schoß zu legen und die gewonnene absolute Wahrheit anzustaunen. Und wie auf dem Gebiet der philosophischen, so auf dem jeder andern Erkenntnis und auf dem des praktischen Handelns. (Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, 1888, MEW 21,267; vgl. MEW 1, 7)
(4) Der große Grundgedanke, daß die Welt nicht als ein Komplex von fertigen Dingen zu fassen ist sondern als ein Komplex von Prozessen, worin die scheinbar stabilen Dinge nicht minder wie ihre Gedankenabbilder in unserm Kopf, die Begriffe, eine ununterbrochene Veränderung des Werdens und Vergehens durchmachen, in der bei aller scheinbaren Zufälligkeit und trotz aller momentanen Rückläufigkeit schließlich eine fortschreitende Entwicklung sich durchsetzt - dieser große Grundgedanke ist, namentlich seit Hegel, so sehr in das gewöhnliche Bewußtsein übergegangen, daß er in dieser Allgemeinheit wohl kaum noch Widerspruch findet. [ ... ] Geht man aber bei der Untersuchung stets von diesem Gesichtspunkt aus, so hört die Forderung endgültiger Lösungen und ewiger Wahrheiten ein für allemal auf; man ist sich der notwendigen Beschränktheit aller gewonnenen Erkenntnis stets bewußt, ihrer Bedingtheit durch die Umstände, unter denen sie gewonnen wurde; aber man läßt sich auch nicht mehr imponieren durch die der noch stets landläufigen alten Metaphysik unüberwindlichen Gegensätze von Wahr und Falsch, Gut und Schlecht, Identisch und Verschieden, Notwendig und Zufällig; man weiß, daß diese Gegensätze nur relative Gültigkeit haben, daß dasjetzt für wahr Erkannte seine verborgene, später hervortretende falsche Seite ebensogut hat wie das jetzt als falsch Erkannte seine wahre Seite, kraft deren es früher für wahr gelten konnte; daß das behauptete Notwendige sich aus lauter Zufälligkeiten zusammensetzt und das angeblich Zufällige die Form ist, hinter der die Notwendigkeit sich birgt - und so weiter. (Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, 1888, MEW 21,293 f)
(5) Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme - ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i. e. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens - das von der Praxis isoliert ist - ist eine rein scholastische Frage. (Thesen über Feuerbach, 1845, MEW 3,5; vgl. MEW 19,530; MEW 21,276)

Subjektivität

Michael Foucoult, 1977: Dispositive der Macht, Merve Verlag Berlin  
Nicht die Veränderung des "Bewußtseins" der Menschen oder dessen, was in ihrem Kopf steckt, ist das Problem, sondern die Veränderung des politischen, ökonomischen und institutionellen Systems der Produktion von Wahrheit. Es geht nicht darum, die Wahrheit von jeglichem Machtsystem zu befreien - das wäre ein Hirngespinst, denn die Wahrheit selbst ist Macht - sondern darum, die Macht der Wahrheit von den Formen gesellschaftlicher und kultureller Hegenomie zu lösen, innerhalb derer sie gegenwärtig wirksam ist. ...
In Gesellschaften wie der unsrigen kann die "politische Ökonomie" der Wahrheit durch fünf historisch bedeutsame Merkmale charakterisiert werden:

Heinz von Förster/Bernhard Pörksen (8. Auflage 2008), „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“, Carl Auer Verlag in Wiesbaden (S. 28)
Das Relativitätsprinzip schafft eine Form, in der über die Umwelt und den anderen Menschen wieder geredet werden kann. Und in dem Moment, in dem ich die Existenz des anderen und mein eigenes Vorhandensein postuliere, lebe ich in einer Beziehung und Gemeinschaft, es entsteht Beteiligung; man wird plötzlich zum Mitleidenden, dem es nicht mehr möglich ist, durch die Referenzen auf eine externe Realität eine Ausrede für die eigene Gleichgültigkeit zu finden. Diese Entscheidung, die ich hier vorschlage, macht einen zu einem sozialen Wesen. Die Welt als eine Erfindung aufzufassen, heißt, sich als ihren Erzeuger zu begreifen; es entsteht Verantwortung für ihre Existenz. ...

Aus Ulf von Rauchhaupt: "Philosophische Quantenphysik: Ganz im Auge des Betrachters", in: FAZ, 15.2.2014
Der Quantenzustand ist nichts Objektives, sondern Ausdruck einer subjektiven Überzeugung des Beobachters. „Eine Messung enthüllt keinen zuvor existierenden Zustand der Dinge“, sagt Christopher Fuchs vom Perimeter Institute im kanadischen Waterloo, einer der Begründer des QBismus. „Es ist etwas, das ein Akteur mit der Welt anstellt und das zur Schöpfung eines Resultates führt, einer neuen Erfahrung für diesen Akteur.“ ...
Realität ist völlig subjektabhängig ...
So ist die wissenschaftliche Realität für verschiedene Subjekte unterschiedlich. „Das ist nicht so seltsam, wie es klingt“, erklärt Fuchs. „Was für einen Akteur real ist, das beruht allein darauf, was dieser Akteur für Erfahrungen gemacht hat. Und verschiedene Akteure machen verschiedene Erfahrungen.“ Damit ist Realität zwar völlig subjektabhängig. Sie ist aber trotzdem etwas Zusammenhängendes, Erforschbares, schließlich können sich die Subjekte über ihre Erfahrungen austauschen.
Wie schon Niels Bohr ziehen die QBisten aus der Quantentheorie, so wie sie sich uns präsentiert, den Schluss, dass man sich von der Vorstellung einer externen Wirklichkeit, die menschliche Wissenschaft gleich einem Territorium immer vollständiger erkunden könne, verabschieden muss. Während Bohr sich aber damit keinen Schluss auf die Nichtexistenz einer solchen, dann eben für Physiker unerforschlichen Wirklichkeit erlaubt, ist Christopher Fuchs radikaler: „Es ist nicht so, dass Natur vor uns verborgen wäre“, erläutert er. „Sie ist noch gar nicht ganz da und wird das auch nie sein. Natur wird in dem Moment, da wir darüber reden, ausgearbeitet.“

Wahrheitsliebe von "links", Anarch@s und anderen

 

Im Original: Humanismus pro Wahrheit ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Auszug aus Wolf, Frieder Otto, "Humanismus als Weltanschauung", in: Groschopp, Horst: "Humanismusperspektiven", Alibri in Aschaffenburg (S. 60)
Die Argumentation für wichtige Wahrheiten - also in etwa: was eigentlich wirklich, was wirklich gut oder auch was echt schön ist - geht immer schon darüber hinaus, was wir wissenschaftlich beweisen können. Indem wir argumentativ mit guten Gründen für derartige wichtige Wahrheiten eintreten, empfehlen wir anderen, sich diese Thesen als Wahrheiten zu eigen zu machen und bleiben unseren eigenen Wahrheitserlebnissen treu. Wir können aber weder andere auf diese Weise zur Zustimmung zwingen - auch nicht mit dem „sanften Zwang" eines konkludenten, abschließenden Argumentes - noch auch selber die Gewissheit hegen, dass wir nicht durch neue Wahrheitserlebnisse in unserer Treue erschüttert und zum Eintreten für neue wahrheitspolitische Positionen veranlasst werden.

Links

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