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Utopie-Bücher

Visionen

Freie Menschen in Freien Vereinbarungen ++ Resignation ++ Warum Utopien? ++ Seid utopisch! ++ Links

Peter Kropotkin, 1985: Gesetz und Autorität (S. 12)
Der Mensch, besonders wenn er abergläubisch ist, hat immer Furcht, etwas Bestehendes zu verändern und verehrt allgemein, was alt ist. ... Das Unbekannt setzt sie in Schrecken; sie ziehen vor , sich an die Vergangenheit zu klammern, wenn auch diese Vergangenheit Elend, Unterdrückung und Knechtschaft war. Man kann sogar sagen: Je unglücklicher der Mensch ist, desto größer ist seine Furcht vor einer Änderung, befürchtend, er könne noch unglücklicher werden. Ein Hoffnungstrahl, eine Spanne Wohlsein müssen seine Hütte erwärmen, damit er anfängt, es besser haben zu wollen, seine alten Lebensgewohnheiten zu kritisieren und dieselben zu verändern.

P.M., 2001: Subcoma, Paranoia City Verlag in Zürich (S. 10)
Selbstverständlich gibt es eine Alternative, aber nicht mehr unter den Bedingungen des Business as usual. Eigentlich kennen wir alle sie auch schon, seit Tausenden von Jahren. Sie entspricht einem globalen Jubiläum (im bliblischen Sinne): Streichung aller Schulden, Annullierung aller Guthaben, gleichberechtigter Zugang zu allen Ressourcen und allem Wissen, Ende der Marktregeln, voller Lebensgenuss statt Arbeitssklaverei, Abbruch der Wachstumsspirale, Schluss mit dem Zwangsfortschritt.

Aus: autonome stadt, Entwurfsarbeit von Tomislav Knaffl im Wintersemester 2000/01 an der Uni Stuttgart
der gegenwärtige lokale materielle Wohlstand durch die zur zeit herrschende soziale organisationsform des parlamentarismus und wirtschaftliche organisationsform der hierarchischen weisungsstruktur würde von den wenigsten menschen freiwillig aufgegeben, wenn nicht möglichkeiten aufgezeigt werden, wie eine herrschaftsfreue neuorganisation einen zufriedenstellenden ausblick auf die lebensqualität hinsichtlich der eigenen bedarfe, bedürfnisse und wünsche gewährt.
... badarfe, bedürfnisse und wünsche haben schon immer menschen zu kreativen noch nie dagewesenen lösungen angeregt.

Aus Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau (S. 45 f.)
Es geht darum, nicht nur „die Emanzipation von", sondern ebenso die „Emanzipation zu“ einer herrschaftskritischen Wertung zu unterziehen ...
Klarer wird die Schwierigkeit, emanzipative Prozesse zu definieren, wenn es darum geht, nicht nur die Auseinandersetzung mit dem Ist-Zustand zu beschreiben, als viel mehr eine Zielbestimmung vorzunehmen, die quasi eine gedankliche Vorwegnahme des angestrebten gesellschaftlich sozialen Zustands beschreibt. Die Frage: "Nicht nur wogegen, sondern wofür setzen wir uns ein", ist explosiv, wenn sie echte Grenzüberschreitung meint, und nicht ein Weitermarschieren auf altem Weg unter lediglicher Auswechselung des Kapellmeisters oder der Melodie".
Dieses "Denken einer Utopie", die ja zumindest laut Lexikon als "unerfüllbar, unwirklich und wirklichkeitsfremd" definiert ist, ist elementarer Bestandteil eines emanzipativen Prozesses, da er letztlich die faktische Bedingung für die mögliche, vorerst gedankliche, Überschreitung der realen Gegebenheiten darstellt. Die Diskriminierung eines Ziels als utopisch, von wem auch immer, sollte mißtrauisch machen, die damit verbundene „Schere im Kopf“ kommt einem selbst auferlegten Denkverbot gleich, das eine Auseinandersetzung mit Gegebenem immer wieder auf die allen Werte und Maßstäbe, auf die alten Lösungswege zurückwirft. Hiermit ist nicht gemeint, daß nicht auch die berühmt berüchtigten "immanenten Lösungen" wichtige und richtige Schritte in einem emanzipativen Prozess sein könnten. Aber schon die Urteilsfähigkeit, sie als immanent und nicht den eigentlichen gesellschaftlichen Rahmen in Frage stellend zuerkennen, setzt die Kenntnis einer weiteren Dimension voraus. Die gedankliche Reichweite bemißt sich am „undenkbaren“ und nicht am existierenden.

Freie Menschen in Freien Vereinbarungen

Aus: P.M. 2000: Subcoma, Paranoia City in Zürich
Menschen bringen sich nur dann nicht um , wenn sie so leben, dass sie keinen Vorteil davon haben können. Menschen schliessen eigentlich gar keine Verträge, sie verhalte nsich einfach auf Grund von Interessen und Erfahrungen, gemüss dem, was sie "sind". Geben und Nehmen  ist in einer sozial verwobenen Lebensweise kaum auseinanderzuhalten. Dass es für einen Beobachter so aussieht, als ob Menschen dauernd Verträge schlössen, ist eine typische Fehlinterpretation liberaler Ideologien, die sich unser Leben nur als eine Reihe von Tauschhändeln vorstellen können. Erst wenn die Gesellschaft in ihre Atome zerfallen ist, muss sie mit "Verträgen" und "Regeln" notdürftig reorganisiert werden.Was geändert werden muß, ist also die Interessenlage der Menschen, die sich wiederum historisch entwickelt hat.

Visionslosigkeit: TINA ... There is no alternative?

Wir leben in einer visionslosen Zeit. Neue Ideen für die Zukunft sind kaum noch gefragt. Viele Menschen haben sich in die Privatheit zurückgezogen. Individualität ist nur noch das, was es im „Supermarkt der Lebensstile“ zu kaufen gibt - nur eine lebenswerte Utopie für alle scheint gearde nicht im Angebot zu sein. Wirklich Neues bewußt zu schaffen scheint keinen Reiz mehr auszuüben. Die Dinge entwickeln sich wie von selbst. Zumindest scheint es so oder wird von denen so verkauft, die tatsächlich die gesellschaftlichen Entwicklungen steuern. ...
Einen Zukunftsdialog gibt es gar nicht mehr. Alles wickelt sich ab, die Menschen sind wie unbeteiligte ZuschauerInnen der Dialoge über die Zukunft. Bei der Expo 2000 sind sie sogar zahlende Gäste bei - angeblich - „der Zukunft“, auf die sie null Einfluß haben. Schlimmer noch: Die Menschen reproduzieren die Logik einer Gesellschaft, in der alles verwertet wird, in der alles danach ausgerichtet ist, was es wirtschaftlich bringt. Sehr viele Menschen haben Angst von Neuem und vor gesellschaftlcher Weiterentwicklung ab. Gleichzeitig überlassen sie denen, die jeweils Kraft ihrer Position wesentlichen Einfluß auf die Gesellschaft haben und an den Hebeln der Macht sitzen, kampflos das Geschehen – und damit auch den Einfluß auf Veränderungen. Was übrig bleibt, sind Prozesse, die scheinbar von selbst ablaufen, die nicht mehr hinterfragt und erst recht nicht in Frage gestellt werden. Große Erklärungen hat kapitalistische Ordnung nicht mehr nötig – sie ist übriggeblieben und stellt sich selbst wie ein „Naturgesetz“ dar. [„Naturgesetz nannt der Siemens-Expo-Beauftragte Schusser die weitere Entwicklung der Welt hin zu totaler Vermarktungslogik. (Quelle: Film „Alles im Griff“, 1998, Hannover)] Die Lücke fehlender Begründungen und Legitimation wird verklebt mit Papieren und Konzepten, die als „visionär“ bezeichnet werden, aber realpolitischer nicht sein könnten. Die Agenda 21 ist solche ein Beispiel. Wer sie liest, reibt sich vielleicht angesichts des Rufes, den die Agenda genießt, verwundert die Augen: Überall wird der freie Welthandel als Rettung der Umweltprobleme gepriesen, Begrenzungen der freien Wirtschaft werden als die eigentlichen Ursachen für die Umweltzerstörung genannt. Gelöst werden sollen die aktuellen Probleme vor allem mit der Gentechnik, aber auch z.B. mit neuen Atomkraftwerken. Ist irgendwas an solchen Vorschlägen visionär? Die Agenda 21 könnte aus der Feder des Bundesverbandes der Deutschen Industrie stammen, aber UmweltschützerInnen oder Eine-Welt-Gruppen bezeichnen sie als hoffnungsvolle Vision für das neue Jahrhundert.
(Gruppe Gegenbilder, 2000: Freie Menschen in Freien Vereinbarungen, S. 7/8 ... auch im Internet mit Debattenforum)

Michael im Interview mit dem Science Fiction-Club Berlin in der Zeitschrift WECHSELWIRKUNG, Nr. 13, Mai 1982 (S. 13)
Ich möchte behaupten, daß es für uns Menschen immer noch nicht recht vorstellbar ist, ein Problem nur durch Übereinkunft mit anderen Menschen zu lösen. Wir haben immer diesen Ausschließlichkeitsanspruch, daß es für die Lösung eines Problems immer nur einen Weg gibt.

Aus einem Interview mit Murray Bookchin, in ÖkolinX, Sommer 1996 (S. 19)
Heutzutage treffe ich Salonlinke, die mir weismachen wollen, "unter den gegebenen Umständen" sei es unmöglich, für eine grundlegende soziale Veränderung zu kämpfen. Solche Typen sind doch komplett entfremdet. Das ist die bürgerliche Vorstellung von "Erfolg" und nicht von Wahrheit und Freiheit.

Aus: Gruppe I.N.K.A.K., 2000: Kritik der verkürzten Kapitalismuskritik (S.18)
Die scheinbare Alternativlosigkeit mit der wir konfrontiert werden zeigt wie totalitär das herrrschende Denken in den Köpfen verankert ist. Nichts scheint umsetzbar zu sein wenn es sich nicht im Rahmen des real vorhandenen bewegt. Eine gesellschaftliche Utopie wird zu etwas  abstrakten, mit nur wenig Möglichkeiten einer  Anbindung an die Realität. Sie schließt sich nicht an unseren Erfahrungshorizont an. Grundlegene Mechanismen dieses Gesellschaftssystems werden nicht mehr hinterfragt (z.B. Herrschaftsverhältnisse), sondern als Naturgesetzartig hingenommen. Wir müssen dieses Dilemma durchbrechen und gerade der realen Verhältnisse wegen radikal und utopisch zu bleiben. Sich nicht zufrieden zu geben mit Reformen oder Scheinlösungen ist Teil dieses Politikansatzes. Wenn Ziele oder Forderungen von uns als grundsätzlich gut, aber nicht realisierbar abgetan werden, spricht dies nicht gegen die Utopie sondern gegen die Realität. Deshalb brauchen wir Räume, gerade auf  der lokalen Ebene, die die Realität in Frage stellen und Utopie in Ansätzen erfahrbar machen. Mit dem verschwinden dieser Räume würde eine weiteres Experimentierfeld mit anderen Komunikations- und Organisationsstrukturen entfallen.

Resignation

Aus Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau (S. 61)
Neben der Angst eigenständige Schritte in Richtung einer selbstbestimmten persönlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung zu unternehmen, ist die negative Erfahrung des Scheiterns bei solchen Versuchen wesentlich dafür verantwortlich, daß viele Versuche nicht über die Ebene eines einmaligen Ansatzes herauskommen, uni dann wieder in der Versenkung zu verschwinden. Es dürfte in diesem Zusammenhang hilfreich sein, nicht nur weitgesteckte utopische Ziele zu formulieren, die zwar moralisch und auf der "Radikalitätsskala" ganz oben angesetzt sind, aber für alle Beteiligten so fern sind, daß jedwedes Bemühen diese Ansprüche umzusetzen, scheitern muß.

Im Original: Oscar Wilde ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Wilde, Oscar (1970): "Der Sozialismus und die Seele des Menschen", Diogenes
Altruismus nützt nichts
Sie suchen etwa das Problem der Armut dadurch zu lösen, daß sie den Armen am Leben halten, oder - das Bestreben einer sehr vorgeschrittenen Richtung - dadurch, daß sie für seine Unterhaltung sorgen. Aber das ist keine Lösung: Das eigentliche Ziel ist der Versuch und Aufbau einer Gesellschaft auf einer Grundlage, die die Armut unmöglich macht. Und die altruistischen Tugenden haben tatsächlich die Erreichung dieses Ziels verhindert. (S. 8)

Pro Gesetzesbruch
Aber es ist für mich fast unglaublich, wie jemand, dessen Leben durch solche Gesetze verstämmelt und besudelt worden ist, ihre Fortdauer zu ertragen vermag. (S. 14)

Freie Vereinigungen statt autoritäre Strukturen
Aber ich gestehe, viele sozialistische Anschauungen, denen ich begegnet bin, scheinen mir mit unsaubern Vorstellungen von autoritärer Gewalt, wenn nicht tatsächlichem Zwang behaftet zu sein. Autoritäre Gewalt und Zwang können natürlich nicht in Frage kommen. Alle Vereinigung muß ganz freiwillig sein. Nur in freiwilligen Vereinigungen ist der Mensch schön. (S. 16f)

Gar keine Regierung ...
Alle Arten, regieren zu wollen, sind verkehrt. (S. 29)
Die Regierungsform, die für den Künstler am geeignetsten ist, ist: überhaupt keine Regierung. (S. 59)

Gegen Justiz
Mit der autoritären Gewalt wird die Justiz verschwinden. Das wird ein großer Gewinn sein - ein Gewinn von wahrhaft unberechenbarem Wert. Wenn man die Geschichte erforscht, nicht in den gereinigten Ausgaben, die für Volksschüler und Gymnasiasten veranstaltet sind, sondern i nden echten Quellen aus der jeweiligen Zeit, dann wird man völlig von Ekel erfüllt, nicht wegen der Taten der Verbrecher, sondern wegen der Strafen, die die Guten auferlegt haben; und eine gemienschaft wird unendlich mehr durch das gewohnheitsmäßige Verhängen von Strafen verroht als durch das gelegentliche Vorkommen von Verbrechen. Daraus ergibt sich von selbst, daß je mehr Strafen verhängt werden, umso mehr Verbrechen hervorgerufen werden, ...
Je weniger Strafe, um so weniger Verbrechen. Wenn es überhaupt keine Strafe mehr gibt, hört das Verbrechen entweder auf, oder, falls es noch vorkommt, wird es als sehr bedauerliche Form des Wahnsinns, die durch Pflege und Güte zu heilen ist, von Ärzten behandelt. Denn was man heutzutage Verbrecher nennt, sind überhaupt keine Verbrecher. Entbehrung, nicht Sünde ist die Mutter des Verbrechens unserer Zeit. Das ist in der Tat de Grund, warum unsere Verbrecher als Klasse von einem irgend psychologischen Standpunkt aus so völlig uninteressant sind. Sie sind keine erstaunlichen Macbeths und schrecklichen Vautrins. Sind sind ledigklich das, was gewöhnliche Dutzendmenschen wären, wenn sie nicht genug zu essen hätten. Wenn das PRivateigentum abgeschafft ist, wird es keine Notwendigkeit und keinen Bedarf für Verbrechen geben; sie werden verschwinden. Natürlich sind nicht alle Verbrechen Verbrechen gegen das Eigentum, obwohl das die Verbrechen sind, die das englische Gsetzt, das dem, was ein Mensch hat, mehr Wert beimißt als dem, was er ist, mit der grausamsten und förchterlichsten Strenge bestraft, wofern wir vom Mord absehen und den Tod für ebenso schlimm halten wie das Zuchthaus, worüber unsere Verbrecher, glaube ich, anderr Meinung sind. Aber wenn auch ein Verbrechen nicht gegen das Eigentum gerichtet iste, kann es doch aus dem Elend und der Wut und der Erniedrigung entstehen, die unsere verkehrte Privateigentumwirtschaft hervorbringen, und wird so nach der Abschaffung dieses Systems verschwinden. Wenn jedes Glied der Gemeinschaft so viel hat, als es braucht, und von seinen Mitmenschen nicht behelligt wird, hat es kein Interesse daran, andern lästig zu werden.
(S. 30ff)

Der Entwurf von Utopien motiviert zur Veränderung des Hier & Jetzt
Eine Weltkarte, in der das Land Utopia nicht verzeichnet ist, verdient keinen Blick, denn sie läßt die eine Küste aus, wo die Menschheit ewig landen wird. Und wenn die Menschheit da angelangt ist, hält sie Umschau nach einem besseren Land und richtet ihre Segel dahin. Der Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien. (S. 35)

Subjektivität
Es ist nicht selbstsüchtig, auf seine Art zu denken. Wer nicht auf seine Art denkt, denkt überhaupt nicht. (S. 66)

Sinn und Unsinn von Utopien und Utopiedebatten

Text von Schwarze Katze: "Ach, wer braucht schon Utopien - oder?" (korrigierte Version, 5.9.06)
(beeinflusst von AKs zu Utopien auf dem Januarreffen und den libertären Tagen sowie den Texten
»Unsere Visionen« und »Macht was ihr wollt« auf www.opentheory.org)

Pro und Contra Visionen
Es stimmt, wir leben in einer visionslosen Zeit - leider. Für viele Menschen enden »Visionen« bei der konsumorientierten Ausgestaltung des nächsten arbeitsfreien Wochenendes. Und wer noch nicht den Traum einer geileren Welt jenseits von Markt und Staat aufgegeben hat, stößt oft auf Ignoranz, aber auch auf berechtigte Kritik. Da wir denken, dass Utopien für gesellschaftliche Veränderungen unentbehrlich sind, ist es gerade wichtig, sich mit Kritik auseinander zu setzen, sie anzunehmen oder zu widerlegen und Fehler zu korrigieren. Ebenso notwendig ist es, immer wieder zu begründen, warum Utopien so wichtig sind, damit sie nicht zum blinden Selbstzweck werden. Einen Beitrag dazu möchten wir mit diesem Text leisten.

Fördern oder hemmen Visionen veränderndes Handeln?
Die Frage ist, ob Utopien dazu führen, dass mensch sich immer mehr in weltferne Träume flüchtet. Die Gefahr ist nicht zu leugnen: Wenn Utopien zur bloßen Wunschwelt im eigenen Kopf erstarren, um überhaupt noch mit der beschissenen Wirklichkeit fertig zu werden, führt das nicht zu aktiver Veränderung - sondern zur Flucht, welche nur den ganzen Quatsch stützt, vor dem mensch sich wegträumt. Dass kann aber nur dann passieren, wenn Visionen ganz allein gesehen werden, als etwas Außenstehendes, über das nur in Theoriezirkeln geredet werden kann.
Was fehlt: Aktion! Notwendig ist es daher, Visionen im Verbund mit Widerstand, mit Direkten Aktionen, veränderndem Handeln zu denken und auch auf diese Weise umzusetzen! Es hat sich in der Vergangenheit als naiv erwiesen, in aufklärerischer Manier darauf zu hoffen, dass sich die Utopien von selber durchsetzen. Um utopische Entwürfe in gesellschaftliche Diskussionen einbringen zu können, Menschen überhaupt noch zu erreichen, ist es notwendig, den Trott des alltäglichen Wahnsinns zu durchbrechen: Es geht darum, mit einfallsreichen Direkten Aktionen (Blockaden, Torten...) Aufmerksamkeit zu erzeugen und diese Risse mit unseren Inhalten, Visionen zu füllen. Die betroffenen Menschen sind so viel eher bereit, diese an sich heran zu lassen - sei es aus Wut, Verwunderung oder Neugier. Ansätze dafür, wie diese Verbindungen sinnvoll hergestellt werden können, existieren schon und warten auf breite Resonanz, auf praktische Umsetzung - durch uns!
Was weiter fehlt sind Strukturen, die uns mit unseren Ängsten, Problemen und Träumen auffangen. Denn was ganz wichtig ist: Für uns und andere Menschen muss erleb - und vermittelbar werden, dass Utopien nicht das ganz ferne Morgen sind, sondern etwas, mit dem wir schon heute anfangen können. Freiräume, Projekte, Widerstandsnetzwerke können durchaus eine gelebte Utopie sein. Und wer konkretes Handeln, z.B. gegen Autobahnneubau im größeren Kontext einer gemeinsamen, autoarmen - bzw. freien Utopie setzen kann, kann daraus wieder Durchhaltekraft ziehen, die für uns sicher notwendig ist. Der Traum ist nichts ohne den Einsatz für den Traum!

Sind Utopien und Analyse Gegensätze?
Einer der ältesten Vorwürfe ist der, dass Utopien eine Abwendung vom rationalen Denken hin zu idealistischer »Spinnerei« seien. Für uns ist die Frage schon falsch gestellt, weil sie einen Gegensatz aufbaut, den wir so nicht sehen: die schonungslose, selbstkritische Analyse der bestehenden Gesellschaft und Vorstellungen einer anderen Welt schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich, gehören untrennbar zusammen.
Beide für sich führen irgendwann ins Leere: Entwürfe für eine andere Gesellschaft kommen nicht ohne eine Analyse der bestehenden aus, denn wer nicht versteht, warum Ausbeutung von Mensch und Natur, warum Machtstrukturen und Herrschaft existieren, wird diese nie verändern können. So können Visionen zwangsläufig nur als Flucht vor der nicht erkannten Wirklichkeit enden. Und ebenso braucht eine Analyse utopische Funken, um über das hinaus zu weisen, was kritisiert wird, Menschen Perspektiven aus den schlechten Verhältnissen anzudeuten! Wer z.B. keine Vorstellung von einer Welt ohne Autos hat, muss fast zwangsläufig vor Autobahnen und Betonwüsten resignieren. Denn es liegt einfach zu nahe zu sagen: »mensch ist das doof - aber es ist halt so.« Das ist der Punkt, wo Analyse und Utopie verknüpft werden können, um Teil emanzipatorischer Politik sein zu können.
Wir finden es falsch, Utopien und Träume abzulehnen, weil sie etwas mit Emotionen zu tun haben - dass ist keine Absage an Rationalität, aber an ein aufspaltendes und reduzierendes Menschbild, dass Gefühle verteufelt, verdrängt und unterdrückt: Widerstand und das Streben nach einer freien Gesellschaft stützt sich nicht allein auf Einsichten, sondern auch auf unsere Wut, Hass, Spaß und Wünsche! Wenn dafür kein Platz ist, ist für uns kein Platz!
Und auf die Frage, ob Utopien nun Quatsch sind, können wir nur noch herbei zitieren: »Auch in Form von Hirngespinsten tragen sie in sich ein Körnchen Realität. Denn vieles wird gerade zu bestimmten Zeiten vorstell- und denkbar. In der Realität wachsen den Utopien Latenzen zu; es entstehen Möglichkeiten des "Noch-Nicht". Diese Möglichkeiten lassen sich nicht mehr als "bloß utopisch" negieren, sondern warten auf das handelnde Eingreifen der Menschen.« (A. Schlemm, »Macht was ihr wollt!«) So bezieht z.B. die Utopie eines arbeitsfreien - bzw. armen Lebens ihre (Überzeugungs-)Kraft aus der realen Chance, die Produktion durch hochmoderne Technik zu automatisieren.

Oder wieder nur starre Gegenbilder?
Viele Menschen kritisieren, dass visionäre Entwürfe selbst wieder starre Gegenbilder vorgeben würden, die keinen Raum zur eigenen Ausgestaltung lassen, von wenigen stammen und vielen aufgedrückt werden. Dieser berechtigte Verdacht bezieht sich insbesondere auf extrem genau durchdachte Entwürfe wie z.B. Ökotopia und Panokratie. Wir sehen es auch als Problem, wenn Visionen nur von einzelnen Menschen entwickelt werden, da dort eine gleichberechtigte Kommunikation vieler fehlt und soziale Rollen, in diesem Falle die der TheoretikerIn, zementiert werden. Und Utopien, die nicht in der Auseinandersetzung von Gruppen und Einzelpersonen wachsen, können zwangsläufig nur von außen an eine Bewegung heran getragen werden.
Eine Utopie einer Gesellschaft, die in sich Gleichberechtigung und Selbstorganisation tendenziell schon verwirklicht, kann daher nur entstehen, wenn sie von allen Menschen getragen werden kann - als selbstorganisiertes Projekt. Unterschiede und Eigenheiten dürfen trotz gemeinsamer Ziele nicht verwischt werden. Dazu muss die Rollenaufteilung in AktivistInnen und TheoretikerInnen aufgehoben werden: Nicht am Schreibtisch, sondern in Austausch und Auseinandersetzung von aktiven Menschen und Gruppen selbst könnten diese Gegenbilder entwickelt und weiter entwickelt werden. Dabei kann das Internet unterstützend sein, Erfahrungen haben aber gezeigt, dass nicht-virtuelle Treffen unersetzbar und viel intensiver sind - also bitte mehr davon!
Die Vision: eine bunte, offene Utopie, die aus und in der Bewegung entsteht, in der sich unterschiedlichste Ansätze treffen und treffen können und die eine Vernetzung von - trotz gegenteiliger Bemühungen - immer noch recht isolierten Teilbereichskämpfen bewirkt. So könnte die gemeinsame Vision einer Gesellschaft jenseits von Verwertungslogik und Rollenzwängen Menschen aus verschiedenen Zusammenhängen (Anti-Atom, Anti-Gentech, Kinderrechte, Anti-Kapitalismus und Anti-Sexismus / Gender) nicht nur gedanklich stärker verbinden - ohne die Autonomie der einzelnen Aktionsfelder einzuschränken.
Aus disem Grunde ist es bedeutsam, dass wir in Utopien nicht die letzte Antwort oder die zu Ende gedachte Lösung sehen, sondern etwas Unfertiges, Prozesshaftes, das sich mit den praktischen Veränderungs- und Diskussionsprozessen weiter entwickelt kann. Neuere, eher fragmentarische Utopien wie bolo-bolo, die viele Fragen und Antworten offen lassen, weisen da schon in die richtige Richtung - wenn auch die Diskussion noch breiter, offener und vielfältiger sein könnte. Wenn wir Utopien als Teil des Kampfes für ein freies Leben begreifen, dann müssen sie auch hinterfrag - und veränderbar sein! Allein schon deswegen, weil wir unsere Gegenbilder vor dem Hintergrund der Gesellschaft entwickeln, die wir verändern bzw. überwinden wollen. Mit diesem Widerspruch und einem möglichen Umgehen damit schliddern wir in den nächsten Absatz...

Visionen...geht das denn?
Ein Einwand gegen Visionen ist, dass es unmöglich sei, eine andere, freie und ökologische Gesellschaft zu denken, da unser Denken völlig von der Welt, wie sie ist, bestimmt wird. Und der zweite Teil des Einwandes ist ohne Zweifel zutreffend: So ist z.B. in vielen Visionen die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau beibehalten worden, ebenso wie in älteren Utopien oft eine technikkritische und ökologische Perspektive fehlt. Dennoch finden wir es falsch, diese einfach als Ganzes zu verdammen. Wir alle stecken in der Gesellschaft samt ihren Zwängen, die wir verändern und überwinden möchten - auch an uns selbst. Und es ist klar, dass unsere Vorstellungen einer geileren Welt durch die Brille der alten entstehen. Anders gesagt: Utopien richten den Blick auf eine bessere Zukunft, aber wir sehen dieses andere Leben immer aus den getrübten Augen einer miesen Gegenwart!
Wir sehen darin keinen Grund, jede Utopie zu verwerfen, sondern einen viel größeren, ehrliche, gemeinsame Reflexionen und Auseinandersetzungen voran zu treiben, um uns diese Widersprüchlichkeiten immer wieder bewusst zu machen. Nochmal: Die genannte Kritik ist richtig, absolut gesetzt schließt sie jedoch radikale Umbrüche völlig aus: Ein Verzicht auf Gegenbilder würde bedeuten, uns die Chance zu nehmen, Veränderung zu denken, die über eine herrschaftsförmige Gesellschaft hinaus weist und damit auch die praktische vorbereitet. Abschließend noch zwei Sätze dazu: Das System kann (über-)leben, weil es die Fähigkeit der Menschen verschüttet, phantasievoll zu sein, mit ihren Gedanken und Träumen kleine Risse in den gesetzten Rahmen zu denken, wo dann Neues, Anderes entstehen kann. Ohne den Traum kann der Traum nicht Wirklichkeit werden.

Fazit ?
Eine Bewegung von unten mit realistischer Perspektive ist nicht denkbar ohne Zielvorstellungen und Visionen, die nicht auf Markt, Staat und autoritäre Strukturen setzen - sondern auf Menschen, freie Vereinbarungen und kollektive Selbstorganisation. Anders kann aus unserer Sicht der Orientierungs- und Perspektivlosigkeit sozialer Bewegungen nicht entgegen gewirkt werden. Dabei sind wir mit den schon benannten Schwierigkeiten konfrontiert, Gegenbilder...

Dass die entstehende Bewegung von unten von diesem Anspruch meilenweit entfernt ist, ist ein offenes Geheimnis. Die bisherigen Versuche, ein (zugangs-)offene Utopie zu verwirklichen (z.B. »Freie Menschen in Freien Vereinbarungen« auf www.opentheory.org), sind daran gescheitert, dass es kaum bis keine Beteiligung gab. Und gerade das finden wir schade, weil es wenige aktive Leute auf eine zugewiesene Rolle fest legt. Die Lösung dieses Problems kann dieser Text nicht anbieten. Denken, träumen, handeln - die Utopie selbst in die Hand nehmen.

Seid utopisch: Macht, was ihr wollt!

Text von Annette Schlemm

Die Zeiten sind vorbei, in denen irgendein Experte sich eine perfekte Gesellschaftsform ausdachte und sich dann daran machte, sie den anderen Menschen mehr oder weniger machtvoll aufzudrängen. Die Führung des Staates durch kluge Philosophen, wie sie Platon wünschte, hat es nirgendwo gegeben. Nirgendwo – U-Topia. Glücklicherweise.
Denn es ist Sache der Menschen selbst, ihr Leben so einzurichten, wie sie es wollen.

Woher kommen Utopien?
Unsere schriftlich orientierte Kultur schaut vorwiegend auf die aufgeschriebenen Utopien und damit auch jene, die in ziemlich geschlossener Form ein umfassendes Konzept einer anderen Weltverfassung aufstellen. Neben recht starr ausgedachten Staatsformen gab es immer auch freiheitliche Utopien. Die Probleme dieses Jahrhunderts provozierten ökodiktatorisch-industrielle Visionen (”Anti-Utopien”) sowie Utopien der herrschaftsfreien, partnerschaftlichen Entwicklung emanzipierter Subjekte. Letztere sind weitestgehend mit ökologischen und feministischen Bewegungen verbunden.
Auf dem Weg ”von der Utopie zur Wissenschaft” hatten die Theoretiker der Arbeiterbewegung dem ”bloß Utopischen” einen negativen Stempel aufgedrückt. Ihre wissenschaftliche Kritik des Gegenwärtigen, der Kapitalherrschaft, bezog jedoch wesentliche Impulse aus der Vorstellung des ganz Anderen, auf Grundlage des historisch möglich Gewordenen. Was möglich geworden ist, kann wissenschaftlich analysiert werden. Was damit geschieht, d.h. wie sich reale Menschen entscheiden, damit umzugehen, jedoch nicht mehr.
Für die Menschen sind auch weniger jene Utopien handlungsleitend, die in dicken Büchern aufgeschrieben worden sind, sondern fühlbare, erlebbare Ausblicke, Horizontüberschreitungen, die aus dem ”Dunkel des gelebten Augenblicks” (Bloch) u.a. in Tagträumen aufblitzen. Sie kommen häufig in künstlerischen Werken und sogar in der Alltagskultur zum Vor-Schein.
"Das Leben selbst ist immer schon ein Entwurf zu etwas hin, das utopisch ist. Grade Subkulturen zeichnen sich darin aus, mit ihrer Erfindungsgabe und Experimentierfreudigkeit Zukunftsträume in greifbare Nähe zu rücken. Das gilt z.B. für das Leben in Bauwägen genauso wie für selbstorganisierte Festivals." (Herrmann C., 23.10.00)
Auf dem Weg zu einer Utopie der Emanzipation geht der Anteil der utopischen Theoretisiererei gegen Null:
”... denken wir uns das Glück der Menschheit nicht mehr am Schreibtisch aus, sondern ganz demokratisch und pluralistisch befragen wir die Subjekte der Utopie nach dem utopischen Gehalt ihres Lebens, d.h. inwieweit sie auf größere Ziele hin leben...” (Herrmann C.).

Anti-Utopische Zeiten
Allerdings kann die Antwort dann recht unerwartet sein: "...gerade so zur Weihnachtszeit zu Utopien und Visionen befragt zu werden - und dann soll es auch noch Hoffnung nähren, es soll nicht so was Negatives sein! Viel verlangt. Für mich zu viel. Denn meine Frage - und das gerade zu Weihnachten - ist immer dieselbe: Wie überwinde ich den Ekel gegenüber dieser Gesellschaft? " (Mail Werner, 23.12.00)
Wer heute jung ist, hat eigentlich gar keine positiv-utopischen kulturellen Einflüsse mehr erlebt. StarTrek gilt als hoffnungslos naiv.
Robert Hewitt Wolfe, ausführender Produzent der von Gene Roddenberry erdachten Serie "Andromeda" sagte in einem Interview, dass sich die neue Serie stark von "Star Trek" unterscheiden werde: "Es geht nicht darum, neue Zivilisationen zu entdecken, oder neue Lebensformen zu suchen. Es geht vielmehr darum, eine zerstörte Welt zu beschützen und diese wieder Stück für Stück aufzubauen."
Monster-Aliens, nachkatastrophische Heldenepen und cyperpunkiges Großstadtchaos haben nur noch etwas mit Angst zu tun, nichts mehr mit Lust auf Zukunft. Ich fürchte, die Crashkids in den rasenden Kisten, die Ecstasy-Rausch- und Magersüchtigen sind viel realistischer als ihre Eltern, die noch an aktienfondgestützte Renten glauben. Wer sich doch noch in Raumfahrtutopien flüchten will, wird mit dem falschen Ethos der US-Elitemarines im ”Space 2061” allein gelassen.

Als die Zukunftsromane
Anti-Utopien wurden,
bekam das Fußvolk
seine UFO-Geschichten.
Und so verschreckt wie verblödet
führen sie die
Anti-Zukunft herbei.

Wer wirklich noch utopische Visionen haben will, muß sich der ganzen Härte dieser Ent-Täuschung stellen. Utopischer Zweckoptimismus ist nicht angesagt. Und Fluchtorte vor der schlechten irdischen Wirklichkeit sind der ferne Kosmos und fremde Zeiten schon längst nicht mehr. Das ist wohl auch gut so – die wirklichen Utopien müssen auf die Erde zurückkehren.

Konkrete Utopien heute
Das Utopische findet heute weniger in der Literatur statt. Ob es schon viele Tagträume erreicht hat, vermag ich nicht zu sagen. Aber sie liegen in der Luft. Dabei gibt es unterschiedliche Sorten von Utopien. Es ist ja durchaus sehr utopisch, darauf zu hoffen, daß die jetzt Jüngeren noch irgendeine Rente erhalten würden. Und der Glaube an Börsengewinne als Alterssicherung ist mindestens genau so utopisch. Noch utopischer wäre es zu hoffen, daß die Auswirkungen der zerstörten klimatischen und ökologischen Verhältnisse wenigstens uns Gutsituierte auf diesem Planeten verschonen würden.
Aber halt: diese Utopien sind nur verlängerte Gegenwarten. Richtige Utopien müssen genügend anders sein als die Gegenwart. Sie stehen den gegenwärtigen Strukturen und Entwicklungstrends entgegen. Auch in Form von Hirngespinsten tragen sie in sich ein Körnchen Realität. Denn vieles wird gerade zu bestimmten Zeiten vorstell- und denkbar. In der Realität wachsen den Utopien Latenzen zu; es entstehen Möglichkeiten des ”Noch-Nicht”. Diese Möglichkeiten lassen sich nicht mehr als ”bloß utopisch” negieren, sondern warten auf das handelnde Eingreifen der Menschen.

Welche Möglichkeiten für grundlegend Neues lassen sich jetzt bereits ausmachen?

Aus diesen Möglichkeiten eine neue Gesellschaft zu entwickeln, ist gegenwärtig wirklich "utopisch". Das liegt an den Bedingungen der jetzigen Gesellschaftsstrukturen. Jegliche Realisierung von Möglichkeiten ist an konkrete Bedingungen gebunden. (Das Erkennen der Möglichkeiten und der Bedingungen ist auch weiterhin ein Aufgabengebiet begreifenden Denkens, von Wissenschaft und Theorie).
Die eben genannten Möglichkeiten können sich nur entfalten,

Glücklicherweise können sich Menschen (zuerst) durch ihr Denken von den vorgefundenen Bedingungen emanzipieren und darüber hinaus denken. Muster des möglichen Neuen lassen sich bereits deutlich erkennen:

Im Allgemeinen gilt das Ende des ”Realsozialismus” als Totschlagsargument gegen antikapitalistische Hoffnungen. Inzwischen gibt es aber neue Ansätze, die genau solche neuen Strukturen entwickeln. Subjektiv wollen die Akteure i.a. gar nicht als die Totengräber des Kapitalismus fungieren. Sie agieren aus ihren eigenen Bedürfnissen heraus, den gegebenen Möglichkeiten entsprechend und schaffen damit erste Keimformen für das Wirklichwerden von Utopien. Gemeint sind die Schöpfer sog. ”Freier Software”.

Ein gutes Projekt beginnt mit dem individuellen Interesse an der Erschaffung guter Software für einen bestimmten Zweck. Die InitiatorIn und ModeratorIn solcher Projekte heißen Maintainer... Die Genialität liegt nicht beim Maintainer, sondern im Projekt. Maintainer entscheiden über die Aufnahme von Features und die Veröffentlichung neuer Version, sie sorgen gleichzeitig für die Transparanz der Entscheidungen.... Maintainer entwickeln nicht das Projekt, sondern lassen das Projekt sich entwickeln und lassen die Projektmitglieder sich entfalten...
Anders als verordnete Projekte in der Privatwirtschaft basieren freie Produkte auf einem starken gemeinsamen Eigeninteresse, nämlich dem an guter benutzbarer Software ...
(Stefan Meretz).

Diese Sätze beschreiben keine Utopie, sondern die Realität für eine Menge selbstbestimmt kooperierender Menschen, die zwar noch irgendwie von der kapitalistischen Wirtschaft leben, aber wichtige – hochproduktive und kreative - Tätigkeiten außerhalb des Kapitalverwertungszusammenhangs gestellt haben und auch Sicherungen einbauen (General Public License), die eine Reprivatisierung der Freien Software verhindern.
Dieses ”gemeinsame Eigeninteresse” ist der Knackpunkt. Nur noch solche Interessen werden handlungswirksam werden in einer freien Gesellschaft.

Die "Erste Direktive"
Träumen kann natürlich jedermensch, wovon sie/er mag. Aber was passiert, wenn die Träume bei der Verwirklichung aufeinander stoßen? Die Zukunft soll offen bleiben. Utopien und Träume sollen sich verwirklichen lassen – und es sollen immer wieder neue entstehen und sich verwirklichen können.
Man kann nicht genau angeben, wie das geschieht, man kann aber genau angeben, wie es nicht geschehen kann:
”Utopisches Denken, das sich Rechenschaft abgibt über die verheerenden Versuche dieses Jahrhunderts, dieses Reich (der Freiheit) zu verwirklichen, wird den großen Entwurf vermeiden, wird sich dem Experiment, der Offenheit, dem Risiko des Fehlschlags aussetzen.” (Christan Semler).
Trotzdem wird sich dieses Denken nicht auf die Experimente, die Offenheiten und Risiken der globalisierten kapitalistischen Weltwirtschaft beschränken. Dieser Schnitt muß gemacht werden: Ablehnung der kapitalistischen Wirtschaftsgrundlage des menschlichen Lebens. Bei dem, was darüber hinausgeht, müssen alle Momente des Lebens natürlich zueinander passen. Ökologie und soziales Wohlergehen, individuelle Selbstentfaltung und kollektive Selbstorganisation etc. dürfen einander nicht ausschließen, sondern bedingen. Während reine Träume – die einander widersprechen – durchaus locker nebeneinander stehen können, muß in der Realität alles zusammen passen. Postmoderne Beliebigkeit ist nicht realisierbar. Freiheit heißt nicht Losgelöstheit von allen Abhängigkeiten, sondern selbstbestimmtes Eingehen gewünschter Beziehungen und Meiden unerwünschter. Daß Ökologie und soziales Wohlergehen, individuelle Selbstentfaltung und kollektive Selbstorganisation gleichermaßen realisiert werden, kann nicht anders abgesichert werden, als jeweils durch die freien Entscheidungen der Menschen selbst. Das bedeutet, daß niemand das Recht hat, eine "perfekte Utopie" anderen aufzudrängen. Hierfür gilt die "Erste Direktive" der Nichteinmischung.

Eine neue Art freiheitlicher Utopie
Der Vorwurf, alle Utopien seien totalitär, kann schon durch einen Nachweis neuerer belletristischer Utopien (Callenbach, Le Guin, ...) zurückgewiesen werden. Wie lassen sich jedoch Ökologie und Herrschaftsfreiheit absichern? Braucht es dazu feste Regeln, die nur noch aufgeschrieben und dann durchgesetzt werden müssen? Wird die Einhaltung der Regeln dann etwa durch moralischen oder psychologischen Gruppendruck erzwungen?
Nein, die Realisierung der Utopie von Herrschaftslosigkeit, Autonomie und Selbstentfaltung muß noch weiter gehen: Auch die Regeln müssen jederzeit neu aushandelbar sein. Wenn ich oder Du jetzt meinen, daß dies doch aber eine ständige Unruhe hereinbringt, Chaos, Ungeregeltheit, endlose Palaver etc., so können wir davon ausgehen, daß es wohl allen Menschen so ginge und sie deshalb – jeweils in ihren Lebensbereichen – selbst darauf achten werden, einen praktikablen Umgang damit zu entwickeln. Ich und Du haben ihnen da nichts vorzuschreiben.
Ohne Druck und Repression jeglicher Art bleibt den Menschen freigestellt, welche Vereinbarungen sie treffen. Dies ist die neue Utopie. Sie hat Wurzeln – vor allem im anarchistischen Bereich. Sie erfüllt auch marxistische Forderungen, wie die nach Infragestellung von Verfügungsgewalt und Besitz. Aber ”sie versucht nicht, die Welt zu verbessern, sondern nur, den Menschen den Rücken zu stärken.” (Spehr). Sie hat keine anderen Sicherheiten, außer der, daß Menschen nicht gegen ihre Interessen handeln.
Das neue utopische Denken fordert heraus: Macht einfach, was Ihr wollt! Wartet nicht auf die große Theorie, das große Konzept – denkt selber nach. Wartet nicht auf einen Führer, Organisator – gestaltet Organisierungsformen, die so was nicht brauchen. Und vor allem: macht, was Ihr wirklich wollt!

Literatur:
Christoph Spehr: Gleicher als Andere. Eine Grundlegung der Freien Kooperation, Bremen 2000
Stefan Meretz: Linux & Co. Freie Software. Ideen für eine andere Gesellschaft, Neu-Ulm 2000
Christian Semler: Geschichte ohne Happy End. In: die tageszeitung, 2. Juni 2000, S. 12
Wolfe, Robert Hewitt: In: SPACE View. Das Sci-Fi Magazin, November/Dezember 2000, S. 7

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