Abwehr der Ordnung

WAS IST DER MENSCH?

Abhängigkeit, Geborgenheit, Losgelöstsein


1. Warum die Frage?
2. Was prägt den Menschen?
3. Abhängigkeit, Geborgenheit, Losgelöstsein
4. Fluchten: Die Matrix der Geborgenheit
5. Statt Fluchten: Subjekt des eigenen Lebens werden
6. Entfesselte Autonomie?
7. Buchvorstellungen zum Themenbereich

In der Evolution des Lebens entstanden - wie schon in der vorgelagerten und weiterlaufenden Evolution der Materie auch - immer komplexere Formen. Das ist nicht nur ein linearer Prozess, sondern immer wieder entstanden qualitativ neue Möglichkeiten, die in der Rückschau wie Sprünge wirken, weil sich plötzlich neue Entwicklungschancen boten. Tatsächlich bestanden auch diese "Sprünge" aus langen Prozessen, doch der Zeitraffer der Geschichtsschreibung prägt die Wahrnehmung als qualitativer Sprung. Ein solcher "Sprung" war die Entstehung einer sich selbst reproduzierenden Vielheit von Molekülen in mehr oder minder stabiler Anordnung: Das Leben. Ob die Übertragung der Baupläne des Lebens per DNA und zugehöriger Moleküle ein weiterer Sprung war oder schon recht früh (in irgendeiner Vorläuferversion) die Entwicklung prägte, weiß niemand sicher. Zweigeschlechtlichkeit, Energiegewinnung aus dem Sonnenlicht, Sauerstoffatmung und vieles mehr sind qualitative Fortentwicklungen. Sie verändern nicht nur das Leben selbst, sondern auch die Möglichkeiten der Weiterentwicklung, d.h. mit den neuen Qualitäten sind neue Mechanismen für zukünftige Veränderungen entstanden. Materie und Leben verändern nicht nur sich selbst, sondern auch die Bedingungen, unter denen sie sich verändern.
Ein solcher "Sprung" stellt die Entstehung von Bewusstsein dar. Zwar dürfte als widerlegt gelten, dass nur Menschen ein solches haben, aber das ist für diese Betrachtung ohne Belang. Es zeigt nur, dass Bewusstsein ebenfalls das Ergebnis eines sehr langen Prozesses ist, der eine Vielzahl materieller Grundlagen zu haben scheint:
  • Die Größe des Gehirns als Ort unvorstellbar komplexer und sich ständig verändernder Verdrahtungen nahm zu. Das Gehirn frisst heute im menschlichen Körper 15 Prozent aller Energie - ein bemerkenswerter Anteil, der verdeutlicht, welch ein ständiges Kommen und Gehen von Materie sich hier abspielt.
  • Immer längere Tragezeiten (bei Säugetieren) und eine sehr lange Entwicklungsphase von der Geburt bis zur Geschlechtsreife bzw. dem Ausgewachsensein.
  • Eine frühe und intensive Kommunikation der Heranwachsenden mit vielen Anderen.

Als Ergebnis dieser (und möglicherweise noch vieler anderer) Eigenschaften des bewusstseinstragenden Lebens ist eine Denkqualität entstanden, die nicht nur in einer koordinierten Reaktion auf äußere Bedingungen und einer Steuerung des eigenen Verhaltens besteht, sondern all das reflektiert. Der Mensch kann sich selbst erkennen, sich betrachten, sich gedanklich quasi außerhalb seiner selbst stellen. So lassen sich das eigene Leben, die eigenen Handlungsmöglichkeiten und die äußeren Bedingungen beobachten, abwägen und auf dieser Basis Entscheidungen für dann folgende Tätigkeiten treffen. Das Geschehen wird abstrahiert, in Wörter und Wertungen gepackt. Komplizierte Gebilde wie ganze Gesellschaften oder der gesamte Kosmos werden in Begriffen festgehalten. Dieses Abstraktionsvermögen löst den Menschen aus seiner unmittelbaren Einheit mit der Umwelt und mit sich selbst, zumindest mit seiner materiellen Grundlage, dem Körper. Zwar ist auch das Bewusstsein nicht anderes als ein im Gehirn materiell verankertes Ereignis, aber es ist eben in seinem Abstraktionsvermögen eine Illusion besonderer Art, weil es sich scheinbar loskoppelt. Das Paradoxon, dass eine materiell bestimmte Denkleistung so ausfällt, dass sie nicht mehr einfach nur in dieser materiellen Grundlage gefangen ist, macht das besondere von Bewusstsein aus und gibt dem Menschen die relative Freiheit, durch Abwägen, Hinterfragen, Experimentieren und Kreativität innerhalb der bestehenden Grenzen Handlungsmöglichkeiten zu entdecken oder die Grenzen zu verschieben. Die Zwänge werden zu Impulsen, denen sich auch - bei mehr oder weniger klarer Vorhersehbarkeit der Folgen - widersetzt werden kann.
Es geschieht aber noch etwas Anderes: Dem Menschen geht die unmittelbare Kopplung des Denkens an die durch materielle Grundlagen bestimmten Vorgaben verloren. Es fühlt sich so an, als wäre da nichts mehr an Bestimmtheit. Das Bewusstsein trennt die vorher unmittelbar verbundenen Denken und Handeln. Die Chance zur Abwägung, Reflexion, zum Entscheiden und Sich-verantwortlich-Fühlen ist immer da. Der Mensch ist hinausgeworfen aus direkten Kopplung von Reiz und Reaktion. Er muss selbst entscheiden oder sich neuen, externen Handlungsleitlinien unterwerfen. Er ist subjektiv isoliert von der Bestimmtheit durch die Natur. Es gibt keinen Anspruch mehr auf Vertrauen, Geborgenheit und Verlässlichkeit.

Im Original: Hinausgeworfen in die Welt
Aus Ulrich Klemm, 2005: "Freiheit & Anarchie", edition AV in Lich (S. 13)
Mit der neuzeitlichen Idee der Freiheit entfremdet sich der Mensch ideengeschichtlich und psychologisch von der Sicherheit transzendentaler Bindung und Orientierung und unterbricht die mittelalterliche Einheit von Gott und Mensch und einer Gesellschaftsordnung, die nicht auf der Gleichheit, Freiheit und Individualität der Menschen basiert.

Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 7, mehr Auszüge)
Im gesellschaftlichen Sinne leben wir in einer verzweifelten Unsicherheit über die Beziehungen der Menschen untereinander. Wir leiden nicht nur als Individuen unter Entfremdung und Konfusion über unsere Identität und unsere Ziele; unsere ganze Gesellschaft, als Einheit gesehen, scheint sich über ihre eigene Natur und Zielsetzung unklar zu sein.

"Anarchismus", Primus Verlag in Darmstadt (S. 91)
Anarchismus ist die Haltung der permanenten Erzeugung, Um- und Neuschaffung der (sozialen) Welt. Die Ethik als das wesentliche Gebiet des Anarchismus macht die Welt zum Charakter- und Willensproblem.

Aus Erich Fromm, "Psychoanalyse und Ethik" (S. 150-151)
Mit Beginn der Neuzeit wurde der Mensch vor die Aufgabe gestellt, sich selbst als ein unabhängiges Wesen erleben zu müssen; damit wurde die eigene Identität zum Problem. In Laufe des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts wurde der Begriff des Ich mehr und mehr eingeengt. Man nahm an, daß der Besitz, den man habe, das Ich darstelle. Die Definition lautete nicht mehr "Ich bin, was ich denke", sondern "Ich bin, was ich habe". Und das hieß: "Ich bin, was ich besitze". Unter dem immer stärker werdenden Einfluß des Marktes wandelte sich der Begriff des Ich in den letzten Generationen von der Bedeutung "Ich bin, was ich besitze" zu der Bedeututng "Ich bin, wie ihr mich wünscht".

Aus Fromm, Erich (1985): "Über den Ungehorsam", dtv München
Meiner Ansicht nach besteht die Antwort darin, dass das Wesen des Menschen eben in dem Widerspruch liegt, dass er einerseits der Natur angehört und gegen seinen Willen zu irgendeinem zufälligen Zeitpunkt an einem zufälligen Ort in die Welt geworfen und wieder aus ihr herausgenommen wird, und dass er gleichzeitig die Natur transzendiert, weil seine Instinktausrüstung mangelhaft ist und weil er sich seiner selbst und der anderen Menschen sowie der Vergangenheit und der Gegenwart bewußt ist. Der Mensch, eine »Laune der Natur«, würde sich auf unerträgliche Weise allein fühlen, wenn er den Widerspruch nicht dadurch auflösen könnte, dass er eine neue Form der Einheit findet. Der wesensmäßige Widerspruch in seiner Existenz zwingt den Menschen, nach einer Lösung für diesen Widerspruch zu suchen, um eine Antwort auf die Frage zu finden, die ihm das Leben vom Augenblick seiner Geburt an stellt. Es gibt eine ganze Anzahl von unmittelbaren, aber nur beschränkt gültigen Antworten darauf, wie man zur Einheit finden kann. Der Mensch kann zur Einheit finden, indem er versucht, auf die Stufe des Tieres zu regredieren, indem er alles von sich weist, was spezifisch menschlich ist (Vernunft und Liebe), indem er ein Sklave oder ein Sklaventreiber wird, indem er sich in ein Ding verwandelt - oder aber, indem er seine spezifisch menschlichen Kräfte soweit entwickelt, dass er zu einer neuen Einheit mit seinen Mitmenschen und mit der Natur findet (wobei letzteres für Marx besonders wichtig war), indem er zu einem freien Menschen wird - frei nicht nur von den Fesseln, sondern auch frei für die Entwicklung all seiner Fähigkeiten, um sie zu seinem eigentlichen Lebenszweck zu machen, indem er zu einem Menschen wird, der seine Existenz seinem eigenen produktiven Bemühen verdankt. ... Bei jedem Schritt in seinem eigenen, historischen Leben sieht sich der Mensch vor eine Anzahl »realer Möglichkeiten« gestellt. Diese Möglichkeiten sind als solche determiniert, da sie das Resultat der Gesamtheit der Umstände sind, unter denen er lebt. Aber dem Menschen steht die Wahl zwischen Alternativen offen, wenn er sie und die Konsequenzen seiner Entscheidung ... erkennt, ...

Heinz von Förster/Bernhard Pörksen (8. Auflage 2008), „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“, Carl Auer Verlag in Wiesbaden (S. 34 f.)
B.P. ... Menschen kommen doch gar nicht ohne die Sehnsucht nach etwas Endgültigem und Fraglosern aus. Sie brauchen die Sicherheit des Absoluten.
H.F. Für mich ist diese Sicherheit des Absoluten, die einem Halt geben soll, etwas Gefährliches, das einem Menschen die Verantwortung für seine Sicht der Dinge nimmt. Mein Ziel ist es, eher die Eigenverantwortung und die Individualität des einzelnen zu betonen. Ich möchte, dass er lernt, auf eigenen Füßen zu stehen und seinen persönlichen Anschauungen zu vertrauen. Mein Wunsch wäre es, dem anderen zu helfen, seine ganz eigenen Vorstellungen, seine eigenen Gedanken, seine eigene Sprache zu entwickeln, ihm zu helfen, seine Beobachtungsgabe zu schärfen, seine eigenen Augen und Ohren zu benutzen.


Erich Fromm (1990): „Die Furcht vor der Freiheit“, dtv in München
Solange man ein integrierter Teil jener Welt war und sich der Möglichkeiten und der Verantwortlichkeit individuellen Tuns noch nicht bewußt war, brauchte man auch keine Angst davor zu haben. Ist man erst zu einem Individuum geworden, so ist man allein und steht der Welt mit allen ihren gefährlichen und überwältigenden Aspekten gegenüber. ... (S. 28)
Genau wie ein Kind physisch niemals In den Mutterleib zurückkehren kann, so kann es auch psychisch den Individuationsprozeß niemals wieder rückgängig machen. Alle Versuche, es doch zu tun, nehmen daher zwangsläufig den Charakter einer Unterwerfung an, bei dem der grundsätzliche Widerspruch zwischen der Autorität und dem Kind, das sich unterwirft, nie beseitigt wird. ... (S. 28)
Freiheit im eben besprochenen Sinne ist ein zwiespältiges Ge schenk. Der Mensch wird ohne die für ein zweckmäßiges Handeln geeignete Ausrüstung, wie sie das Tier besitzt, geboren. (Vgl. R. Linton, 1936, Kap. IV.) Er ist länger als jedes Tier von seinen Eltern abhängig, und seine Reaktionen auf die Umgebung sind langsamer und weniger wirksam, als es bei automatisch ablaufenden instinktiven Handlungen der Fall ist. Er macht alle Gefahren und Ängste durch, die mit diesem Fehlen einer Instinktausrüstung verbunden sind. Aber gerade diese Hilflosigkeit des Menschen ist der Ursprung der mensch lichen Entwicklung. Die biologische Schwäche des Menschen ist die Voraussetzung der menschlichen Kultur. (S. 30)
Dieser Mythos setzt den Beginn der Menschheitsgeschichte mit einem Akt der Wahl gleich, doch betont er höchst nachdrücklich die Sündhaftigkeit dieses ersten Aktes der Freiheit und das sich daraus ergebende Leiden. Mann und Frau leben im Garten Eden in vollkommener Harmonie miteinander und mit der Natur. Es herrscht Friede, und es besteht keine Notwendigkeit zu arbeiten. Auch gibt es keine Entscheidungen zu fällen, keine Freiheit und auch kein Denken. Dem Menschen ist es verboten, vom Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen. Er mißachtet Gottes Gebot und zerstört dadurch den Zustand der Harmonie mit der Natur, von der er zunächst ein Teil ist und die er nicht transzendiert. Vom Standpunkt der Kirche aus, welche die Autorität repräsentiert, ist diese Handlung ihrem Wesen nach eine Sünde. Vom Standpunkt des Menschen aus bedeutet sie dagegen den Anfang der menschlichen Freiheit. Gegen Gottes Gebot handeln, heißt sich vom Zwang befreien, aus der unbewußten Existenz des vormenschlichen Lebens zum Niveau des Menschen emportauchen. Gegen das Gebot der Autorität handeln, eine Sünde begehen, ist in seinem positiven menschlichen Aspekt der erste Akt der Freiheit, das heißt die erste menschliche Tat. Im Mythos besteht die Sünde in ihrem formalen Aspekt darin, dass der Mensch gegen Gottes Gebot handelt; in materialer Hinsicht besteht sie im Essen vom Baume der Erkenntnis. Der Akt des Ungehorsams als ein Akt der Freiheit ist der Anfang der Vernunft. Der Mythos spricht auch noch von weiteren Konse quenzen dieses ersten Aktes der Freiheit. Die ursprüngliche Harmo nie zwischen Mensch und Natur ist zerbrochen. Gott erklärt den Krieg zwischen Mann und Frau, den Krieg zwischen der Natur und dem Menschen. Der Mensch wird von der Natur abgesondert, er hat den ersten Schritt getan, dadurch menschlich zu werden, dass er ein »Individuum« wird. Er hat die erste Tat der Freiheit vollbracht. Der Mythos betont, dass diese Tat Leiden zur Folge hat. Der Mensch, der die Natur transzendiert, der sich von ihr und einem anderen menschli chen Wesen entfremdet, findet sich nackt und schämt sich. Er ist allein und frei, aber machtlos und voller Angst. Die neugewonnene Freiheit erscheint ihm als Fluch. Er ist frei von der süßen Knechtschaft des Paradieses, aber er besitzt noch nicht die Freiheit zur Selbstbestimmung, seine Individualität zu realisieren. (S. 31)
Die primären Bindungen des Menschen blockieren seine volle Entfaltung. Sie stehen der Entwicklung seiner Vernunft und seinen kritischen Fähigkeiten im Wege; sie machen, dass er sich und die anderen nur durch das Medlum seiner beziehungsweise ihrer Zugehörigkeit zu einer Sippe, einer sozialen oder religiösen Gemeinschaft, und nicht als menschliches Wesen erlebt; mit anderen Worten: Sie blockieren seine Entwicklung zu einem freien, über sich selbst bestimmenden, produktiven Individuum. Das ist der eine Aspekt, aber es gibt noch einen anderen. Diese Identität mit der Natur, der Sippe, der Religion gibt dem einzelnen auch Sicherheit. Er gehört zu einem strukturierten Ganzen, er ist darin verwurzelt und hat darin seinen Platz, den ihm niemand streitig macht. Er kann durch Hunger oder Unterdrückung leiden, aber er leidet nicht an dem Allerschmerzlichsten - an völliger Einsamkeit und Zweifel.
Wir sehen, dass der Prozeß wachsender menschlicher Freiheit den gleichen dialektischen Charakter besitzt, den wir beim Prozeß des individuellen Wachstums beobachten konnten. Auf der einen Seite handelt es sich um einen Prozeß der zunehmenden Stärke und Integration, der Meisterung der Natur und der zunehmenden Beherrschung der menschlichen Vernunft, der wachsenden Solidarität mit anderen Menschen. Zum anderen aber bedeutet diese wachsende Indl viduation auch zunehmende Isolierung, Unsicherheit und, hierdurch bedingt, zunehmenden Zweifel an der eigenen Rolle im Universum, am Sinn des eigenen Lebens und, durch das alles bedingt, ein wachsendes Gefühl der eigenen Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit als Individuum
(S. 32)
Dieses Mißverhältnis zwischen Freiheit von jeder Bindung und dem Mangel an Möglichkeiten zu einer positiven Verwirklichung der Freiheit und Individualität hat in Europa zu einer panikartigen Flucht vor der Freiheit in neue Bindungen oder zum mindesten in eine völlige Gleichgültigkeit geführt.(S. 33)
Visionäre Denker des 19. Jahrhunderts haben die Lage, in der sich der einzelne heute befindet, bereits vorausgesehen. Kierkegaard beschreibt das hilflose, von Zweifeln geplagte und zerrissene Individuum, das vom Gefühl seiner Einsamkeit und Bedeutungslosigkeit überwältigt ist. Nietzsche hält uns den auf.kommenden Nihilismus vor Augen, der dann im Nazismus akut werden sollte, und zeichnet das Bild eines »Übermenschen« als Negation des unbedeutenden, rieb tungslosen Individuums, dem er in der Wirklichkeit begegnete. Franz Kafka hat das Thema der Machtlosigkeit des Menschen in seinem Werk auf höchst präzise Weise zum Ausdruck gebracht. In seinem Roman "Das Schloß" schildert er einen Mann, der mit den geheimnis vollen Bewohnern eines Schlosses Verbindung aufnehmen will, die ihm sagen sollen, was er zu tun hat, und die ihm seinen Platz in der Welt zeigen sollen. Sein ganzes Leben erschöpft sich in dem leiden schaftlichen Bemühen, mit ihnen in Berührung zu kommen, aber es gelingt ihm nie, und er bleibt allein mit einem Gefühl äußerster Sinnlosigkeit und tiefster Hilflosigkeit.
Auch Julian Green hat dem Gefühl der Isolierung und Ohnmacht des Menschen auf großartige Weise Ausdruck verliehen, wenn er sagt: »Ich war mir bewußt, dass wir im Vergleich mit dem Universum nur wenig zählten, ich wußte, dass wir nichts waren; aber so grenzenlos nichts zu sein scheint mir irgendwie sowohl überwältigend als auch gleichzeitig tröstlich. jene Gestalten und Dimensionen, die über den Bereich menschlichen Denkens hinausreichen, sind völlig überwältigend. Gibt es etwas, woran wir uns halten können? Mitten im Chaos der Illusionen, in das wir kopfüber hineingeworfen sind, gibt es nur eines, das sich als wahr erweist - die Liebe. Alles andere ist nichts, eine einzige große Leere. Wir spähen hinab in einen riesigen, tiefen Abgrund. Und wir haben Angst« U. Green, 1939). Aber dieses Gefühl der Isolierung und Ohnmacht des einzelnen, wie es diese Autoren zum Ausdruck bringen und wie es viele sogenannte Neurotiker spü ren, wird vom normalen Durchschnittsmenschen nicht bewußt wahrgenommen. Dazu ist es zu angsterregend. Er überdeckt es mit der Routine seiner Alltagstätigkeit, mit der Bestätigung und Anerken nung, die er in seinen privaten und gesellschaftlichen Beziehungen findet, mit seinem geschäftlichen Erfolg, mit allen möglichen Zer streuungen, damit, dass er sich amüsiert, dass er Bekanntschaften schließt und »ausgeht«. Aber das Pfeifen im Dunkeln macht die Nacht noch nicht hell. Einsamkeit, Angst und innere Unruhe bleiben, und die kann der Mensch auf Dauer nicht ertragen. Er kann die Last der "Freiheit von" nicht immer weitertragen. Er muss versuchen, der Freiheit ganz zu entfliehen, wenn es ihm nicht gelingt, von der negativen zur positiven Freiheit zu gelangen. Die bevorzugteste Möglichkeit, die uns die Gesellschaft heute als Fluchtweg anbietet, ist die Unterwerfung unter einen Führer, wie das in faschistischen Ländern der Fall ist, und die zwanghafte Konformität, wie sie in unserer eigenen Demokratie üblich ist.
(S. 101f)
Die Mechanismen, die wir in diesem Kapitel erörtern, sind Fluchtmechanismen, die aus der Unsicherheit des isolierten Einzelmenschen resultieren.
Nachdem er die primären Bindungen, die ihm Sicherheit gaben, durchtrennt hat und der Welt als völlig separate Größe gegenübersteht, bleiben ihm zwei Möglichkeiten, den unerträglichen Zustand seiner Ohnmacht und Einsamkeit zu überwinden. Der eine Weg führt in die »positive Freiheit«. Der Mensch hat die Möglichkeit, spontan in Liebe und Arbeit mit der Welt in Beziehung zu treten und auf diese Weise seinen emotionalen, sinnlichen und intellektuellen Fähigkeiten einen echten Ausdruck zu verleihen. Auf diese Weise kann er mit seinen Mitmenschen, mit der Natur und mit sich selbst wieder eins werden, ohne die Unabhängigkeit und Integrität seines individuellen Selbst aufzugeben. Der andere Weg, der ihm offensteht, ist zu regredieren, seine Freiheit aufzugeben und den Versuch zu machen, seine Einsamkeit dadurch zu überwinden, dass er die Kluft, die sich zwischen seinem Selbst und der Welt aufgetan hat, beseitigt. Dieser zweite Weg kann niemals zu einer solchen Einheit mit der Welt führen, wie sie war, bevor der Mensch zum »Individuum« wurde, denn seine Lostrennung läßt sich nicht rückgängig machen. Es handelt sich um eine Flucht aus einer unerträglichen Situation, die ein Weiterleben auf Dauer unmöglich machen würde. Dieser Ausweg hat daher Zwangscharakter wie jede Flucht vor einer drohenden Panik; außerdem kennzeichnet ihn die mehr oder weniger vollständige Aufgabe der Individualität und Integrität des Selbst. Daher handelt es sich nicht um eine Lösung, die zu Glück und positiver Freiheit führt; es ist im Prinzip eine Lösung, wie sie für alle neurotischen Phänomene kennzeichnend ist. Sie mildert eine unerträgliche Angst und macht durch die Vermeidung einer Panik das Weiterleben möglich. Aber das zugrundeliegende Problem ist damit nicht gelöst, und man muss dafür mit einem Leben bezahlen, das oft nur noch aus automatischen oder zwanghaften Handlungen besteht.
(S. 174)
Wir sind stolz darauf, dass wir keiner äußeren Autorität unterworfen sind, dass wir unsere Gedanken und Gefühle frei äußern können und halten es für selbstverständlich, dass diese Freiheit uns beinahe automatisch unsere Individualität garantiert. Das Recht der Gedankenfreiheit bedeutet jedoch nur dann etwas, wenn wir auch fähig sind, eigene Gedanken zu haben. Die Freiheit von einer äußeren Autorität ist nur dann ein dauernder Gewinn, wenn unsere inneren psychologischen Bedingungen derart sind, dass wir auch in der Lage sind, unsere Individualität zu behaupten. Haben wir dieses Ziel erreicht, oder nähern wir uns ihm wenigstens?(S. 105f)
Trotzdem ist das alles doch ein Hinweis darauf, dass man eine vage Vorstellung von der Wahrheit hat - nämlich dass der heutige Mensch in der Illusion lebt, er wisse, was er wolle, während er in Wirklichkeit nur das will, was er nach Ansicht der anderen wollen sollte. Um das einzusehen, muss man sich darüber klarwerden, dass es nicht - wie die meisten meinen - verhältnismäßig einfach ist zu wissen, was man wirklich will, sondern dass es sich dabei um eines der schwierigsten Probleme handelt, die der Mensch zu lösen hat. Es ist eine Aufgabe, der wir krampfhaft dadurch aus dem Wege zu gehen suchen, dass wir fertig angebotene Ziele akzeptieren, als ob es unsere eigenen wären. Der heutige Mensch ist bereit, große Risiken auf sich zu nehmen beim Versuch, die Ziele zu erreichen, die angeblich »seine« Ziele sind, aber er hat eine tiefe Angst davor, das Risiko und die Verantwortung auf sich zu nehmen, sich seine eigenen Ziele zu setzen. Eine intensive Aktivität wird oft irrtümlich als Beweis dafür angesehen, dass man sein Handeln selbst bestimmt, wenn wir auch wissen, dass es vielleicht nicht spontaner ist als das Verhalten eines Schauspielers oder eines Hypnotisierten. Wenn die Rollen verteilt sind, kann jeder Schauspie ler mit Elan seine Rolle spielen und dabei sogar in bezug auf den Text und Einzelheiten seines Spiels etwas improvisieren. Aber er spielt doch nur die Rolle, die ihm übertragen wurde. (S. 183)

Aus José Antonio Marina (2011), „Die Passion der Macht“ (S. 39f)
Entscheidungen zu treffen kann manche Personen begeistern und andere ängstigen. Für viele Leute bedeutet das eine Last, die sie nicht tragen können. Es bedrängt sie die Angst vor der Freiheit. Ich glaube, wer behauptet, das nie gekannt zu haben, ist nicht aufrichtig. Der Wunsch, in den mütterlichen Schoß zurückzukehren, sich wieder als Kind und geschützt zu fühlen, ist ein allgemeiner Traum, und viele Sekten profitieren äußerst wirkungsvoll von dieser Nostalgie. Das Phänomen des Nazismus — die Unterwerfung, mit der das deutsche Volk eine so furchtbare Diktatur ertrug - hat zahlreiche Untersuchungen gezeitigt, die präzisieren, was man «autoritäre Personalität» nennt. Dies ist nicht jemand, der Macht ausüben wollte, sondern der eine starke Macht braucht, um sich ihr zu unterwerfen. Erich Fromm war in diesen Untersuchungen am weitesten, weil er 1929 auf der Grundlage von Umfragen bei deutschen Arbeitern einen «autoritären Typus» beschrieb, der durch einen starken emotionalen Hang definiert ist, sich starken Führern zu unterwerfen, Symbolfiguren von Kraft und Macht, sowie durch eine auffällige Tendenz, sich mit ihnen zu identifizieren, um Sicherheit zu finden. … in Psychoanalyse und Ethik sprach er von einem «autoritären Bewusstsein», das durch die Verinnerlichung äußerer Autoritäten charakterisiert ist, deren Normen und Bestrafungen ebenfalls verinnerlicht werden (Eltern, anerkannte Hierarchien, Staat}. Die Identifikation mit der Autorität verschafft diesen Personen ein Gefühl des Wohlseins und der Sicherheit. Es funktioniert wie eine Belohnung.

Dieses "Hinausgeworfensein in die Welt" ist typisch menschlich und eine Folge seiner spezifischen Entwicklung, die eine materielle Grundlage hat. Das große Gehirn, das in einer langen Kindheits- und Jugendphase zu ungeahnter Komplexität und Dynamik heranreift, stellt in Verbindung mit den für Gebrauch von Werkzeugen hervorragend geeigneten Körperbau (vor allem der Hände) die Voraussetzung für eine Abstraktion von den Umgebungsbedingungen dar.
Das Gefühl von Leere, Unsicherheit und Überforderung sind die Folge. Der Mensch hat die Wahl: Sie einen eigenen Standpunkt in der Welt erarbeiten oder zu fliehen. Ein Zurück in den Mutterleib als Bild des Wunsches nach Geborgenheit ohne gefühltes "Ich", in verschiedenen psychologischen Diagnosen ja attestiert, gibt es nicht. Nur Flucht oder Selbstentfaltung.

George Bernard Shaw,Schriftsteller
Freiheit heisst Verantwortung. Deshalb wird sie von den meisten Menschen gefürchtet.

Jean-Paul Sarte: "Freiheit heißt zum Freisein verurteilt sein"
Aus der Seite "Sinn des Lebens" von Frank Ertel
Der Existenzialismus beschäftigte sich besonders intensiv mit der Problematik des Lebenssinns. Im Mittelpunkt steht die Erkenntnis, dass es jedem Menschen aufgegeben ist, frei zu wählen und zu entscheiden, was er mit seinem Leben tun will.
Jean-Paul Sartre formulierte hierzu: „Frei sein heißt zum Freisein verurteilt sein.“[26] Der Mensch ist in die Welt „hineingeworfen“ worden und müsse sich nun selbst definieren. Das bedeutet: Der Mensch sei nichts anderes als das, wozu er sich selbst macht. Er konzipiert ständig neue Entwürfe von sich, die er dann (nach)lebt. Diese totale Freiheit bedeute aber auch die Bürde einer vollständigen Verantwortung für sich und sein Handeln, denn das eigene Leben könne durch keine andere, höhere Instanz mehr entschuldigt werden.

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