Religionskritik

HORIZONTALITÄT UND OFFENE SYSTEME: RÄUME, KOMMUNIKATION ... OHNE PRIVILEGIEN

Gleiche Möglichkeiten für alle: Horizontalität in Gesellschaft und Subräumen


1. Einleitung
2. Verhandeln ohne Regeln und Metaebenen
3. Gleiche Möglichkeiten für alle: Horizontalität in Gesellschaft und Subräumen
4. Worauf ist dann noch Verlass?
5. Anwendungsfelder
6. Das Gesamte: Eine Welt, in der viele Welten Platz haben ...
7. Links

Nehmen wir eine beliebige Alltagslage, z.B. am Arbeitsplatz. Zwei Menschen treffen aufeinander. EineR ist schon ein Jahr im Betrieb, kennt die Abläufe allmählich etwas. Er/sie ist vor einem Jahr neu gewesen, unsicher, froh über Andere, die Hinweise gaben über richtiges Verhalten, Fettnäpfchen und soziale Codes an diesem Ort. Aber ebenso verärgert darüber, als Nesthäkchen betrachtet zu werden, die blöden Arbeiten zugeschoben zu bekommen und nicht so richtig für voll genommen zu werden. Nun kommt jemand Neues - und wie automatisch kippt das Bild. Nun ist die/der Neue vom letzten Jahr schon etwas erfahren - und die/der Neue ist froh, in ihm/ihr eine Person zu finden, die die zur Integration in übliche Verhaltensweisen nötigen Tipps gibt. Ständig reproduzieren sich so die Hierarchien zwischen den Personen - und ständig wird so mit der Macht dieser hierarchischen Sortierungen das Alte gegenüber dem Neuen durchgesetzt. So manch einE NeueR wird eigene Ideen nie entwickeln oder schnell vergessen bei der Zurichtung auf das Normale. Diese Zurichtung wird sogar noch als angenehm erlebt, weil sie Unsicherheiten zuschütten kann.

Damit alle Menschen auch tatsächlich gleiche Möglichkeiten haben, bedarf es nicht nur des Verschwindens von Zugangsbarrieren und Privilegien. Sondern es müssen auch praktisch Vorkehrungen getroffen werden, die Barrieren beseitigen. Diese können im mangelnden Wissen um die Existenz oder um die Methode der Nutzung der Ressourcen liegen. Was nützt ein Presseverteiler, der im Prinzip zugänglich in einer Schublade oder auf einer Festplatte liegt, aber die meisten nicht wissen, wo? Hier bedarf es eines bewussten und aktiven Managements von Ressourcenzugang, erklärenden Anleitungen oder Einführungskursen bis zur überlegten Gestaltung von Gebäuden, dass überhaupt alle an jeden Ort gelangen können.
Eine andere Ungleichheit ist versteckter. Die Beteiligten kommen mit unterschiedlichen Voraussetzungen in einen sozialen Raum. Ihre Möglichkeiten, sich dort zu entfalten, sind auch durch das bestimmt, was sie außerhalb des Raumes sind und haben. Wer z.B. über ausreichend Reichtum verfügt, kann kooperieren, muss aber nicht, um z.B. Materialien zu beschaffen, Dinge zu organisieren, etwas drucken zu lassen oder was auch immer. Wer dieses Geld nicht hat, ist zur Kooperation mit der ressourcenverfügenden Gruppe gezwungen. Wer den ganzen Abend und auch noch die Nacht Zeit hat, kann anders diskutieren und Debatten zerlabern wie das alleinerziehende Elternteil, das um 21 Uhr wieder zuhause sein muss. Es wäre eine spannende Aufgabe, diese Unterschiede abzubauen. Es gibt kaum eine soziale oder politische Gruppe, die diesen Anspruch überhaupt als ihren begreift.

Im Original: Gleiche Möglichkeiten
Aus Mühsam, Erich (1933): "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat", Nachdruck bei Syndikat A und im Internet (S. 10, mehr Auszüge)
Der Begriff der Gleichheit möge nicht in der Bedeutung von Gleichmacherei verstanden werden. Im Gegenteil ist die Forderung der Gleichheit nichts anderes als die Forderung: Gleiches Recht für alle! Das heißt: gleiche Bedingungen für einen jeden, seine Anlagen zu ihren günstigsten Möglichkeiten zu entwickeln. Wirtschaftliche Gleichheit besagt soviel wie Ausschaltung aller aus widrigen Umständen, zumal aus Mangel, erwachsenen Störungen, die die Entfaltung der Individualität in ihrer Verschiedenheit von allen anderen Individualitäten behindern. Gleichheit, als Gleichberechtigung verstanden, unterbindet nicht, sondern ermöglicht erst das Wachstum der Persönlichkeit.

Aus Bakunin, Michail (1866): "Zusammenfassung der Grundideen des Revolutionären Katechismus" (Quelle)
Die ökonomische Gleichheit und soziale Gerechtigkeit sind unmöglich, solange nicht in der Gesellschaft für jedes ins Leben tretende menschliche Wesen vollständige Gleichheit des Ausgangspunkts besteht, gebildet durch Gleichheit der Mittel für Unterhalt, Erziehung und Unterricht und später für Betätigung der verschiedenen Fähigkeiten und Kräfte, welche die Natur in jeden einzelnen gelegt hat. Abschaffung des Erbrechts.

Aus Dahn, Daniela: "Staat ohne Scham", in: Freitag, 16.12.2010 (S. 1)
Anhand von UNO-Statistiken wiesen zwei britische Forscher nach, dass Wohlbefinden nicht davon abhängt, wie viel man besitzt, sondern wie gleichmäßig der Reichtum verteilt ist. Denn Ungleichheit erzeugt Stress, der krankmachende Hormone ausschüttet, führt zu Gewalt, Alkoholkonsum, Konflikten und Zukunftsangst. Zu einer Gesellschaft, in der selbst die Reichen gefährdet sind.


Horizontalität ist etwas anderes als Gleichmacherei oder Gleichheit. Ganz im Gegenteil schafft sie die Voraussetzung von individueller Vielfalt. Denn wenn Menschen aus der Fülle von Möglichkeiten frei wählen oder auch neue schaffen können, ohne dass Erwartungshaltungen, soziale Rollen, Zurichtungen und Verhältnisse, Normen und Diskurse ihnen die Wahl einschränken, kann Differenz zum Ausdruck kommen, weil jede Selbstentfaltung ihre eigenen Wege wählt.

Aus Bookchin, Murray (1981): "Hierarchie und Herrschaft", Karin Kramer Verlag in Berlin (S. 34)
Jedoch können wir uns nicht vor der harten Tatsache drücken, dass dieses System beseitigt und durch eine Gesellschaft ersetzt werden muss, die das Gleichgewicht von Mensch und Natur wieder ins Lot bringt - eine ökologische Gesellschaft; deren erstes Werk müßte es sein, Justitiadie Augenbinde abzunehmen und die Ungleichheit der Gleichen wieder durch die Gleichheit der Ungleichen zu ersetzen.

Ein horizontales Netz verträgt keine Delegation, keine Vertretung, keine allgemeingültigen Beschlüsse und Konsense, denn für diese ist immer eine Gleichmachung und eine Vereinheitlichung der Vielfalt nötig. Die Prozesse dorthin stecken voller informeller Macht, die Ergebnisse produzieren Privilegien und Ungleichheiten (siehe im folgenden Kapitel).


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