Aktionsraum Gießen

BIOTOPSCHUTZ: ÖKOLOGISCHE GRUNDLAGEN

Das Mosaik der Landschaft


1. Struktur und Dynamik
2. Das Mosaik der Landschaft
3. Abiotische Faktoren
4. Biotische Faktoren
5. Links und Lesestoff

Sowohl die typische Struktur als auch die dynamischen Prozesse sind von Natur aus (dh ohne menschlichen Einfluß) nicht zufällig verteilt. Periodische Veränderungen sind fast immer eine logische Folge bestimmter Standortbedingungen und der Lage in der Landschaft. Reifeprozesse verlaufen in immer ganz ähnlich wiederkehrenden Stufen, und selbst die episodischen, dh unregelmäßigen Veränderungen haben zT nachweisbare Zyklen, zB des Waldbrandes in trockengeprägten Wäldern oder des Wasseranstaus in Flußtälern.
Tiere und Pflanzen haben sich an diese, bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgenden, Verhältnisse angepaßt. Viele Arten können ohne die typischen Strukturen oder ohne die jeweils typische Dynamik nicht überleben. Das gilt sowohl für die Lebensgemeinschaften der nicht durch menschliche Nutzung oder Überbauung betroffenen Lebensräume wie auch für die der Nutzflächen. Auch auf letzteren sind bis in das 19. Jahrhundert hinein Artengemeinschaften entstanden, die sich zwar an die jeweils spezifische Nutzungsart (zB Mahd, Beweidung, Holzeinschlag) anpassen mußten, in ihren Lebensräumen aber immer noch die sich aus der landschaftlichen Lage ergebenden Standortbedingungen und die Dynamik vorfanden.
Erst der massive Eingriff mit technischen Mitteln hat diese Situation so verändert, daß zahlreiche Tiere und Pflanzen der natürlichen und der genutzten Ökosysteme ausgestorben sind.
Für eine umfassende Naturschutzplanung ergibt sich das doppelte Ziel der Wiederherstellung bzw des Schutzes der noch oder ehemals typischen Dynamik sowie des Zulassens einer typischen Strukturvielfalt.

Im Einzelnen bedeutet das:
  • Ursprüngliche Dynamik herstellen
    Durch die Rücknahme technischer Bauwerke, von Veränderungen im Wasserhaushalt oder von Verlandungsprozessen sowie durch eine die natürliche Dynamik nachahmende Nutzung in Land- und Forstwirtschaft müssen die typischen Veränderungs- und Reifeprozesse wieder neu geschaffen bzw dauerhaft gesichert werden. Überschwemmungsbereiche müssen genauso wieder entstehen wie die dauerfeuchten Mulden, Sümpfe und Niedermoore. Am Seeufer müssen breite Uferstreifen sich selbst überlassen und geschützt, Bächen und Flüssen muß Raum für Erosion und Sedimentation gelassen werden. Frühere Dynamikprozesse wie Windwurf, Waldbrand usw müssen heute durch die Forstwirtschaft (kleine Kahlschläge mit anschließender Selbstentwicklung) und den Landbau (Brachen in Selbstentwicklung) nachgeahmt werden.
  • Naturgemäße Strukturen
    Der Strukturreichtum von Lebensräumen muß an die naturtypische Situation angepaßt werden. Soweit Lebensräume nicht sich selbst überlassen werden und dann mit der Zeit das naturgemäße Erscheinungsbild wiedererlangen, müssen Land- und Forstwirtschaft durch die Art der Nutzung das typische Bild entwickeln. Auf allen Flächen betrifft dies das Kleinrelief des Bodens mit Buckeln, Bodenwellen, Mulden, Abbruchkanten sowie die Dichte der Vegetation. (Spärlicher auf mageren, dichter auf fetten Böden.) Vor allem im Wald muß das standortgemäße Artenspektrum in passender Struktur entstehen. Ein schematischer Aufbau des Waldes entspricht nicht ökologischen Grundsätzen, vielmehr muß der typische Stockwerksaufbau vom tatsächlichen Standort abhängig gemacht werden. Etliche Böden vor allem im Berg- und Hügelland tragen strukturarme Buchenwälder (teilweise nur Hochstä mme bzw. Hochstamm-Krautschicht), andere reich strukturierte Mischwälder bis hin zu den verschlungenen und durchwachsenen Bruch und Auenwäldern bzw. den Trockenwäldern mit hohem Anteil an Lichtungen.
  • Typische Standortverhältnisse
    Wie im Wald sind auch in der offenen Landschaft die Strukturen der Lebensräume stark vom Standort abhängig. Wiesen und Weiden können fett sein, dh mit dicken Gräsern und breitblättrigen Kräutern bewachsen (zB in Auen), oder mager, dh mit nur dürren Gräsern und Kräutern bis hin zu unbewachsenen Stellen (zB an Trockenhängen). Hecken sind auf nährstoffreichen Böden als dichte Buschreihen sinnvoll, möglichst bis unten belaubt und mehrere Büsche nebeneinander. In trocken-mageren Landschaften wären dagegen eher lückige, krautreiche Hecken oder gar nur Krautstreifen mit Einzelbüschen passend.

Auf diese Weise kann jedem Ort eine Liste typischer Strukturen zugeordnet werden. Nur ein Waldtyp, nur ein Wiesen- sowie ein Weidentyp usw sind jeweils typisch. Anzustreben ist dieser standorttypische Zustand, nicht irgendein schematisch festgelegter, allgemeingültiger Strukturtyp, wie er oft in der Naturschutzliteratur zu finden ist.


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