Abwehr der Ordnung

VOLK UND STAAT ALS HÖHERE INSTANZEN: DIE GOTTESÄHNLICHKEIT DES VOLKSBEGRIFFES

Eine Moral für die Demokratie!


1. Das Volk als Ganzes und göttliche Kraft
2. Demokratie, Staat, Volk und Göttlichkeit
3. Geschichte: Herrschen als göttliches Wollen
4. Demokratie als Religion
5. Eine Moral für die Demokratie!
6. Weitere Links zu Demokratie und Rechtsstaat

Im Original: Demokratie und Seele
Aus dem Vorwort "Der Demokratie eine Seele?" und dem Text "Hat die Demokratie eine Seele?" des Chefredakteurs Erhard O. Müller, in: Mehr Demokratie 1/2006 (S. 3, 6 ff.)
Über die Grundlagen der Demokratie ist viel geredet und geschrieben worden. Ist sie nur ein Verfahren, das eine Gesellschaft sich zur Regelung ihrer Angelegenheiten gegeben hat? Oder verfügt sie womöglich über eine Art Seelenleben, welches sich - unabhängig von allen Mechanismen an der Oberfläche - auf einer tieferen Ebene unseres Bewusstseins abspielt und unsere Ursehnsucht nach "Rückbindung an das Ganze" widerspiegelt? ...
Warum die demokratische Kultur im postmodernen Europa sich (auch) ihrer metaphysischen Grundlagen bewusst sein sollte ...
Bereits dem alten Rousseau war bewusst, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt, auf dem eine Demokratie nur gedeihen kann, eines spirituellen Fundaments bedurfte. Rousseau bezeichnete dieses kulturelle Ferment als "Zivilreligion", ohne die eine demokratische und gerechte Gesellschaft auf Dauer nicht überlebensfähig sein werde. ...
Indem die Aufklärung das Richtige tat - nämlich den Absolutheitsanspruch der Institution Kirche zu kritisieren - tat sie gleichzeitig das Falsche: die Realität einer tieferen Dimension menschlicher Existenz zu verwerfen und somit die gesamte menschliche Kultur- und das auf ihr aufbauende Rechtswesen - nur noch als säkularen Mechanismus ohne jede Rückbindung zu einem spirituellen Fundament zu verstehen.
Ist die Autorität einer "transzendenten" Führungsmacht einmal verdrängt (oder im blendenden Licht der Aufklärung nur noch schwer erkennbar), dann greifen die Menschen ersatzweise zu selbsterkorenen Führern, „starken Männern" und/oder Ideologien, auf die sie ihr Glaubensbedürfnis projizieren können. Auf diese Weise war es paradoxerweise die Aufklärung selbst, die es den totalitären Systemen erleichterte, ihre - gegen die Freiheitswerte eben dieser Aufklärung gerichteten - Heilsangebote einer "Volksgemeinschaft" mit dem sattsam bekannten Erfolg zu unterbreiten. ...
Der an sich richtige Gedanke - dass nämlich eine demokratische Verfassung sich aus dem Streit religiöser Konfessionen herauszuhalten habe - wurde ab dem Zeitpunkt zum Problem, als man daraus ableitete, folglich könne, ja müsse das Wertesystem einer modernen Demokratie auch auf eine spirituelle Fundamentierung verzichten. ...
Die politische Kultur einer modernen Demokratie kommt in dieser Situation gar nicht umhin, auch Sinn-Gebung zu umfassen - d.h. sie muss das leisten, was die zur Zeit vorherrschende politische Kultur kaum noch (und die tradierte Religion immer weniger) zu bieten vermag: Sicherung und Orientierung des Ichs, das in der modernen Situation des Verlusts tradierter Werte und Moral sehr zerbrechlich und vielfach gefährdet ist. Der Orientierungsbedarf des Individuums schafft einen Zwang zur ethisch-sinnstiftenden Begründung der modernen Demokratie, ihrer Verhaltensweisen und Verfahrensmuster.
Das Individuum - der einzelne Bürger - verspürt eine Sehnsucht nach "Aufgehobenheit" in einem größeren Ganzen, welches weit mehr umfasst als seine physi sche und menschliche Umwelt. Ein solches Gefühl des Eingebundenseins in ein größeres Ganzes hat unmittelbare Folgen für die moralischen und Handlungsmaximen des menschlichen Zusammenlebens - mithin für eine "nachhaltige" Politik und ihr Eingreifen in reale gesellschaftliche Konflikte. ...
Harmonie gegen Trennung, Synthese gegen rational-beschränkte Analyse (=Zerlegung), Miteinander statt Gegeneinander, Liebe statt Hass...
Ein Ausgleich zwischen Mensch und Natur, aber auch das Abwägen unterschiedlicher Interessen in der Gesellschaft ist eben nicht durch eine seelenlose "Maßnahmen"-Politik mit klug ersonnenen Verfahrensregeln erreichbar, sondern bedarf einer "tieferen" Ebene: der Vorstellung von einer Verbundenheit mit einem sich evolutionär entwickelnden Ganzen. Das Ich, die einzelne Person kommt dabei in einer Art "Transzendenz" wieder in Einklang mit den Vorgaben des Ganzen - und kann auf diese Weise "spüren", welche "Maßnahmen" notwendig sind.

Positives Recht braucht einen "unhintergehbaren" Maßstab
Wenn unsere Welt hingegen ohne Bezug zu einer welt transzendentalen Größe betrachtet wird, fällt alles in den Bereich menschlicher Verfügbarkeit und Willkür. Bei einem Verlust der letzten Reste von „religio" (=Rückbindung) geraten notwendigerweise auch letzte Werte ins Wanken. Wer aber könnte dann noch verbindlich verbieten, dass beispielsweise Leben angetastet wird oder auch demokratische Regeln mutwillig außer Kraft gesetzt werden? ...
Max Horkheimer hat völlig recht, wenn er konstatiert, "ohne Bezug auf Gott" könne letztlich nicht begründet werden, warum das Gute zutun und das Böse zu unterlassen ist. ...
Mit anderen Worten: es geht in der Entwicklung der modernen Rechtsform Demokratie nicht nur um eine "horizontale" (d.h. zwischen den Menschen organisierte) Dimension, sondern auch um die Wiederherstellung einer "vertikalen" - durch die Aufklärung weitgehend ver schütteten - harmonischen Mensch-Kosmos-Beziehung (in der tradierten Religion als Mensch-Gott-Beziehung bezeichnet) als unabdingbare Grundlage zukunftsfähiger Politik. Diese Wiederherstellung kann individuell ganz unterschiedlich erfasst und erlebt werden: als Intuition, Offenbarung oder Gefühl; als ursprüngliche Erfahrung, innere Anschauung oder auch Meditation. ...
Eine beseelte Demokratie braucht einen modernen Begriff von Transzendenz
Religion ist offenbar unverzichtbar, um uns Menschen jene "ethische Leitplanken" zu geben, ohne die auf Dauer kein Gemeinwesen auskommen kann. Und wer ihr den Boden entzieht, gräbt damit auch der ethischen Fundierung des Gemeinwesens das Wasser ab. Zugleich aber ist die "Religion in der Moderne" selbst dringend reformbedürftig, wenn sie ihre ethische Leitfunktion aufrechterhalten möchte.

Was müssten die Kernelemente einer solchen Reform sein?
Wir brauchen ein neue Art von "religio". Gemeint ist eine spirituelle Rückbindung an das Ganze des Universums, ein Sich-Eingebundenfühlen in das Ganze, in den uns umgebenden Kosmos, in Natur und Gesellschaft. Erst aus dieser Eingebundenheit kann das Gefühl einer Verantwortung für das Ganze erwachsen. ...
Teilhabe hat jedoch nicht nur eine weltliche, sondern auch eine spirituelle Dimension: nicht im Sinne eines hierarchisch-autoritären Gottesbegriffs, sondern im Sinne eines neuen Verständnisses der intuitiv-kooperativen Teilhabe des Menschen an einer „göttlichen Weisheit" – oder säkularer formuliert: an der kollektiven Intelligenz des universalen Weltgeistes.
Vorläufiges Fazit: Demokratie als Teilhabe der Menschen am Gemeinwesen - wie sie in jeder Verfassung garantiert sein soll - ist nicht nur ein technokratisches Regelwerk von ausgeklügelten Verfahren, sondern sie konstituiert sich über das seelische Verbundensein eines jeden beteiligten Individuums mit dem Ganzen. Und dieses Ganze reicht weit über die physischen Grenzen unserer menschlichen Gesellschaft hinaus...
Der lebendige Organismus unserer Demokratie kann sich nur dann entfalten, wenn wir uns nicht nur auf der rein rationalen, sondern auch auf der seelischen Ebene mit ihm in Verbindung fühlen. Wenn wir Demokratie hingegen auf ein Werk von gesetzlichen Maßnahmen reduzieren, dann droht sie aus Mangel an seelischer Zuwendung zu "verhungern", an Identifikationskraft zu verlieren - und sich im Endeffekt selbst zu zerstören.


Höhere Moral

Rousseau und die Idee eines höheren sozialen Geistes
Aus Marti, Urs (2006), "Demokratie - das uneingelöste Versprechen", Rotpunkt in Zürich (S. 51)
Damit eine Republik entstehen, gedeihen und Bestand haben kann, braucht es somit eine unparteiische, unbestechliche, letztlich übermenschliche Intelligenz, die nicht von natürlichen, egoistischen Trieben korrumpiert werden kann.

Aus Marti, Urs (2006), "Demokratie - das uneingelöste Versprechen", Rotpunkt in Zürich (S. 81)
Es bleibt die Ausgangsfrage zu beantworten: braucht die Demokratie ein moralisches Fundament? Aus einer liberalen oder linken Perspektive scheint eine negative Antwort angemessen zu sein. Moralische Prinzipien können, wie die Geschichte lehrt, zwecks Durchsetzung der Interessen privilegierter Gruppen einer Gesellschaft instrumentalisiert werden. Überdies widerspricht jede Art moralischer Bevormundung dem modernen, demokratischen Freiheitsverständnis.

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