Abwehr der Ordnung

BEWEGUNG 2.0: MANAGER UND FOLLOWER

Fridays for Future - entstanden von unten, übernommen von oben?


1. Sei Rädchen im Protest - Einblicke in moderne Bewegungshierarchien
2. Simulation von Protest: Klicken und spenden
3. Bewegungsagenturen: Campact, .ausgestrahlt & Co.
4. Ende Gelände: Von der Bündnisaktion zum Hegemon der Klimabewegung
5. Ende Gelände kopiert: Kampagnen aus der Retorte
6. Der Wellenreiter: XR (Extinction Rebellion)
7. Fridays for Future - entstanden von unten, übernommen von oben?
8. Weitere Beispiele
9. Dienstleister: Firmen machen Verbände
10. Links

Der Weg von FridaysForFuture ist ein ganz anderer als die zentral initiierten Player Ende Gelände, Sand im Getriebe usw. Er beginnt in Schweden und mit einer einzigen Person: Greta Thunberg. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass hinter dem Handeln der damals 15-jährigen ein umfangreicher Plan stand. Auch dürfte das Management, welches sich nach dem internationalen Erfolg um sie scharrte, am Beginn nicht existiert haben. Wohl gab es einige wohlwollende Förderer*innen - allen voran ihre offenbar recht ehrgeizigen Eltern.

Aus dem Abschnitt "Geschichte" im Wikipedia-Eintrag
Erstmals am 20. August 2018 verweigerte die damals 15-jährige Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg den Unterrichtsbesuch. Sie saß anschließend, zunächst für einen Zeitraum von drei Wochen, täglich während der Unterrichtszeit vor dem schwedischen Reichstagsgebäude in Stockholm und zeigte ein Schild mit der Aufschrift „Skolstrejk för klimatet“ (deutsch Schulstreik fürs Klima). Die taz berichtete bereits am 27. August 2018 über Thunbergs Schulstreik.
Am 8. September kündigte Thunberg an, sie werde nach den Parlamentswahlen am 9. September 2018 ihren Unterrichtsboykott an Freitagen so lange fortsetzen, bis die Klimapolitik Schwedens den Grundsätzen des Pariser Klimaabkommens entspreche. Als Hashtag verwendete sie u. a. #FridaysForFuture. Durch ihren Protest erzeugte sie internationale Aufmerksamkeit, sodass sich in verschiedenen Städten weltweit Gruppen bildeten, die sich der von ihr initiierten Bewegung anschlossen. In Deutschland wurde das erste Mal am 7. Dezember 2018 in Bad Segeberg gestreikt. Der darauf folgende Streik am 14. Dezember in Kiel erlangte erstmals große mediale Aufmerksamkeit.
Ausgehend von Schweden fanden Aktionen in Australien, England, Italien, Deutschland, Niederlande, Belgien, Kanada, Frankreich, Schweiz, Österreich, Irland und Schottland statt. Mitte März 2019 erreichte die Bewegung dann globale Ausmaße mit zusätzlich einigen Hundert Demonstranten in Japan, Mexiko, Chile, Philippinen, Vanuatu und Indien.
Die Bewegung ist im Globalen Süden eine Randerscheinung, ebenso gibt es kaum Zuspruch in China, Südostasien, Korea, Russland und Japan.


Dass aus allem die zahlenmäßig größte weltweite Protestbewegung aller Zeiten entstand, ist einigen Zufällen geschuldet, die aber nur aus dem Zeitgeist heraus die Wirkung entfalten konnten, die sie am Ende hatten. Da war erstmal Greta selbst

Greta Thunberg
Als Schülerin begann die 15-jährige einen "Skolstrejk för klimatet", damals also noch für den Klimaschutz, noch nicht allgemeiner "for future". Dann musste sie entdeckt werden durch Player, die Reichweite hatten. Dabei spielten zunächst einzelne Medien, dann aber die digitalen Plattformen eine große Rolle. Die Entwicklung glich einer Welle - eine typische Erscheinungsform bei Internetangeboten wie Twitter, Facebook oder WhatsApp.

Hanna Poddig zu Greta Thunberg, in: Klimakämpfe (2019, Unrast-Verlag, S. 42ff, Quelle des Thunberg-Zitats)
Greta Thunberg, die im Sommer 2018 in Schweden mit Schulstreiks für das Klima begann, erhält frenetischen Applaus, Menschen sind gerührt, geraten ins Schwärmen. Sie wird überall hin eingeladen, bekommt Preise und Nominierungen, wird dauernd interviewt. Sie liefert sauber recherchierte Zahlen, steht mit verschiedenen Wissenschaftler*innen in Kontakt.
Was sie sagt ist oft vollkommen zutreffend. So formuliert sie beispielsweise in einer Rede im Mai 2019: »Wenn Sie sagen, wir können diese Krise lösen, indem wir da die Steuern erhöhen oder da senken oder indem wir in 10-15 Jahren die Kohle auslaufen lassen oder bestimmte Bauvorschriften jetzt neu einführen oder mehr Elektroautos fahren lassen, wenn sie das sagen, dann glauben die Menschen, wir können diese Krise lösen, ohne dass sich jemand wirklich anstrengen muss. Und das ist sehr gefährlich, denn spezifische isolierte Lösungen reichen nicht mehr aus und sie wissen das doch. Wir müssen jetzt praktisch alles ändern. Wir brauchen eine ganz neue Denkweise.«
Und doch wird sie sobald sie auftritt permanent belächelt. Sie wird beispielsweise von Anne Will nach dem Einfluss der Eltern gefragt bzw., ob die das Schuleschwänzen erlaubt hätten.
Spaßeshalber stelle ich mir vor, Journalist*innen würden Angela Merkel im Interview fragen, ob sich ihre Eltern eigentlich für sie schämen würden. Bei Menschen unter 25, erst recht bei Frauen, ist dies hingegen vollkommen normal. Thunberg wird außerdem auf das bei ihr diagnostizierte Aspberger-Syndrom reduziert, die Radikalität und Deutlichkeit ihrer Forderungen damit relativiert.

Zuletzt mag die sogenannte Krankheit von Greta eine Rolle gespielt haben. Denn wenn die Berichte stimmen, könnte das ein Grund sein, warum sie - obwohl inzwischen ein Weltstar - ständig all die, die sie einzubinden und einzulullen versuchen, mit gnadenloser Kritik konfrontiert. Bisher wirkt sie unbestechlich - und genau das passt zum Asperger-Syndrom, der sanften Form des Autismus, der Menschen erschwert bis unmöglich macht, sich an Situationen anzubiedern.

Aus dem Wikipedia-Eintrag zu "Asperger-Syndrom"
Das Asperger-Syndrom (AS) ist eine Variante des Autismus und wird zu den Störungen der neurologischen Entwicklung gerechnet. Es grenzt sich von anderen Autismusformen vor allem dadurch ab, dass im Regelfall weder eine Intelligenzminderung noch eine Entwicklungsverzögerung der Sprache vorliegt. Merkmale sind Besonderheiten und Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie Unterschiede bei der Wahrnehmung und Reizverarbeitung (dazu gehören insbesondere sensorische Über- und Unterempfindlichkeiten und Schwierigkeiten bei der Reizfilterung) sowie häufig außergewöhnliche Interessen und Begabungen. Beeinträchtigt ist vor allem die Fähigkeit, nichtsprachliche Signale (Gestik, Mimik, Blickkontakt) bei anderen Personen zu erkennen, diese auszuwerten (zu mentalisieren) oder selbst auszusenden. ...
Das Asperger-Syndrom ist nicht nur mit Beeinträchtigungen, sondern auch mit Stärken verbunden (etwa in den Bereichen der objektiven, nicht emotionalen Wahrnehmung, der Selbstbeobachtung, der Aufmerksamkeit oder der Gedächtnisleistung). Ob es als Krankheit oder als eine Normvariante der menschlichen Informationsverarbeitung eingestuft werden sollte, wird von Wissenschaftlern und Ärzten sowie von Asperger-Autisten und ihren Angehörigen uneinheitlich beantwortet.

Vereinnahmung statt Hierarchie
Anders als Sand im Getriebe oder Ende Gelände war FridaysForFuture also keine von oben geplante Massenorganisierung. Allerdings gab es schnell Vereinnahmungstendenzen. Das gilt ganz besonders für Deutschland. Denn eigentlich war die Sache eine von Schüler*innen. Schließlich hieß es "Schulstreik" (deshalb sind auch Vorwürfe aus der Erwachsenenwelt und der Jungen Union unsinnig, die für Aktionen außerhalb der Schulzeit plädieren - dann wäre es kein "Streik"). Allerdings ergriff die Studentin Luisa Neubauer die Chance, sich selbst via Medien zur Führungsperson von FFF zu erklären. Seitdem tritt sie ständig als eine Art Sprecherin auf. Ihr Verhalten, unter anderem die umfangreichen Flüge und die Einbettung in die Wissenschaftswelt, passen gar nicht zu den sehr spontan und zunächst weitgehend frei von politischer Analyse entstandenen Aktionen. Da aber FFF anfangs über keine Organisierungsstruktur verfügte, um der Dominanz des Grünen-Mitglieds Neubauer etwas entgegenzusetzen, und die Medien begierig auf ein Sprachrohr der neuen Bewegung hofften, konnte sich die selbsternannte Führung erfolgreich in Szene setzen.

Aus "Luisa Neubauer, die Laut-Sprecherin bei "Fridays for Future"", auf: stern.de, 22.5.2019
Alle reden übers Klima, und manch einer schämt sich beim Fliegen. Was für ein Erfolg. Aber wie geht‘s weiter mit der Fridays-for-Future-Bewegung – und ihrem Star? ...
Neubauers Herkunft ist typisch für jene, die gerade streiken. "Das ist eine Bewegung des Bildungsbürgertums", sagt der Berliner Soziologie-Professor Dieter Rucht. Mit Kollegen hat er die Streikenden früh zu Herkunft und Ausbildung befragt. Neubauer erfüllt viele FFF-Profil-Klischees. Ihr Aktivisten-Lebenslauf erscheint de luxe. In Tansania hat sie Entwicklungshilfe geleistet, bei Wasserleitungen und einer Krankenstation geholfen. Ihr Geografie-Studium in Göttingen, nach dem Einser-Abi vor sieben Semestern begonnen, finanziert das Grünen-Mitglied mit einem Stipendium der parteinahen Heinrich-Böll-Stiftung. Bei der Kampagnenorganisation "One", die sich für Entwicklungshilfe engagiert, ist Neubauer "Jugendbotschafterin". 2018 war sie erst eine von vier deutschen Delegierten beim Jugendgipfel der G7-in Kanada, dann "Youth Observer" – "Beobachterin" – bei der UN-Klimakonferenz in Kattowitz.

Abseits des anfänglichen, empörungsgeleiteten Aktivismus erarbeiteten die Führungskreise um Luisa Neubauer weitgehend außerhalb der FridaysForFuture-Zusammenhängen einen politischen Forderungskatalog. Denn darum ging es: Die neue Bewegung zu einer parteipolitisch vereinnahmbaren Masse zu formen.

Aus dem Abschnitt "Deutschland" im Wikipedia-Eintrag
Am 8. April 2019 veröffentlichte Fridays for Future Deutschland im Rahmen einer Pressekonferenz einen Forderungskatalog mit kurz- und langfristigen Zielen. Diese Forderungen wurden laut Fridays for Future zusammen mit Wissenschaftlern entwickelt (explizit wurden die HTW Berlin und das Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik erwähnt)

Luisa Neubauer redet auf Greta Thunberg ein
Zweimal Luisa Neubauer an der Seite von Greta Thunberg: Es fällt auf, dass nur wenige Menschen immer wieder mit Greta in Kontakt sind und auf sie einreden. Wer zieht die Strippen auf globaler Ebene? Verschwörungsideen gibt es inzwischen viele - sie sind platt bis blöd wie immer. Aber dass die Sache ohne Hierarchien und Machtspiele abläuft, ist unwahrscheinlich.
Luisa Neubauer redet auf Greta Thunberg ein

Neben den beschriebenen, leider erfolgreichen Vereinnahmungsversuchen haben viele weitere politische Strömungen das Label "Fridays for Future" für sich missbraucht.
  • Unzählige Folgeorganisationen hängten sich das Label "... for Future" an, um an dem Ruhm teilzuhaben.
  • Ein Teil bezeichnete sich als "Peoples for Future", kreiierte also eine Art Dachverband aller. Zum Glück blieb dieser dreiste Versuch ohne große Wirkung.
  • Wie üblich steckte das bürgerliche Anarchieblatt "Graswurzelrevolution" die Proteste in die Kategorie "gewaltfrei" (Ausgabe Oktober 2019, Seite 3).

Eine Hierarchie von Bundesebene bis zu den örtlichen Gruppen besteht nicht. Allerdings gibt es innerhalb vieler Organisierungsstrukturen interene Rangeleien um die Ausrichtung der Aktionen - sowohl hinsichtlich der Aktionsformen als auch der Inhalte und des Verhältnisses zur politischen Gremien. Die Entwicklung ist aber weitgehend offen.

Aus "Aktivisten ziehen die Promi-Bremse: Fridays for Future pfeift Luisa Neubauer zurück", auf: Focus online am 28.2.2020
Wer die gebürtige Hamburgerin bei einem der vielen FFF-Proteste oder inzwischen zahlreichen TV-Auftritten unter anderem bei Talkshows wie „Hart aber fair“ und „Markus Lanz“ schon erlebt hat, ahnt schnell, worin ihr kometenhafter Aufstieg zur „German Greta“ seinen Ursprung hat. Neubauer ist intelligent (Einser-Abi), erweckt den Eindruck von Klima-Kompetenz. Und obendrein ist sie auch noch fotogen. Ihre Eltern sind selbst Klimaaktivisten, die Mutter stammt aus der Hamburger Tabak-Dynastie Reemtsma. ...
"... es schadet der Bewegung, wenn nicht auch die vielen anderen zu Wort kommen, die sich ebenso für FFF engagieren“, meint Line. ... Auch Rafael Geisperger von der FFF-Ortsgruppe Straubing, der ebenfalls an jenem Morgen schon zwei Stunden vor Beginn der Hauptversammlung an der Olympiahalle steht, sieht das ähnlich. „Ich schätze Luisa und habe Respekt vor ihr, aber sie ist nicht der Chef.“ Ein „Köpfe-Kult“ helfe der Bewegung nicht. Es gehe „nicht um die Personen, sondern um die Sache“. Das sei für ihn das größte Problem beim Wachsen der Bewegung. Und deshalb befürworte auch er, dass nun auch anderen klugen Köpfen bei FFF die Aufgabe zufalle, für den Klimaschutz in der Öffentlichkeit zu sprechen.
Ersten Zoff um den „Personenkult“ um Luisa Neubauer und eine kleine Gruppe im Führungsteam, zu dem auch ihre Cousine Carla Reemtsma, Linus Steinmetz, Jakob Blasel, Ragna Diedrichs und Franziska Wessel zählen, gibt es schon zu Beginn des Frühjahrs 2019. ... Kritische Stimmen bei FFF monieren, wie entschieden wird, wer wann wo auftritt und spricht und wie man den Rest darüber informiert. Mangelnde Transparenz wird in internen Chatrunden beklagt, Vorwürfe von Karrieregeilheit gegen Luisa und wenige Vertraute werden laut, zitiert seinerzeit der „Tagesspiegel“ einen der Mitorganisatoren anonym: „Einige unter uns neigen dazu, Profit aus dem ganzen zu schöpfen – denen geht es nur um die Karriere und den Ruhm“, zitierte der "Tagesspiegel". Offene Kritik kommt in jener Zeit aus dem FFF-Führungsteam im Schwarzwald. „Dieser Personenkult um Luisa Neubauer ist schon schwierig. (…) Und sie soll ja in der Vergangenheit auch relativ oft geflogen sein. Ich bin mir deshalb nicht sicher, ob sie als Repräsentantin für uns geeignet ist“, sagte Laetitia Seyboldt damals der „Welt“.

Erste Hinweise auf Steuerung und Ausgrenzung
Beim FFF-Kongress in Dortmund, dem größten Treffen jenseits der Aktionen im Jahr 2019 in Deutschland, kam es zu mehreren Ausgrenzungen von Workshopangeboten. Diese waren offensichtlich inhaltlich motiviert, so dass es nach Zensur riecht. Dabei wurde ganz offen eingeladen:

Aus der Rundmail nach Eingang der Workshopvorschläge am 15.6.2019
Liebe Referent*innen,
vielen Dank für eure interessanten Einreichungen. Wir melden uns nun bei euch, um euch auf dem Laufenden zu halten. Wir bemühen uns, einen Kongress für bis zu 3000 junge Menschen auf die Beine zu stellen. Neben den Workshops wird es auch andere Programmformate, z.B. Podien, Kreativangebote, und ein Kulturprogramm geben.Stattfinden wird das Ganze im Revierpark Wischlingen in Dortmund. ...
Nach dem 25.06 werden wir versuchen, gemeinsam mit euch Referent*innen schnellstmöglich eine Programmstruktur auszuarbeiten. Wir werden euch dann auch Infos zur Anreise,den Gegenebheiten vor Ort etc. weitergeben.

Offenbar waren Anmeldungen geradezu Aktionsformen Mangelware, wie eine zweite Mail am 15.6.2019 zeigt:
ich leite den Call for Workshops von FFF nochmal weiter, weil so langsam die Deadline naht: 25.06
Gerade zu Handwerkszeug von Aktivismus (z.B. Moderation, Pressearbeit etc.) werden noch Workshops gesucht und auch zu Querschnittsthemen z.B. rund um Gender und Feminismus.

Danach gab es keine weiteren Mails dieser Art mehr. Allerdings wurde bekannt, dass schon vor dieser Mail gerade Aktionsworkshops aus dem Programm gestrichen wurden, weil sie als zu radikal galten. Dazu gehörten Vorschläge aus dem XR-Spektrum und welche aus der Projektwerkstatt. Informiert wurden die Betroffenen von der Streichung nicht, ihre Workshops erschienen einfach nicht mehr im Programm. Stattdessen übernahmen unter anderem die Strippenzieher*innen aus der Rosa-Luxemburg-Stiftung einge der angebotenen Workshopthemen. Wer genau wo welche Entscheidung traf, ist nicht bekannt. Klar ist aber, dass Schüler*innen hier nicht allein agierten. Zu diesem Zeitpunkt hatten längst Apparate ihre Finger nach der neuen Bewegung ausgestrecht. So wurden die Orga-Treffen zum Kongress von einer Erwachsenen, die bei Campact arbeitet, moderiert - eine perfekte Machtstellung für Einflussnahme.
Die Ausgrenzungen schränkten die Vielfalt auf dem Kongress ein. Die Propaganda behauptete allerdings etwas anderes.

Aus einem Interview mit der Mit-Organisatorin Ragna Diederich, in: Junge Welt am 27.7.2019
Wir haben sehr unterschiedliche Referenten eingeladen, um uns deren Ideen anzuhören. Unsere Bewegung hat sich darauf verständigt, dass wir die Klimakrise verhindern wollen. Wir werden verschiedene Ansätze diskutieren, wie das zu bewerkstelligen sein könnte." Nach Kritik an wenig progressiven Referenten fügte sie an: "Wir stehen nicht hinter den einzelnen Theorien der von uns eingeladenen Referenten.


Offenbar ist es wie immer: Bei Anbiederung in bürgerliche Kreise wird mit Vielfalt und Offenheit argumentiert, während gegen radikalere Strömungen getreten wird.

Hanna Poddig über die Fridays for Future, in: Klimakämpfe (2019, Unrast-Verlag, S. 52f)
Neben der Vereinnahmung durch externe Akteur*innen ist eine weitere große Gefahr bei den FFF die Befriedung von innen. Während sich zu Beginn auch noch radikalere Forderungen fanden, lese ich Mitte 2019 auf fridaysforfuture.de, ein deutscher Kohleausstieg solle bis 2030 umgesetzt sein. Es ist traurig, wie schnell hier aufgrund vermeintlicher realpolitischer Notwendigkeiten Forderungen aufgeweicht wurden. Wenig überraschend, wenn eine der Sprecherinnen parallel bei den Grünen aktiv ist. Erfreulicherweise ist das allerdings auch intern nicht unumstritten, ihr wird Personenkult und Karrierepolitik vorgeworfen.
Bei FFF gab es seit Beginn zumindest in der BRD eine engere Führungsspitze, auch wenn formal Entscheidungen in riesigen Telefonkonferenzen getroffen werden, bei denen 70 Delegierte diskutieren. Die Kommunikation findet weitgehend über instagram, facebook, twitter und vor allem What‹s-App-Gruppen statt. Dadurch ist sie beeindruckend schnell und so war FFF gerade in der Anfangsphase sehr schnell immer wieder mit neuen auch koordinierten Demonstrationen präsent. Wahrscheinlich bin ich zu alt und zu wenig großkonzern-affin um diese Kommunikationskanäle wirklich zu begreifen. »Alle haben Whats-App«, das sei »niedrigschwellig«, deshalb würden sie dortbleiben. »Da erreichen wir alle Menschen uneingeschränkt«. Aber eine Aktivistin selbst sieht Probleme: Missverständnisse entstünden und Sarkasmus sei nicht vermittelbar. Für mich bedeutender: Alle werden in diese Kommunikationskanäle gezwungen oder können sonst nicht teilhaben. Dass es keine Unmöglichkeit darstellt, Dienste mit den quasi gleichen Funktionen einzurichten ohne von Großkonzernen abhängig zu sein, darüber wird selten nachgedacht. Eine weitere Gefahr ist die Abhängigkeit von diesen großen Konzernen, gerade wenn es politisch gegen sie geht. Am 15. März lese ich auf dem twitter-Kanal der Fridays for Future ein Beispiel dafür: »An dem bisher größten Tag von #FridaysForFuture können wir auf unserem Deutschlandweiten Account bei @instagram keine Beiträge posten. Der Support hilft uns auch nicht weiter. Bitte teilt alle diesen Tweet!« 26 Antworten, 646 Retweets und 903 Gefällt-mir-Angaben erhält der Tweet.
Es bleibt spannend, zu beobachten, wie sich die FFF weiter entwickeln werden, intern wie auch in ihren Forderungen und Aktionsformen sowie ihrer Bündnispolitik.

Ein Jahr später ... die Übernahme nimmt Formen an
Der 29.11.2019 wurde zum weiteren weltweiten Streiktag auserkoren. In Deutschland wird die Veränderung jetzt deutlich. Es lädt nicht mehr FridaysForFuture ein, sondern die (meist hauptamtlichen und spendenorientierten) großen NGOs und Label. Die bilden auch die Zentrale.

Screenshop aus der Internetseite zum 29.11.2019
Unten: Label statt Inhalte. Die Embleme füllen inzwischen ein ganzes Flugblatt.

Mit der Machtübernahme der Apparate veränderten sich auch die Inhalte weiter. Die Aktion wird "Klimastreik" genannt. Auf den Flyer steht nur noch "mit Fridays for Future" - die Macher*innen sind inzwischen andere. Doch mit Streik hat das Ganze genau nichts zu tun. Auf der Internetseite findet sich ein Mobi-Video, auf der fünf Tipps gegeben werden, wie Menschen teilnehmen können, die eigentlich arbeiten müssten. Ein Streik wäre ja die Arbeitsniederlegung. Doch der Mobi-Film enthält diese Möglichkeit gar nicht - alle fünf Tipps sind legal, unterwürfig und eben kein Streik.

Was für XR schon ausgeführt wurde, gilt auch für FFF. Dort sind so viele Menschen aktiv, dass Motivation, Aktionsbereitschaft und Selbstorganisierungswillen sehr unterschiedlich ausgeprägt sein dürften. Große Player wie Campact und andere NGOs versuchen schon nach Kräften, die neue Generation in ihren Betrieb einzubinden. Es wäre sinnvoll, umgekehrt in FFF-Zusammenhängen für mehr Vielfalt und den Mut zu eigenen Ideen und Projekten zu werben. Bevormundung und Abwerbung wären aber ein Durchbrechen von Autonomie. Sinnvoll ist Unterstützung und Debatte, damit sich Protestströmungen unberechenbarer und immer mehr in Richtung eines Netzwerkes vieler eigenständiger Gruppen entwickeln.

Daher auch passend:

Kritik von innen
So offensichtlich wie die Übernahmeversuche sind aber auch Gegenbemühungen sichtbar - und die sind wertvoll. Selbst wenn das Gesamtprojekt vereinnahmt würde oder irgendwann im Sande zu verlaufen droht, wäre es großartig, wenn viele Teile sich dann löse und ihre eigenen, handlungsfähigen Strukturen aufbauen - möglichst ohne Label und Hierarchien!

Aus "Fridays for Future: Rund 175 Teilnehmer bei Klima-Demo in Gießen", in: Gießener Allgemiene am 29.2.2020
Nach einer Schweigeminute für die Opfer des rassistischen Terrorangriffs von Hanau forderte Julius Debus vom Gießener FFF-Organisationsteam die Teilnehmer auf, sich nicht von anderen Parteien oder Gruppen vereinnahmen zu lassen. Diese missbrauchten die Bewegung als Plattform, um ihre Botschaften zu übermitteln. "Wir sind jung, unabhängig, rational und divers", sagte er, ...

Thematische Aufweitung - vom Klimaschutz zur politischen Intervention
Aus "Uns geht es nicht nur um die Klimakrise", Interview mit FFF-Aktivist Tim Patzelt in: Junge Welt am 1.4.2020 (S. 2)
Im Rahmen der gegenwärtigen Gesundheitskrise wird klar, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Uns geht es nicht nur um die Klimakrise. Die Generationengerechtigkeit wird nun in umgekehrter Weise verhandelt. Junge Leute bleiben zu Hause, um das Virus nicht an ältere und schwächere Menschen weiterzuverbreiten. ... weder sind wir die »Grüne Jugend 2.0« noch außerparlamentarischer Arm dieser Partei. Besagtes Bild von uns kursiert in der Öffentlichkeit, weil die Grünen mit dem Thema Klimaschutz assoziiert werden. Wir setzen uns aber für Klimagerechtigkeit ein. Zum Beispiel versuchen wir, über die Lage der Flüchtlinge an der europäischen Außengrenze aufzuklären. Der Gerechtigkeitsfaktor gewinnt gerade in der Coronakrise an Bedeutung. Bei der aktuellen Frage der Systemrelevanz sehen wir eine Schieflage: Während der Kohleausstieg für die Konzerne vergoldet wird, ist für Beschäftigte im Gesundheitssystem kein Geld da, obwohl sie bekanntermaßen für unsere Gesellschaft so viel leisten. ... Es geht uns nicht allein um das Absenken von Emissionen. Wir möchten eine sozial gerechte und klimaneutrale Zukunft.

Corona-Flaute und Stabilisierung auf niedrigerem Niveau
Die weiteren Jahre, verbunden auch mit meist gleich mehreren Generationswechseln, machten aus FfF eine kontinuierlich agierende Runde, die an den meisten Orten von den Aktionstagen (Klimastreiks) lebte - und dazwischen nur schwer in der Lage war, Aktionen zu organisieren oder sich auch nur an Aktionen anderer zu beteiligen. Auch die inhaltliche Ausrichtung blieb recht vage bzw. von Gruppe zu Gruppe sehr unterschiedlich.

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