Abwehr der Ordnung

WAS IST DER MENSCH?

Fluchten: Die Matrix der Geborgenheit


1. Warum die Frage?
2. Was prägt den Menschen?
3. Abhängigkeit, Geborgenheit, Losgelöstsein
4. Fluchten: Die Matrix der Geborgenheit
5. Statt Fluchten: Subjekt des eigenen Lebens werden
6. Entfesselte Autonomie?
7. Buchvorstellungen zum Themenbereich

Da der Mensch ein von seiner Natur aus transzendentes Wesen ist, also eines, das sich seiner selbst bewusst ist und deshalb Zwänge als Zwänge sowie Handlungsspielräume ebenfalls als solche erkennen kann, stellt ihn das in den Mittelpunkt seiner Entscheidungsfindung über das eigene Leben. Gleichzeitig wächst er in einer Welt auf, die alles andere als eine Unterstützung auf dem Weg zu einem eigenständigen, kreativ-handlungsfähigen Wesen ist. Rollen und Erwartungshaltungen werden per Erziehung und anderen Formen der Zurichtung in jeden Menschen getrichtert. Passend dazu eröffnet sich die Welt als eine riesige Sammlung von Angeboten, auf die Bildung einer eigenständigen Persönlichkeit zu verzichten und stattdessen in eine fremdbestimmte Lebensmatrix einzutauchen. So abstoßend das klingt, es ist eine große Versuchung, denn ...
  • sich selbst zum Entscheidenden zu machen, schafft permanente Unsicherheit über die Richtigkeit oder verborgene Gefahren eines jeden Entschlusses;
  • zudem gibt es kein Entrinnen mehr, sich selbst als zuständig und - dann im Nachhinein - als verantwortlich für konkrete Abläufe zu begreifen, d.h. auch bei den eintretenden Konsequenzen wieder selbst zu entscheiden, wie damit weiter umzugehen ist;
  • schließlich erfordert es eine ständige Wachsamkeit, um überhaupt Entscheidungsmomente und Handlungsalternativen wahrnehmen zu können.

Das wirkt anstrengend und dürfte von fast allen, die aus der Lebenskultur des Mitschwimmens hinaustreten, auch als beängstigend, zumindest ungewohnt empfunden werden. Dennoch ist das, was hier negativ ausgedrückt wurde, das Tor zur relativen Freiheit innerhalb der (selbst wiederum veränderbaren) Grenzen individuellen Lebens. Die Loslösung ist die Voraussetzung, zur eigenen GestalterIn des Lebens zu werden.
Doch wer als MitschwimmerInnen, als GetriebeneR der so funktional wirkenden Angebote sozialisiert ist, kann Schwierigkeiten haben, etwas Eigenständiges zu entwickeln. Viele kulturelle Brüche stehen als Hürden am Ausgang der verordneten, eingetrichterten und selbstverschuldeten Unmündigkeit. Da kann beim Verlassen einer Fremdbestimmung, die gefühlte Geborgenheit war, die Sehnsucht nach der Rückkehr in diese entstehen - wenn auch im Laufe der Biografie in veränderten Erscheinungsformen. Auf Mami und/oder Papi folgten Clique und Beziehungen, auf das Zuhause die Schule und der Ausbildungsplatz, dann die VermieterInnen, das Internet, kulturelle Idole oder vor allem die unsichtbare Hand des Marktes. Über sie konnten fortan die Bedürfnisse und Befriedigungen gestillt werden, die zu großen Teil dort erst geweckt werden. Die ganze Welt um uns schwimmt in diesem Strom. Die externen Einflüsse lenken unser Leben, aber sie scheinen auch die Lebensgrundlage zu sichern. So wie viele Menschen das Elternhaus oder die Schule als Zwang erlebt haben, aber dennoch weitgehend bis vollständig abhängig und auch froh waren, dort umsorgt zu sein. Wer einer Erwerbsarbeit nachgeht, wird den Wecker, sinnlose Arbeitsaufträge und die ständige Verfügbarkeit der eigenen Person im Dienste anderer hassen lernen, aber gleichzeitig alternativlos die so vollzogene Verregelung des eigenen Lebens in Verbindung mit der durch den Lohn geschaffenen Möglichkeit, die fehlende Selbständigkeit durch Kauf der Produkte und Dienstleistungen ebenso fremdbestimmter Arbeit anderer zumindest als Notwendigkeit begreifen, wenn nicht sogar schätzen. Es entlastet den Kopf, den Angeboten zu folgen.

Aus Erich Fromm, "Haben oder Sein" (S. 132-133)
Da die Spezies Mensch kaum von Instinkten motiviert ist, die ihr sagen, wie sie zu handeln hat, und sie andererseits über Selbstbewußtsein, Vernunft und Vorstellungsvermögen verfügt - neue Qualitäten, die über die Fähigkeit selbst der klügsten Primaten zu instrumentellen Denken hinausgehen -, brauchte sie einen Rahmen der Orientierung und ein Objekt der Hingabe, um überleben zu können.

Unterwerfung unter Autoritäten
Religiöse Führer sammeln die Menschen, die sich als willenlose Masse den absurdesten Verkündungen hingeben. Autoritäre Führertypen haben neue Hochkonjunktur in der Politik. Wer sich selbst verlassen und orientierungslos fühlt, aber die Kraft zu einer eigenen Entfaltung des Selbst nicht hat, wird zu autoritären Führer*innen hingezogen.

Aus Erich Fromm, "Psychoanalyse und Ethik" (S. 153ff)
Die autoritären Ideologien bedrohen jedoch nicht nur die kostbarsten Errungenschaften des Abendlandes, die Achtung vor der Einmaligkeit und Würde des Menschen; sie verbauen auch den Weg zu konstruktiver Kritik an der modernen Gesellschaft und damit den Weg zu nötigen Veränderungen. ...
Das autoritäre Gewissen ist die Stimme einer nach Innen verlegten Autorität, also der Eltern, des Staates oder was immer in einer bestimmten Kultur als Autorität gelten mag. ... Der Inhalt des autoritäten Gewissens wird aus Geboten und Tabus der Autorität abgeleitet. Seine Stärke wurzelt in Angstgefühlen vor der Autorität und in der Bewunderung für sie. Ein gutes Gewissen ist das Bewußtsein, der (äußeren und nach innen verlegten) Autorität zu gefallen; ein schlechtes Gewissen, ihr zu mißfallen.
... die Vorschriften des autoritären Gewissens nicht durch eigene Werturteile bestimmt werden, sondern ausschließlich dadurch, daß seine Forderungen und Tabus dureh die Autorität selbst ausgesprochen werden. Sind diese Vorschriften zufällig gut, so wird des Gewissen das Tun des Menschen zum Guten lenken. Diese Vorschriften wurden aber nicht deswegen Gewissensvorschriften, weil sie gut sind, sondern weil es Vorschriften sind, die von der Autorität gesetzt wurden. Sie würden auch dann vom Gewissen aufgenommen werden, wenn sie schlecht wären.
Für die autoritäre Orientierung ist die Kraft, zu wollen und zu schaffen, das Privileg der Autorität. Die Untertanen sind Mittel zu den Zwecken der Autori- tät, sind folglich deren Eigentum und können entsprechend benützt werden. Die Überlegenheit der Autorität wird in Frage gestellt, sobald das Geschöpf nicht mehr nur Gegenstand sein, sondern selber Schöpfer werden will.


Fluchten ins Metaphysische
Traditionell sind Religionen als Ersatz für die Geborgenheit in natürlichen Kreisläufen und ökologischen Nischen entstanden. Seit der Mensch seine Lage transzendiert und deshalb erkennt, nicht nur funktionierender Baustein eines bewusstseinslosen Weltablaufs zu sein, ist er gezwungen, den Sinn seines Lebens selbst zu entwickeln - oder sich künstlich in eine neue Matrix zu begeben, die ihn eingliedert in einen höheren Plan, also ihm seine Eigenständigkeit wieder nimmt. Das ist zwar eine Illusion, d.h. Gott ist das Symbol freiwilliger Bewusstseinsnegierung, aber es funktioniert. Subjektiv fühlt sich der Gläubige wieder - wenigstens ein Stück weit - geborgen in einer fremdbestimmten Welt. Der Feind dieser Geborgenheit in Uneigenständigkeit ist das eigene, hinterfragende Denken, d.h. der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten und von außen animierten Unmündigkeit. Kaum etwas zeigt das plakativer als die biblische Geschichte vom Sündenfall. Das Christentum hat selbst eines der schönsten Bilder gezeichnet, die den ganzen antiemanzipatorischen Unsinn von entmündigenden Morallehren aufzeigt. Vor Gott (also dieser Projektionsfläche der Erniedrigung zu einem Wesen ohne eigenes Selbst) ist die Erlangung eigener Denk- und Urteilsfähigkeit das Schlimmste. Eigenes Denken ist in der Konsequenz die Absage an Gott selbst. Er ist in einem selbstbestimmten Leben schlicht unnötig als gedankliche Hilfskrücke.

Im Original: Biblischer Sündenfall
1. Mose 2, 15-17
Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn baute und bewahrte. Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten; aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon ißt, wirst du des Todes sterben.

Übersetzung des letzten Satzes in der "Menge-Bibel"
Von allen Bäumen des Gartens darfst du nach Belieben essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen – von dem darfst du nicht essen; denn sobald du von diesem ißt, musst du des Todes sterben.

1. Mose 3, 1-14
Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach das Weib zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seinem Weibe vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten. Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?

Patriarchale Steigerung der christlichen Verdammnis zum bewusstseinslosen Vegetieren
1. Timotheus 2,12-15
Ich gestatte keiner Frau, Lehrvorträge zu halten oder sich die Gewalt über den Mann anzumaßen; nein, sie soll in stiller Zurückhaltung verbleiben. Denn Adam ist zuerst geschaffen worden, danach erst Eva; auch hat nicht Adam sich verführen lassen, sondern die Frau ist dadurch, dass sie sich hat verführen lassen, in Übertretung geraten. Sie wird jedoch dadurch gerettet werden, dass sie Kindern das Leben gibt, vorausgesetzt, dass sie im Glauben, in der Liebe und in einer mit Besonnenheit vollzogenen Heiligung verharren.

Das ist keine Theorie und auch nicht nur Vergangenheit. Moderne KirchenplaudererInnen und TheologInnen formulieren weiterhin das Ziel, den Subjektstandpunkt, den ein emanzipatorisches Weltbild immer hat, zu bekämpfen.

Aus Gröhe, Hermann (MdB und später zudem CDU-Generalsekretär), "Wiederkehr der Religion?", in der evangelischen Kirchenzeitung "chrismon", Nr. 8/2006 S. 10)
Theologische Reflexion und das Miteinander in der Gemeinde bewahren uns dabei vor der Gefahr, unsere subjektiven Erfahrungen überzubetonen.

Dabei ist es - in einem schönen Bild von Michael Schmidt-Salomon gesprochen - an der Zeit, erneut einen Apfel vom Baum der Erkenntnis zu nehmen. Denn dem Austritt aus der Unmündigkeit müssen weitere Schritte folgen, sich seiner ganzen Denkfähigkeit zu bedienen und auf moralische Kategorien wie Gut und Böse zu verzichten. Solche Urteile sind immer Verkürzungen auf ein Schwarz- und Weißdenken. Tatsächlich ist menschliches Verhalten aber je nach Blickwinkel mehr oder weniger gut verständlich, nachvollziehbar und motiviert.

Im Original: Mehr Erkenntnis
Aus Schmidt-Salomon, Michael: "Ethik für nackte Affen", in: "Der neue Humanismus", Alibri in Aschaffenburg (S. 32ff)
Dass sich das Gut/Böse-Schema weltweit durchsetzen konnte, lag nicht daran, dass es so ungemein human war, sondern dass es in hervorragender Weise zur Stabilisierung von Gruppen taugte, d. h. zur Abgrenzung der vermeintlich „guten" Gruppenmitglieder von den vermeintlich "bösen" Fremden. Eine solche moralische Abgrenzungspolitik hatte und hat gravierende Folgen: Die Belegung des Fremden, des Abweichlers, des Gegners mit dem Signum des Bösen fuhrt nämlich zu einer weitreichenden Dehumanisierung dieser Personenkreise. Sie werden nicht mehr als Menschen mit menschlichen und allzumenschlichen Eigenschaften, mit Träumen, Hoffnungen, Ängsten wahrgenommen, sondern als depersonalisierte Agenten finsterer Mächte. Dies erst erlaubt die Aufhebung sämtlicher Mitleidsreaktionen ihnen gegenüber und somit jene Eskalation der Gewalt, die sich wie ein blutroter Faden durch die Geschichte der Menschheit zieht.
Kurzum: Die Erfindung des Bösen war fur die Kriegskunst mindestens ebenso bedeutsam wie die Erfindung des Speers, des Panzers und der Mittelstreckenrakete. Für die Umsetzung der universellen Menschenrechte hingegen war und ist diese Idee des Bösen ein gravierendes Problem. ...
Als Adam und Eva die Früchte vom Baum der Erkenntnis naschten, waren diese bedauerlicherweise höchst unreif. Das Versprechen der Schlange, wir würden durch die „Erkenntnis von Gut und Böse" zu Göttern, hat sich jedenfalls nicht erfüllt. Im Gegenteil! Diese vermeintliche „Erkenntnis" hat unseren Denkhorizont weiter verengt und hasserfüllte Rachefeldzüge gegen das vermeintlich „Böse" heraufbeschworen. Es ist, wie ich meine, an der Zeit, die geheimnisvollen Früchte vom Baum der Erkenntnis neu zu ernten. Sie sind erst in jüngster Vergangenheit, Jahrtausende nach der Entstehung der biblischen Mär' reif geworden. Diese Reife zeigt sich nicht zuletzt darin, dass heute mit ihrem Verzehr keine unhaltbaren Versprechungen mehr verbunden sind. Klar ist: Die „Erkenntnis der Nichtigkeit von Gut und Böse" wird uns ganz sicher nicht zu „Göttern" machen, vielleicht aber doch - und das ist sicherlich alle Erntebemühungen wert! - zu etwas freundlicheren, kreativeren, humorvolleren Menschen.

Fundamentalistische Religionen passen in Gesellschaften, in denen der Einzelne wenig zählt. Individualisierung im Sinne von Isolierung und Zerschlagung selbstbestimmter Kooperation und Beziehung passt eben, wie schon geschildert, gut zu Vermassung. Hilfreich dafür sind Ideologien, die den Menschen eine Erfüllung bieten für ihre Sehnsucht, aus ihrer gefühlten Isolation zu entkommen. Re-ligio, die Rückbindung, ist schon vom Wortstamm her der passende Begriff für die Flucht aus der Losgelöstheit in eine neue Geborgenheit, die ihre wohlige Einbettung durch Entmündigung und Fremdbestimmung erreicht.
Das bieten auch esoterische Lehren an. Sie vergraben sich seltener in eine Unterwerfung unter väterliche Leitfiguren im göttlichen Design, sondern transferieren die unglücklich Hinausgeworfenen in eine übermenschliche Matrix, in dem irgendwie alles Lebendige gut aufgehoben ist und sich als Teil eines größeren Ganzen fühlen kann. Auch hier spielt der Wunsch der Selbstkastration bewussten Denken eine entscheidende Rolle - wie bei der Sehnsucht zum Mutterbauch oder der Geborgenheit in der Masse des Reichsparteitages auch (ohne das gleichsetzen zu wollen, aber es entspringt der gleichen Angst).

Im Original: Esoterik als Flucht
Aus Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau (S. 57)
Eine weitere Möglichkeit die Herausforderung eigener Lernprozesse und einer selbstbestimmten Auseinandersetzung zu umgehen, ist die Flucht ins Metaphysisch-Esoterische, die dazu führt, dass nicht nur die Bedürfnis- und Anspruchsebenen verändert werden, sondern ebenso der Blick auf gesellschaftliche Realität mit religiösen Schleier verdunkelt wird. (Klar ist, dass diese Beispiele weder Anspruch auf Vollständigkeit haben, als auch das Mischformen möglich sind: Z.B. der in die scheinbare Struktur einer Sekte Flüchtende, verkleistert sich esoterisch das Gehirn und huldigt gleichzeitig auch dem entsprechenden Guru.) In allen Fällen geht es um die Vermeidung eigener Auseinandersetzung, zeigt sich ein Zurückweichen vor der Möglichkeit einer Erfahrung voll Freiheit (Freiheit zu spüren). Alle angesprochenen Ausweichmanöver. die Abwehrreaktion, der Ruf nach dem „starken Mann", die Interessensdelegation und die Flucht ins Esoterische, sind in diesem Sinne Ausdruck regressiven Verhaltens. Die "Furcht vor der Freiheit“ einerseits und das Bedürfnis sich in bekannte (aber letztlich entmündigende) Sicherheitsstrukturen zu begeben (sprich zu regredieren) hat in Konfliktsituationen sowohl seine Massen-, als auch seine Individual psychologische Komponente. Die Angst, gerade in einer Situation der Isolation, Entwurzelung oder drohender Verelendung erste Schritte in unbekanntes Terrain machen zu müssen, ist eine Hemmschwelle ersten Grades, - die kaum überwindbar erscheint, wenn nicht eine sozial stützende Komponente zur Verfügung steht.

Aus Möll, Marc-Pierre: "Kontingenz, Ironie und Anarchie - Das Lachen des Michel Foucault" (Quelle)
Da die Sinnlosigkeit scheinbar unerträglich ist, verfallen wir stets einem sinnstiftenden Denksystem. Der positive Freiheitsbegriff bleibt daher eher vage: "Nur im Wechsel von Obligationen wird eine Art von Freiheit empfunden oder erfahren." Freiheit ist demnach nur durch den permanenten Willen zur Veränderung realisierbar. Insofern sind Überschreitungen als "permanente Kritik unserer Selbst" wünschbar, obwohl sie weder Fortschrittlichkeit noch Allgemeingültigkeit beanspruchen.

Damit sind aber noch lange nicht alle Fluchtmöglichkeiten genannt. Im Gegenteil: Diese Gesellschaft, die die Selbstentfaltung der Einzelnen wenig fördert und vielfach unterdrückt, weißt viele Angebote auf, sein Isolierungsgefühl und die eigene Ratlosigkeit angesichts des mangelnden Willens zur Selbstentfaltung zu "ertränken". Religion und Esoterik sind nur die auffälligsten Mittel, andere wirken nur in begrenzten Lebensbereichen oder ganz unmerklich im Alltag ...

Instantleben: Am Tropf der Angebote
Elternhaus, Schule, Fernsehen, Vereinsleben - die Welt ist voller Angebote, die Stunden eines jeden Tages zu füllen mit Tätigkeiten, die andere vorplanen. Die Auswahl daraus kann bewusst erfolgen, in vielen Fällen ist sie aber auch erzwungen. Ein Training, eigene Entscheidungen zu treffen oder statt fremder Angebote eigene Aktivitäten zu entwickeln, findet im gesellschaftlichen Alltag nicht statt. So ist nicht überraschend, dass die Zurichtung der Menschen auf die Orientierung fremdbestimmter Angebote zum prägenden Merkmal des Lebens wird. Die Verschulung von Hochschulen bietet dafür ebenso Anschauung wie der immer größere Zeitanteil, den Menschen vor Computern, insbesondere im Internet verbringen. Die Attraktivität des Netzes resultiert nämlich nur in wenigen Fällen aus den - durchaus vorhandenen - Möglichkeiten, sich eigenständig auszudrücken. Fast immer bewirkt das genaue Gegenteil die Anziehungskraft: Die Fülle an Angeboten, die über die eigene Entscheidungsunfähigkeit und den Unwillen dazu hinwegtäuscht. Das Angebot an Links, die mit einem Klick in die nächste (fremdbestimmte) Welt führen, ist geradezu ein Paradebeispiel für die totale Auflösung der eigenen Selbstbestimmung bei gleichzeitig gefühlter hoher Autonomie, denn das Anklicken des Links scheint ja eine eigene Entscheidung zu sein. Paradox ist, dass sie es auch ist. Aber sie ist so eigenständig wie der Einkauf im Supermarkt ohne Überlegung, was mensch eigentlich einkaufen will, um am Ende durch die Angebote des Ladens den Einkaufswagen gefüllt zu haben. Die meisten Menschen, die sich täglich oder zumindest annähernd so häufig in die Angebotswelt des Internets begeben, wirken beklemmend hilflos, wenn ihr Computer einen Schaden hat oder sie gezielt nach etwas suchen. Letzteres wäre nämlich möglicherweise ein Anflug eigenständiger Entscheidung, wenn sich Interesse im Kopf organisiert und das Internet nur benutzt wird, um gezielt etwas zu erfahren, statt sich treiben zu lassen von den Vorgaben.

Im Original: Maschine beherrscht Mensch
Aus Schirrmacher, Frank (2009): „Payback“, Blessing in München
Die digitale Gesellschaft ist im Begriff, ihr Innenleben umzuprogrammieren. Auf der ganzen Welt haben Computer damit begonnen, ihre Intelligenz zusammenzulegen und ihre inneren Zustände auszutauschen; und seit ein paar Jahren sind die Menschen ihnen auf diesem Weg gefolgt. Solange sie sich von den Maschinen treiben lassen, werden sie hoffnungslos unterlegen sein. Wir werden aufgefressen werden von der Angst, etwas zu verpassen, und von dem Zwang, jede Information zu konsumieren. Wir werden das selbstständige Denken verlernen, weil wir nicht mehr wissen, was wichtig ist und was nicht. Und wir werden uns in fast allen Bereichen der autoritären Herrschaft der Maschinen unterwerfen. ... (S. 20)
Plötzlich geht es nicht mehr um die Aufrüstung der Computer, sondern um die Aufrüstung des Menschen, nicht um die Mikroprozessoren, sondern um das Gehirn, nicht um die Speicher, sondern um die Erinnerung. Es geht nicht darum, ob die Computer-Intelligenz menschlicher, sondern ob die menschliche Intelligenz synthetischer werden würde. ... (S. 45)
Die Software derweil modelliert Drehbücher für uns Menschen, die zu einer völlig neuen Bewertung von Zufall und Notwendigkeit führen werden. (S. 104)

Instantprotest: Ähnliche Effekte in politischer Bewegung
Schauen wir mal hinter die Kulissen von politischem Protest. Das Benannte gilt auch dort. Viele derer, die diesen Text lesen, dürften sozialen Bewegungen nahestehen oder aktiver Teil solcher sein. Daher sei dieser Exkurs erlaubt. Er fällt verheerend aus, denn das Dilemma der gesamten Gesellschaft findet sich auch in politischen Gruppen wieder. Das war nicht zwingend zu erwarten, schließlich besteht dort der Anspruch, Gesellschaft zu verändern. Doch offenbar überwiegen andere Ziele - und die lassen soziale Bewegungen zu einen Teil gesellschaftliche Normalität werden, die anti-emanzipatorischen Tendenzen mitunter sogar stärken.
Der Hang von Partei-, Gruppen- und Verbandseliten, den Markennamen und die ökonomische Absicherung ihrer jeweiligen kollektiven Identität in den Vordergrund zu rücken, also als geschlossene und erkennbare Formation aufzutreten, passt wunderbar zu der abnehmenden Fähigkeit von Menschen, sich selbst zu organisieren. Der Wunsch in einer fremdbestimmte Geborgenheit macht Menschen anfällig für Fertigprodukte des Protestierens. Nicht mehr selbst nachdenken, keine Verantwortung tragen und Rädchen im großen Ganzen zu sein, wird als Qualität empfunden. Ein Anspruch, wenigstens politische Bewegung als Experimentierort für soziale Befreiung zu begreifen, besteht nicht.
Das war nicht immer so dramatisch wie heute, wo Bewegungsagenturen und mit ManagerInnen oder PR-Fachleuten vollgestopfte Geschäftsstellen Aktionen entwickeln, die Teilnehme der Menschenmassen an ihnen organisieren und diesen somit die Chance eröffnen, ohne eigenes Nachdenken Instantaktionen zu konsumieren. Der Mensch verliert seinen Subjektstandpunkt und wird zum Teil einer Masse, die gerade wegen ihrer fehlenden Differenz leicht manövierfähig ist - und sein will. Ganz im Sinne von Daniel J. Goldhagens "willigen VollstreckerInnen" sind auch politisch Engagierte heute meist richtig zufrieden, wenn sie ihre Protestbriefe nicht mehr selbst formulieren und abschicken, geschweige denn selbst überlegen müssen, wo sie mit welchen Mitteln welche Aktion mit welchen Inhalten durchführen. Da erscheint der Besuch von Latschdemos oder Händchenhalten in Menschen- und Lichterketten viel einfacher, auch weil in der Regel alles vorgedacht ist von der Anfahrtroute bis zum Winkelement. Die Beteiligten fühlen sich wohl in der Masse und als Teil des irgendwie Guten in der Welt. Sie spenden den BewegungsmanagerInnen, verhelfen ihnen zu medialer Aufmerksamkeit und erhalten dafür ein gutes Gefühl. Eine echte Win-Win-Situation, bei der ein emanzipatorischer Anspruch leider den Bach runtergeht.

Ideologie und Moral
Während die Instantaktionen die Durchführung prägen, wirken Ideologie und Moral als ethischer Background. Fertige Gesamtgebilde ersetzen eigene Leere oder zumindest den Anspruch, als Subjekt seines Lebens auch eigene Überzeugungen zu entwickeln. Die Werke vieler TheoretikerInnen, PhilosophInnen und anderer können dazu genutzt, in ihnen zu wildern, sich von ihnen anregen zu lassen und darüber eigene Gedanken zu bilden. Das geht selbst mit solchen Texten, die selbst gerne als Verkündung der Wahrheit und Handlungsbefehl wahrgenommen werden wollen wie etwa die christliche oder "Mao"-Bibel. Doch häufig werden sie als Gesamtheit übernommen und zur eigenen Identität gemacht. Der Mensch liest nicht mehr Bücher von Karl Marx und lässt sich von den vielen guten Ideen anregen, sondern wird zum/r "Marxist*in". Oder zum/r "Sozialdemokrat*in". Oder ...
Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit - all das sind heute Worthülsen, hinter denen sich Menschen verkriechen, die Angst haben vor einem Leben, in dem sie selbst die Subjekte ihres Lebens sind.

Aus Erich Fromm, "Psychoanalyse und Ethik" (S. 153)
Die autoritären Ideologien bedrohen jedoch nicht nur die kostbarsten Errungenschaften des Abendlandes, die Achtung vor der Einmaligkeit und Würde des Menschen; sie verbauen auch den Weg zu konstruktiver Kritik an der modernen Gesellschaft und damit den Weg zu nötigen Veränderungen.

Tradition und Moral
Ganz Ähnliches gilt für die Tradition, wenn ihre Moralen und Normen nicht als Anregungen dienen, sondern über Formulierungen "das hat sich bewährt" oder "das war schon immer so" oktroyiert werden. Meist sind sie zudem auch noch gelogen, weil höchstens für bestimmte Situation oder Epochen zutreffend. Tradition ist nicht grundsätzlich ein Problem, denn sie beruht auf der Weitergabe von Erkenntnissen, Wissen, Fertigkeiten usw. über Generationen hinweg, was ein typisches Merkmal der weiten Entwicklung innerhalb der Evolution und daher auch typisch menschlich ist. Durch die Entstehung komplexer Sprache (Rede, Schrift, Bild) kann Wissen sehr gut aufbewahrt und weiterentwickelt werden. Das Problem an Traditionen ist nicht, dass sie vorherige Auffassungen und Wissen an aktuelle Generationen weitergeben, sondern dass sie normativ auftreten, also den Bezug der Zeit, in der sie entwickelt wurden, verschleiern. Denn es ist ja bereits fraglich, ob sie in der Zeit befreiend wirkten. Auf jeden Fall muss das aber für die aktuelle Zeit immer neu hinterfragt werden können.

Aus Erich Fromm, "Psychoanalyse und Ethik" (S. 187)
Die menschliche Rasse hat in den letzten fünf- oder sechstausend Jahren ihrer kulturellen Entwicklung in religiösen und philosophischen Systemen Sittengesetze aufgestellt, nach denen sich das Gewissen jedes Einzelnen orientieren muß, wenn er nicht wieder von vorne anfangen will.

Kollektive Identitäten
Eine weitere, weit verbreitete Fluchtmöglichkeit sind Fremdsubjekte, zugunsten derer ich meinen eigenen Subjektstandpunkt aufgebe. Die Eigenart verschwindet in der kollektiven Identität. Meist leben Menschen inmehreren solcher Fremdidentitäten, also den Gemeinschaften, die ein über die bloße Tätigkeitsbeschreibung hinausgehendes "Wir" entwickeln. Das kann der kleine Verein am Ort sein, meist ist es auch die eigene Familie, die Firma oder Partei, der Fußballverein oder die Nation, in der mensch zufällig geboren ist. Manche konstruieren sich aus der Landschaft rund um ihren (ebenso zufälligen) Geburtsort eine Eigenheit, nennen das dann Heimat oder Bioregion und phantasieren in Steine, Wasser und Bäume eine Qualität, die ihrem Leben dann Identität und Halt verleiht.
Wie überall prägt auch hier die Sehnsucht nach einer neuen Geborgenheit, einer Art Leitkultur, das Geschehen. Der Mensch fühlt sich zu schwach oder außer Stande, sich selbst zu entfalten und zum Subjekt zu werden. Er geht auf in der Identität einer Masse - mitunter in absurden Konstellationen, die BetrachterInnen von fernen Planeten nahelegen würden, die Erde als große Theaterbühne zu begreifen und sich über die dortigen Abläufe kaputtzulachen. Da beschimpfen oder verprügeln sich die SchlachtenbummlerInnen zweiter Fußballvereine, um drei Tage später, als nicht ihre Vereine, sondern die Nationalmannschaft spielt, vereint gegen die Fans der anderen Nation zu schimpfen oder, wenn grad das Verlangen dazu aufkommt, zu verprügeln. Möglicherweise spielen in der nun zum Gegner erklärten Mannschaft mehr Angestellte des drei Tage vorher noch bejubelten Vereins - aber darauf kommt es überhaupt nicht an. Gesucht werden die kollektiven Identitäten, in deren Sphäre mensch sich begibt, um sich dort als Teil des Ganzen und folglich geborgen zu fühlen. Der Eindruck, Leben hätte etwas mit Abwägen und selbst entscheiden zu tun, ist dort dahin. Der tote Fisch im Strom fühlt sich wohl, weil er sich eins weiß in der Richtung mit allem anderen, was dort treibt ...

Hirnstupser im März 2021 Interessen statt Identitäten: Das Leben ist widersprüchlich - Protest auch!
Menschen finden sich nach äußeren Merkmalen zusammen. Das beginnt mit der Familie als Folge formaler und/oder romantischer Beziehungen bzw. dem Hineingeborensein, Nachnamensgleichheit usw. Gleiche Sprache, Alter, Zusammenpferchen in Schulklassen, Musikgeschmack, Kleidung, Fan gleicher Clubs und vieles mehr schaffen neben dem Zufall die Anlässe für Cliquen und andere Gruppen. Identitäten sind ein Problem. Das ist vielen nicht klar, die sich wohl fühlen in ihren identitären Gruppen. Dieses Wohlfühlen durch Zugehörigkeitsempfinden ist der Magnet von Identitäten. Er kleistert die weiterhin vorhandenen Unterschiede wie Hierarchien, gegenläufige Interessen und Privilegien zu. Deutlich wird das den meisten, wenn die großen Identitäten mit ihren mörderischen Folgen benannt werden: Nationen und Religionen. Doch auch wenn die im Kleinen nicht diese fatalen Folgen haben, sie behindern politische Intervention und klaren Blick.
Anschaulicher wird das an Beispielen, auch wenn das gefährlich ist. Denn das Abstrakte bzw. Allgemeine, welchem viele schnell zustimmen, weil die Relevanz für das eigene Leben nicht klar wird, weicht einer schroffen Ablehnung, wenn sichtbar wird, selbst in den Fokus geraten zu können. Das ist bei konkreten Beispielen unvermeidlich – und auch richtig so. Denn es macht keinen Sinn, ständig allgemein zu bleiben, ohne zu merken, dass eine kritische Sicht nicht nur irgendwelche komischen Sphären der Gesellschaft oder „die anderen“ betrifft, sondern mich selbst bzw. meine eigenen Zusammenhänge. Trösten mag aber alle, dass sie mit den folgenden Beispielen nur zufällig getroffen werden, dass auch andere Beispiele hätten gewählt werden können.
Beispiel „vegan“: So eindeutig dieser Begriff auf den ersten Blick klingen mag und dadurch einen ziemlich intensiven Kit zwischen Menschen bringt, die sich als solches begreifen, so unklar ist er tatsächlich. Für eine gemeinsame, zusammenschweißende Identität ist genaues Hingucken aber nicht förderlich. Recht lässt sich die Identität beschreiben. Hier geht es darum, im eigenen Leben nicht mit tierischen Produkten in Kontakt zu kommen. Viele Menschen reden sich ein, dass sie sich durch tierische Produkte unwohl fühlen – selbst auf größere Distanz (z.B. in anderen Räumen). Verstärken lässt sich dieses Gefühl durch die Abgrenzung von „dem anderen“, also Nicht-Veganen. Böse Blicke und Worte sind noch das harmloseste, Verbotsschilder und strikte Regeln steigern das, mitunter drohen Rauswürfe und Prügel. Verkomplizierungen sind bei Identitäten nicht zugelassen. Ob Produkte in ihrem Produktionsprozess Umwelt zerstören, Tiere verdrängen oder töten, Menschen ausbeuten – all das ist bei einem Identitätskonzept egal. Hauptsache ist, das eigene Leben zu designen.
Ganz anders sieht das aus, wenn ein Interesse bestimm wird. Bei veganer Orientierung kommen mindestens zwei Varianten in Betracht. Die eine bezieht sich nur auf den eigenen Körper, der aus Wohlfühlgründen rein vegan ernährt, bekleidet usw. werden soll. Hier steht offensichtlich das Eigeninteresse der Person im Mittelpunkt. Auch hier spielt die Frage, ob Menschen, andere Tiere oder die Umwelt im Produktionsprozess gelitten haben, keine Rolle. Anders sieht das aus, wenn das Interesse besteht, Tierleid zu verhindern. Das wäre die politische Variante des Veganismus. Hier wird es nun spannend, denn Produkte, die keine tierischen Bestandteile enthalten, können massiv Tierleid hervorgerufen haben – vom Ochsen am Pflug, Pferd am Transportwagen über als Fressfeinde getötete oder verdränge Mäuse, Wildschweine, Rehe usw. bis zu Millionen toter Insekten durch entsprechende Spritzmittel oder beim Transport an der Windschutzscheibe. Es wird also komplizierter – und das steigert sich noch. Wenn ich Produkte verwende, ist das Leid schon vorüber. Die Tötung oder Ausbeutung eines Tieres kann nicht rückgängig gemacht werden, in dem ich Konsum oder Nutzung der so hergestellten Sachen verweigere. Möglich und stets die wirksamste Art ist die direkte Aktion samt guter Öffentlichkeit gegen Missstände. Im eigenen Leben kann ein Verzicht höchstens zukünftiges Leid vermeiden. Zumindest durch den Kauf eines Produktes rege ich neue Nachfrage an. Kaufe ich vegane Produkte, vergrößere ich diesen Sektor, der sich in der Folge industrialisieren wird. Das oben benannte Tierleid im Produktionsprozess entsteht neu. Anders sieht das aus, wenn ich Produkte nutze, die weggeworfen wurden. Auch in ihnen steckt das Tierleid der Vergangenheit, welches aber nicht abnimmt, wenn ich das Produkt vergammeln lasse. Ich erzeuge aber keine neue Nachfrage, so dass die sogenannten freeganen Lebensmittel tierleidfrei sind – selbst wenn sie tierischen Ursprungs sind. Dummerweise zeigt sich bei noch genauerem Hingucken, dass doch ein Haken bei der Sache ist, nämlich dass für Außenstehende die Herkunft nicht erkennbar ist und somit z.B. der Konsum containerter Milchprodukte für andere signalisieren kann, dass auch der Kauf okay wäre. Das Analysieren, ein immer genaueres Hingucken, ließe sich fortsetzen. Das Ergebnis ist immer: Je genauer ich hingucke, desto widersprüchlicher wird alles. Identitätskonzepte sind deshalb auch so beliebt. Sich vegan zu fühlen, zu „sein“, ist richtig schön einfach. Der Wohlfühlfaktor stellt sich ein, mensch hält sich für was Besseres, verstärkt die Wirkung durch Abgrenzung des vermeintlich Bösen und bindet sich in eine kuschelige soziale Gruppe ein.
Das sieht bei anderen Themen nicht anders aus. Wer „Antifa“ oder „Antisexismus“ als Label setzt, wird oberflächliche Abgrenzungskämpfe vornehmen und sich vor allem so „fühlen“. Das schweißt zusammen, dringt aber, weil eine Identität, nicht analytisch in das wirkliche Leben ein. Wer das Interesse hat, sexistisches bzw. faschistoides Denken und Handeln zu bekämpfen, wird ganz anders vorgehen und selbst im eigenen Leben und Umfeld vieles von dem entdecken, was Ursache solcher Verhaltensweisen ist.
„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, drückte Theodor W. Adorno das aus – in einer ersten Textfassung stand noch: „Es läßt sich privat nicht mehr richtig leben“. Identitätskonzepte verschleiern Widersprüche. Sie sind eine Selbstbelügung. Auf der richtigen Seite zu stehen, ist dann ein Gefühl – bestätigt durch ein vermeintlich gemeinsames Fühlen in der sozialen Gruppe und die Abgrenzung vom vermeintlich Falschen der anderen. Anspruchsvoller ist, politische Interesse zu bilden und zu schauen, wie stark mensch diese auch verfolgen kann. Angesichts der Widersprüchlichkeiten ist ein „richtiges Leben im falschen“ nicht möglich. Drei Erkenntnis daraus sind wichtig: Es ist möglich, es trotzdem zu versuchen, um Leid zu minimieren. Es ist aus Selbstschutz sinnvoll, dass zwar energisch zu versuchen, aber nicht dogmatisch verkrampft, weil das Ziel nicht erreicht werden kann. Und es wird spätestens nun klar, dass die wirksamste Waffe, um Leid zu vermindern, die direkte Aktion gegen die Ursachen ist – statt dem Versuch, sich auf einer Insel der glücklichmachenden Selbstbelügung einzurichten.

FridaysForFuture lädt schon gebuchte Band aus, weil Sängerin Dreads trägt
Aus "Absage wegen Dreadlocks", auf: NDR am 23.3.2022
Die Klimaaktivisten hatten ihre die Absage damit begründet, dass sie "gerade bei diesem globalen Streik auf ein antikolonialistisches und antirassistisches Narrativ setzen". Weiter heißt es in dem Schreiben, dass weiße Menschen keine Dreadlocks tragen sollten, "da sie sich einen Teil einer anderen Kultur aneigneten ohne die systematische Unterdrückung dahinter zu erleben". ... bei dem Klimastreik am Freitag könnte Maltzahn noch auftreten - wenn sie sich bis dahin ihre Haare abschneidet.

Aus "Jedem Stamm seine Bräuche", in: Jungle World am 1.9.2016
In den Sozialwissenschaften und der antirassistischen Szene bedienen sich einige im Kampf gegen »kulturelle Aneignung« einer Sprache, die von der rechter Ethnopluralisten nicht mehr zu unterscheiden ist. ...
Ursprünglich war der Antirassismus angetreten, um Diskriminierung zu bekämpfen, Stereotype aufzubrechen und es Individuen zu ermöglichen, gleichberechtigt eine transnationale Menschheitskultur zu gestalten. Parteien und soziale Bewegungen, die gegen die weiße Hegemonie kämpfen, agieren allerdings immer öfter als Anwälte von Stamm, hood, Nation und Umma.


Aus "Kulturelle Aneignung", in: Autonomie-Magazin am 6.10.2021
Im Kolonialismus wurden unzählige Kulturgüter geraubt. Kunstgegenstände aus Edelmetallen wurden häufig eingeschmolzen, Monumente, Ritualgegenstände oder Schmuck landeten in den Museen und privaten Sammlungen der Kolonialmächte. Diese (oft genozidale) Räuberei meinen postmoderne Identitäre nicht, wenn sie von kultureller Aneignung reden. Sie meinen das Übernehmen von Kulturelementen. Bekanntlich ist Kultur aber Aneignung. Schimpansen haben – wie alle Tiere – Instinkte und eine neurologische „Hardware“. Sie lernen allerdings Verhaltensweisen als Kinder und Erwachsene auch von anderen. In Schimpansenpopulationen, die den Gebrauch von bestimmten Werkzeugen kennen, wird das entsprechende Wissen individuell weitergegeben (das heißt auch: individuell angeeignet). Die kulturelle Leistung, welche die Entdeckung des Werkzeuggebrauchs darstellt, können sich andere Gruppen bei friedlichem Kontakt leicht aneignen und sie muss auch nicht von jeder Generation oder gar jedem Individuum neu erbracht werden. Die Entwicklung, die der Mensch als Spezies in den letzten hunderttausenden von Jahren machte, basiert auf Kultur und kultureller Aneignung. Für jeden menschlichen Fortschritt – sei es in der Kunst oder bei der Entwicklung der Produktivkräfte – ist kulturelle Aneignung unerlässlich. Kulturelle Aneignung ist zudem prinzipiell kein Nullsummenspiel. Der Schimpanse, der sich eine Technik des Werkzeuggebrauchs aneignet, nimmt dadurch dem anderen Schimpansen sein Wissen nicht weg. ...
Ein weiteres Beispiel umfassender kultureller Aneignung sind die Kochkunst und regionalen Küchen. Während zwar einzelne Familien, Dörfer, Regionen und Nationen ihre jeweils eigene Art der Nahrungszubereitung haben, findet hier im Kleinen wie im Großen ein permanenter Austausch statt. Zutaten, die für heutige „Nationalgerichte“ unerlässlich sind (z.B. Kartoffeln in Irland und Deutschland, Tomaten in Italien) kamen erst vor kurzer Zeit aus Amerika nach Europa. Die türkische Küche besteht aus zahlreichen Elementen der griechischen, armenischen, arabischen, kurdischen Küchen und vielen weiteren Elementen. Vor diesem Hintergrund diskutieren identitäre amerikanische StudentInnen und andere VollidiotInnen, ob es problematisch ist, wenn „Weiße“ Tacos zubereiten, verkaufen oder essen. ...
2015 machte ein Fall an der Universität von Ottawa Schlagzeilen, der beispielhaft für den völkischen Reinheitswahn angeblich linker Identitärer steht. Jen Scharf, eine Yoga-Lehrerin, hatte sieben Jahre lang an dieser kanadischen Uni kostenlose Yoga-Kurse gegeben. Mit diesen Kursen sollten Inklusion und Wohlergehen von Studierenden mit Behinderungen gefördert werden. Als Jen Scharf im Sptember 2015 den nächsten Kurs beginnen wollte, teilte ihr die Student Federation of the University of Ottawa – bisherige Trägerin des Yoga-Kurses – mit, dass der Kurs nicht mehr stattfinden könne. Die kulturelle Aneignung von Praktiken aus einer unterdrückten, vormals kolonialisierten Gesellschaft und Kultur (hier die indische Hindu-Kultur) ist nämlich den Identitären zufolge problematisch und für Angehörige dieser Kultur verletzend. Es nützte nichts, dass die Kursleiterin argumentierte, sie würde sich nur auf die physischen Aspekte des Yoga stützen und nicht vorgeben, Spiritualität zu vermitteln, sondern Körperwahrnehmung und Streckübungen vermitteln wollen. Innerhalb der Student Federation wurde der Fall zum Politikum und man entschied, dass der Kurs eingestellt werden müsse. Das Angebot, den Kurs in „Mindful stretching“ umzubenennen, wurde nicht akzeptiert. Schon gar keine Rolle spielte es für die privilegierten Studis, dass Stimmen aus der Hindu-Community Ottawas klarstellten, dass man kein Problem mit solchen Yoga-Kursen habe.


Aus "Popkultur-DebatteWas ist kulturelle Aneignung?", auf: Deutschlandfunk am 15.10.2017
Es geht jeweils um das Absprechen von Legitimation, um Delegitimierung: Einem weißen Schauspieler wird die Legitimation abgesprochen, einen Schwarzen darzustellen; Angehörigen der Dominanzkultur wird das Recht abgesprochen, bestimmte Frisuren wie Dreadlocks und Kleidungsstücke wie Kimonos zu tragen; und Teilnehmerinnen und Teilnehmern linker Demonstrationszüge wird die Berechtigung abgesprochen, wirklich für die Belange eintreten zu können, für die sie protestieren, nämlich für soziale Gerechtigkeit.
In allen drei Beispielen wird die Legitimität an kulturelle Zugehörigkeit geknüpft. Oder anders gesagt: Die Zugehörigkeit zu einer Kultur wird als entscheidend dafür angesehen, wer befugt ist, was zu tun. Ob es nun darum geht, gegen den Kapitalismus zu protestieren, verfilzte Haare zu tragen oder bestimmte Rollen zu spielen.
Unterscheiden muss man dabei unbedingt zwischen der berechtigten Empörung über den Ausschluss von People of Color bei einer subkulturellen, linken Veranstaltung einerseits und andererseits dem Versuch, als Antwort darauf kulturelle Eigenheiten zu betonen. Als wäre den Abwesenden damit direkt gedient, wird versucht, die Verbindung von kulturellen Zeichen wie etwa Dreadlocks, ihrer Bedeutung und den TrägerInnen dieser Zeichen festzuzurren: Widerstand, den können nur indische Kleinbauern (oder vergleichbare Subalterne) auf angemessene Art und Weise leisten, Dreadlocks stehen legitim nur Schwarzen zu. Das ist eine Re-Essenzialisierung, also die Wiedereinführung der Behauptung einer Wesensverbindung.
Mit der Durchsetzung poststrukturalistischer Theorieansätze galten solche Wesensbestimmungen eigentlich als passé – deshalb die Vorsilbe Re-. Denn sie ist analytisch wie auch politisch extrem problematisch. Politisch ist sie vor allem deshalb so gefährlich – so viel sei vorweggenommen –, weil sie in letzter Konsequenz Solidarität unmöglich macht.
Analytisch besteht das Problem darin, ungeheure Verallgemeinerungen vorzunehmen. ...
Darüber hinaus basieren die Vorwürfe der kulturellen Aneignung oft ganz grundsätzlich auf einem sehr statischen Verständnis von Kultur. Das gilt auch für Yaghoobifarahs und Dhawans Ansätze. Zu Ende gedacht läuft ihre Kritik nämlich auf ein starres – und damit extrem konservatives – Verständnis von Kultur hinaus.
Kultur meint dann: kollektiv geteilte Merkmale – wobei angeblich feststeht, wer zum Kollektiv gehört und um welche Merkmale es geht.


Kritische Glosse "Hört sich hip an" zu neuen Identitäten und Gender-Schubladen, in: Junge Welt, 7.4.2022 (S. 10)

Innen entsteht durch Abgrenzung von außen
Aus Niklas Luhmann, "Einführung in die Systemtheorie" (S. 64)
Ein System "ist" die Differenz zwischen System und Umwelt.

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