Projektwerkstatt

MENSCH - NATUR - TECHNIK

Technik: Heilsbringer, teuflisch oder einfach nur Werkzeug?

Ohne Technik könnten menschliche Lebewesen nicht als Menschen leben. Menschen nutzen natürliche Gegebenheiten nicht nur für das biotische Überleben, sondern gestalten sie aktiv um. Dazu schaffen sie Werkzeuge, die gegenständlich oder in Form ideeller Sachverhalte (Wissen, Software, “Denkwerkzeuge”) eine wichtige Grundlage aktiver Tätigkeit sind. Obgleich Technik schon immer als etwas “Widernatürliches” gekennzeichnet wurde, ist die “menschliche Natur” in Wirklichkeit selbst dadurch bestimmt, mittels geeigneter, selbst hergestellter Instrumente und Verfahren gesetzte Zwecke zu erreichen. Als Technik sind nicht nur die verwendeten Werkzeuge und Instrumente zu betrachten, sondern sie ist jede Handlungsform, mit der “einheitlich die Beziehungen des Menschen zu sich selbst, zu anderen und zur Umwelt in seinen wichtigsten Handlungszusammenhängen reguliert” werden (Krohn 1976, 43).
Das gilt jedenfalls für Technik als Mittel zur Erfüllung menschlicher Bedürfnisse. Zwecke können jedoch innerhalb der gesellschaftlichen Organisation der Menschen auch weitab von konkreten Bedürfnislagen liegen und sich verselbständigen.

Marx, Karl (MEW 1967, S. 391)
J. S. Mill:
Es ist fraglich, ob alle bisher gemachten mechanischen Erfindungen die Tagesmühe irgendeines menschlichen Wesens erleichtert haben.
K. Marx:
Solches ist jedoch auch keineswegs der Zweck der kapitalistisch verwandten Maschinerie. Gleich jeder andren Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit soll sie die Waren verwohlfeilern und den Teil des Arbeitstags, den der Arbeiter für sich selbst braucht, verkürzen, um den andren Teil seines Arbeitstags, den er dem Kapitalisten umsonst gibt, verlängert. Sie ist Mittel zur Produktion von Mehrwert.


In der kapitalistischen Ökonomie, in der das menschliche Handeln dem Prinzip “Aus Geld mache mehr Geld” unterworfen wird, ist auch die Technik diesem Zweck unterworfen. Nur insoweit sie diesen Zweck unterstützt, wird sie genutzt und weiter entwickelt. Sie verstärkt deshalb die Kraft der herrschenden Prinzipien der Geldvermehrung als Selbstzweck und erscheint selbst als herrschende Macht. Rücksichtlos wirkt sie sich gegenüber Mensch und Natur aus. Das hat Folgen - und die Antwort auf diese heißt wieder: Technik. Mit Technik löst man die Probleme, die man ohne Technik nicht hätte. Oder versucht es zumindest, wobei unter den herrschenden Bedingungen als zentraler Ansporn dominiert, Mensch und Natur nutz- und ausbeutbar zu halten oder neu zu machen (z.B. bislang nicht verwertete Teile der Natur oder menschlichen Schaffenskraft). Technik folgt diesem Paradigma - und zwar als Kette von Anwendungen, deren Folgen die nächste Anwendung bedingen. Das führt zu einer Verselbständigung des Technikentwicklungsprozesses, der folglich zu einem Grundpfeiler der Herrschaftsanwendung, -sicherung und -ausdehnung mutiert.

Allerdings wäre es trotzdem falsch, der Technikverdammnis das Wort zu reden, denn die menschen- und naturfeindliche Orientierung ist kein immanenter, d.h. untrennbarer Anteil an Technik selbst, sondern auf grundlegendere Ursache zurückzuführen, denen sich die Technik fügt. Aber es gilt zu verstehen, wie das Verhältnis von Ökonomie und Technik beschaffen ist, um zielgenaue Kritik zu leisten, um eine Vision zu entwickeln, um realpolitische Konzepte zu diskutieren und Experimente auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen. Denn Technik ist nicht die Ursache, sondern ein sinnvoller Umgang mit Technik ist daran gebunden, dass gleichzeitig andere gesellschaftliche Verhältnisse hergestellt werden.

Im Laufe der Produktivkraftentwicklung wurde die enge und durchschaubare Bindung von eingesetzten technischen Mitteln und unmittelbaren Produktionszwecken in Landwirtschaft und Handwerk aufgehoben. Die Mittelnutzung wurde entsubjektiviert und einer eigenständigen wissenschaftlichen Bearbeitung unterworfen. Gleichzeitig wurde der ökonomische Produktionsprozeß vollkommen umgestülpt und von den unmittelbaren Produzenten entfremdet. Produziert wurde nicht mehr für konkrete Bedürfnisse, sondern auf “Verdacht” für einen anonymen Markt, auf dem Güter über das universelle Schmiermittel “Geld” getauscht werden konnten. Beide Prozesse, der ökonomische Produktionsprozeß und darin die Technikentwicklung verselbständigten sich gegenüber den Menschen. Folge: Nicht die menschlichen Bedürfnisse zählen, sondern nur die kaufkräftige Nachfrage. Das Wertgesetz, aus Geld mehr Geld zu machen, ist unterschiedslos unerbittlich: Ob Kapital sich verwertet durch den Bau eines Staudamms oder durch Kaschierung ökologischer Schäden aufgrund des Staudammbaus ist gleichgültig. Nur eines kann der verselbständigte Prozess nicht: stillstehen.

Im Original: Der Text in der ersten Auflage
Aus Gruppe Gegenbilder (1. Auflage 2000): "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen", SeitenHieb-Verlag in Reiskirchen (S. 25)
Ohne Technik könnten menschliche Lebewesen nicht als Menschen leben. Menschen nutzen natürliche Gegebenheiten nicht nur für das biotische Überleben, sondern gestalten sie aktiv um. Dazu schaffen sie Werkzeuge, die gegenständlich oder in Form ideeller Sachverhalte (Wissen, Software, “Denkwerkzeuge”) eine wichtige Grundlage aktiver Tätigkeit sind. Obgleich Technik schon immer als etwas “Widernatürliches” gekennzeichnet wurde, ist die “menschliche Natur” in Wirklichkeit selbst dadurch bestimmt, mittels geeigneter, selbst hergestellter Instrumente und Verfahren gesetzte Zwecke zu erreichen. Als Technik sind nicht nur die verwendeten Werkzeuge und Instrumente zu betrachten, sondern sie ist jene Handlungsform, mit der “einheitlich die Beziehungen des Menschen zu sich selbst, zu anderen und zur Umwelt in seinen wichtigsten Handlungszusammenhängen reguliert” werden (Krohn 1976, 43).
Wir sprachen bisher nur von Technik als Mittel zur Erfüllung menschlicher Zwecke. Zwecke können jedoch innerhalb der gesellschaftlichen Organisation der Menschen weitab von konkreten Bedürfnislagen liegen und sich stark verschieben und verselbständigen.
J.S.Mill: “Es ist fraglich, ob alle bisher gemachten mechanischen Erfindungen die Tagesmühe irgendeines menschlichen Wesens erleichtert haben.”
K. Marx: “Solches ist jedoch auch keineswegs der Zweck der kapitalistisch verwandten Maschinerie. Gleich jeder andren Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit soll sie die Waren verwohlfeilern und den Teil des Arbeitstags, den der Arbeiter für sich selbst braucht, verkürzen, um den andren Teil seines Arbeitstags, den er dem Kapitalisten umsonst gibt, verlängert. Sie ist Mittel zur Produktion von Mehrwert.” (Marx 1967, 391)
In der kapitalistischen Ökonomie, in der das menschliche Handeln dem Prinzip “Aus Geld mache mehr Geld” unterworfen wird, ist auch die Technik diesem Zweck unterworfen. Nur insoweit sie diesen Zweck unterstützt, wird sie genutzt und weiter entwickelt. Sie verstärkt deshalb die Kraft der herrschenden Prinzipien der Geldvermehrung als Selbstzweck und erscheint selbst als herrschende Macht. Also ist ein sinnvoller Umgang mit Technik daran gebunden, dass gleichzeitig andere gesellschaftliche Verhältnisse hergestellt werden.
Die Technik, für deren Akzeptanz auf der EXPO geworben werden soll, liegt voll im Trend technokratisch-neoliberaler Zukunftsplanung. Typisch dafür ist, dass die technische Entwicklung als Selbstzweck betrachtet wird und die berechtigte Frage entsteht:
Technik ist die Antwort.
Aber was war die Frage?
Es bedarf jedoch weder einer Frage noch einer Antwort, denn die Technik ist unter den aktuellen Bedingungen alleinig Zweck in einer selbstgenügsamen ökonomischen Verwertungsmaschine. Technik ist das Mittel, um aus Geld mehr Geld zu machen, und Technik ist das Mittel, die dabei angerichteten Zerstörungen wieder zu reparieren. Das Motto der EXPO könnte also auch sein:
Mit Technik löst man die Probleme, die man ohne Technik nicht hätte.
Falsch wäre allerdings, der Technikverdammnis das Wort reden. Aber es gilt zu verstehen, wie das Verhältnis von Ökonomie und Technik beschaffen ist, um zielgenaue Kritik zu leisten, um eine Vision zu entwickeln, um realpolitische Konzepte zu diskutieren und Experimente auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen.
Erinnern wir uns an die Darstellung im zweiten Kapitel. Mit dem Eintritt in die “Mittel-Epoche” (siehe zu den Epochen der Produktivkraftentwicklung) wird die enge und durchschaubare Bindung von eingesetzten technischen Mitteln und unmittelbaren Produktionszwecken in Landwirtschaft und Handwerk aufgehoben. Die Mittelnutzung wird entsubjektiviert und einer eigenständigen wissenschaftlichen Bearbeitung unterworfen. Gleichzeitig wird der ökonomische Produktionsprozeß vollkommen umgestülpt, er wird den unmittelbaren Produzenten entfremdet. Nicht mehr für konkrete Bedürfnisse wird produziert, sondern gleichsam nurmehr auf “Verdacht” für einen anonymen Markt, auf dem Güter über das universelle Schmiermittel “Geld” getauscht werden können. Beide Prozesse, der ökonomische Produktionsprozeß und darin die Technikentwicklung verselbständigen sich gegenüber den Menschen. Nicht die menschlichen Bedürfnisse zählen, sondern nur die kaufkräftige Nachfrage. Das Wertgesetz, aus Geld mehr Geld zu machen, ist unterschiedslos unerbittlich: Ob Kapital sich verwertet durch den Bau eines Staudamms oder durch Kaschierung ökologischer Schäden aufgrund des Staudammbaus ist gleichgültig. Nur eines kann der verselb-ständigte Prozeß nicht: stillstehen.
Von Technik und Umwelt als scheinbar ökonomisch unabhängigen Prozessen zu sprechen, macht keinen Sinn. Mensch, Natur und Technik müssen zusammen gedacht werden – aber nicht, wie die EXPO suggeriert, als unabänderliche, quasi-natürliche, zwangsläufige Abfolge technischer Entwicklungen, die über uns kommen und denen wir uns unterzuordnen haben. Es gibt nicht die eine, unumgängliche Zukunft, wie sie uns die EXPO präsentiert, sondern die Zukunft ist offen und gestaltbar.


Technik und Ressourcennutzung sind Teil des sozialen Gestaltungsprozesses zwischen den Menschen. Ihre Entwicklung und Anwendung folgt den in der Menschheit als dominanter Diskurs bestehenden Prinzipien. Jedoch ist das kein Naturgesetz, sondern menschengemacht und daher keine unabänderliche, quasi-natürliche oder zwangsläufige Abfolge technischer Innovationen, die über uns kommen und denen wir uns unterzuordnen haben. Die Zukunft und damit auch die technische Entwicklung sind offen und gestaltbar.

Im Original: Kritische Blicke
Marx 1856, MEW 12/3-4
In unseren Tagen scheint jedes Ding mit seinem Gegenteil schwanger zu gehen. Wir sehen, dass die Maschinerie, die mit der wundervollen Kraft begabt ist, die menschliche Arbeit zu verringern und fruchtbarer zu machen, sie verkümmern läßt und bis zur Erschöpfung auszehrt. Die neuen Quellen des Reichtums verwandeln sich durch einen seltsamen Zauberbann zu Quellen der Not. Die Siege der Wissenschaft scheinen erkauft durch Verlust an Charakter. In dem Maße, wie die Menschheit die Natur bezwingt, scheint der Mensch durch andere Menschen oder durch seine eigne Niedertracht unterjocht zu werden.

Aus Wicht, Cornelia (1980): "Der Ökologische Anarchismus Murray Bookchins", Verlag Freie Gesellschaft in Frankfurt
Jeder Versuch, auf niedrigem technologischen Niveau den Reichtum der Gesellschaft zu nivellieren, hätte die Not nicht abgeschafft, sondern sie nur verallgemeinert und damit alle Bedingungen für einen neuen Kampf um die materiellen Grundlagen, um neue Eigentumsformen und letztlich um ein neues System der Klassenherrschaft geschaffen. ... (S. 29)
Die zwei wichtigsten Charakteristika der "zweiten" industriellen Revolution sind die enormen Entwicklungsmöglichkeiten und die kostenorientierten, antimenschlichen Beschränkungen, die ihr auferlegt werden. ... (S. 32)

Aus Cantzen, Rolf (1995): "Weniger Staat - mehr Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau
In dem heute noch dominierenden technisch-ökonomisch reduzierten Fortschrittsbegriff verselbständigt sich das technisch Machbare zum Fortschritt schlechthin. Ein Maßstab oder eine Zielsetzung, an dem dieser vermeintliche Fortschritt gemessen wird, fehlt oder kann als Korrektiv des "Machbaren" nicht wirksam gemacht werden. So wird in der Produktivkraftentwicklung selbst, im Wirtschaftswachstum selbst, ein Wert gesehen, unabhängig von den konkreten politisch-sozialen Folgen. ... (S. 44)
"Der einzige Beruf der Wissenschaft ist, den Weg zu beleuchten; schaffen aber kann nur allein das Leben in seiner vollen Wirksamkeit, wenn es von allen Fesseln der Herrschaft und Doctrin befreit ist." (Bakunin zitiert nach Zenker, 1979, 106) ...
(S. 47)
Wie eine "libertäre Technik", oder besser: eine Technik, die mit den Prinzipien einer libertären Gesellschaftsordnung in Einklang steht, aussehen kann, deutet sich bereits in der Kritik an der kapitalistischen Technik und Industrie an: Sie darf einer vollständigen Aneignung nicht im Wege stehen, muss den kreativen Möglichkeiten der Menschen entgegenkommen und eine gesellschaftsorganisatorische, ökonomische und soziale Emanzipation gewährleisten. Das bedeutet vor allem, dass einer libertären Technik nicht sämtliche Lebensbereiche untergeordnet werden, dass vielmehr die Technik den ökonomischen und vor allem den gesellschaftlich-sozialen Interessen und Bedürfnissen der Menschen angepaßt werden muss. Anarchisten wenden sich lediglich gegen eine Verselbständigung des technischen Fortschritts zu einem Wert an sich und gegen die Vorstellung, der technische Fortschritt stehe in einer proportionalen Beziehung zum gesellschaftlich-sozialen Fortschritt. Die Anarchisten sind keineswegs die atavistischen Technikfeinde, als die sie ihre wissenschaftlich-sozialistischen Gegner verspotten. ... (S. 208)

Aus Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg
Wie Langdon Winner in The Whale and the Reactor darlegt, „sind Technologien nicht nur Hilfsmittel bei menschlichen Tätigkeiten, sondern auch wirkmächtig darin, diese und ihre Bedeutung zu formen und zu verändern“: "Bereits während eine Technologie entwickelt und zum Einsatz gebracht wird, finden bedeutende Veränderungen in den menschlichen Verhaltensmustern und Institutionen statt ... der Aufbau eines technischen Systems, das Menschen als Teil seines Betriebs einbezieht, bringt die Umstrukturierung gesellschaftlicher Rollen und Beziehungen mit sich. Oft ergibt sich dies aus den Bedienungs- oder Nutzungsbedingungen des neuen Systems: Es lässt sich nicht anwenden, ohne dass menschliches Verhalten sich seiner Form und seinem Prozess anpasst. Daher entwickelt allein schon die Nutzung der Maschinen, der Techniken und Systeme, die uns zur Verfügung stehen, bestimmte Formen von Aktivitäten und Erwartungen, die bald zu unserer ‚zweiten Natur’ werden." ... (S. 169 f.)
Technologie steht in besonderem Maße für den Wert, den Menschen der ausgesprochen menschlichen Art und Weise beimessen, die materielle Welt zu beeinflussen, die natürliche Umgebung zu verstehen und sie den menschlichen Wünschen anzupassen. Der Wert dieser Fähigkeit, durch die Menschen einen Sinn für ihr Können entwickeln (...), lässt sich kaum infrage stellen. Das Problem ist jedoch, dass die Faszination angesichts der menschlichen Kreativität zunehmend mit dem kulturellen Ideal der Technologie in eins gesetzt wird, während sich diese nahtlos in ein Aufklärungs-Narrativ vom Fortschritt einfügt. Die Quelle der Faszination ist eigentlich technique, wie sie oben definiert wurde. Doch Technologie als kulturelles Ideal verstellt den Blick auf diese Quelle, genau wie sich technique in ein gesellschaftliches Projekt zum durchrationalisierten Aufbau von Überschüssen und Kapazitäten entwickelt. Eine "positive" anarchistische Technologiepolitik würde nun gerade da ansetzen und versuchen, technique aus diesem Prozess ihrer zunehmenden Vereinnahmung herauszulösen und sie als Erfahrung zu werten, weniger als Grundlage für eine nicht gewählte, sich endlos wiederholende gesellschaftliche Anwendung.

Zur Ablehnung technischer Neuerungen (S. 188)
Ebensowenig ist der zeitgenössische Luddismus als reine Maschinenstürmerei zu verstehen. Er versucht vielmehr, auf alle mögliche Arten neuen technologischen Wellen einen Widerstand entgegenzusetzen, wenn sie darauf ausgerichtet sind, Machtkonzentration und soziale Kontrolle, Ungleichheit und Umweltzerstörung zu verstärken.


Herrschaft und Technik
Technikentwicklung und Projektrealisierung finden auch in herrschaftsfreien Zeiten statt. Sie nehmen aber eine andere Richtung, weil sie auf anderen Logiken basieren. Realisiert wird, an was Menschen interessiert sind - und zwar von sich aus, nicht aus dem Zwang zur Verwertung oder dem Willen zur Beherrschung anderer. Weil sie ihr Wissen nicht vor Anderen abschotten können, ist jede Erfindung oder Entwicklung potentiell für alle gut. Und weil das unmittelbar einleuchtend ist, wird auch das Interesse steigen, dass Wissen sich austauscht und verbreitet - was wiederum fördert, dass horizontale Kommunikationssysteme entstehen. Denn: Nur unter Profit- und Machtgesichtspunkten ist es vorteilhaft, wenn Wissen gehortet, patentiert oder geheimgehalten wird. Das steigert den Preis oder Herrschaftsnutzen. Ist das Wissen aber frei, wird jedeR ErfinderIn schnell Verbesserungsvorschläge erfahren und wiederum bei anderen abgucken können. Es ist besser für jedeN, wenn sich jede andere Person auch voll entfalten und maximal viele gute eigene Gedanken entwickeln kann.
Was herauskäme, wäre ein grandioser Schub an Technikentwicklung für ein besseres Leben und das schnelle Ende der Entwicklung von Technik für mehr Profite. Statt Kraftwerken oder Windparks, die ja wegen des dann erzwungenen Stromvertriebs über den Markt vor allem aus Profitinteressen groß und zentral entstehen, wird es viele kleine, aber technisch sehr fortschrittliche Lösungen geben, deren Ziel es ist, dass die Menschen es gut haben: Warm in den Räumen, schlaue Geräte am Stromnetz, arbeitssparende und hoch-effiziente Verwertung von Fäkalien und Abfällen usw. Um Totalausfälle zu vermeiden, lohnt sich ein Verbund zwischen den verschiedenen Organisationseinheiten, deren Grenzen ohnehin nicht scharf gezogen sind - warum sollte daran jemand Interesse haben?
Alles basiert in einer herrschaftsfreien Welt auf Interessen der Menschen selbst. Sie werden eine Mobilität entwickeln, die ihren Wünschen entspricht: Reisen zu können (viele Menschen haben Lust auf Mobilität, daher werden Methoden des Vorankommens entstehen), ohne Lebensqualität zu verlieren (viele Menschen werden Lust auf lärm- und gestankarmes Leben haben, Kinder und Erwachsene wollen vor der Haustür spielen, daher wird die heutige Form der mit Zwang durchgesetzten Auto-Mobilität keine Chance haben). Was wird entstehen? Schwebebahnen wie in Wuppertal? Das ist schwer vorherzusagen. Wir sind von dieser Welt weit entfernt. Nur eines dürfte klar sein: Eine herrschaftsfreie Welt ist keine anti-technische Welt. Ganz im Gegenteil: Die Produktivkraft wird steigen, wenn die Menschen für ein besseres Leben tätig werden. Auch wenn sie (was zu erwarten ist) viel mehr das bessere Leben genießen wollen - sie werden viel produktiver, einfallsreicher und kommunikativer agieren. Weil es ihnen hilft! Der Egoismus in Form des Willens zu einem besseren Leben treibt die Produktivität und den Erfindungsreichtum der Einzelnen an, führt aber ebenso zu Kooperation und zum Wunsch, dass sich andere auch entfalten, weil das von ihnen Erschaffene genutzt, kopiert und weiterentwickelt werden kann.

Im Original: Markt, Macht, Wissenschaft
Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (mehr Auszüge)
Es ist wichtig, die Entwicklung einer Technik, die die moderne Angst vor dem Mangel beseitigen kann, eine Nach-Knappheits-Technik sozusagen, zum Bestandteil des revolutionären Projektes zu machen. Eine solche Technologie muss jedoch in den Kontext einer sozialen Entwicklung gestellt werden und darf nicht als "Vorbedingung" menschlicher Emanzipation unter allen Bedingungen und für alle Zeiten aufgefaßt werden. (S. 134 f.) ...
Soll die Technik natürliche Zyklen ablösen, die das Verhältnis von atmosphärischem Kohlendioxyd und Sauerstoff regeln, soll sie einen Ersatz für die sich zersetzende, das Leben vor tödlicher Sonnenstrahlung schützende Ozonschicht bieten; soll sie den Boden durch hydroponische Lösungen ersetzen? Alles dies, wenn es denn möglich wäre, würde ein hoch diszipliniertes System gesellschaftlichen Managements erfordern, das mit Demokratie und politischer Mitwirkung des Volkes völlig unvereinbar wäre. (S. 169 f.)

Aus Niels Boeing, "Rip, Mix & Fabricate" in: "Anarchistische Welten" (2012, Nautilus in Hamburg)
Die geschlossene Technosphäre ist eine wachsende Ansammlung von Blackboxes, die wir nicht durchschauen sollen. ...
Wir müssen uns die Technik, auch in ihrer Gestalt als Technosphäre, aneignen und vom Kapitalismus ablösen und können umgekehrt durch ihre Aneignung sogar dazu beitragen, den Kapitalismus auszuhöhlen. Wir können diese Aneignung forcieren, wenn wir ein analytisches Werkzeug finden, das uns den systematischen Zugang zur Technik so erweitert, dass sich daraus neue, konkrete Handlungsmöglichkeiten ergeben. ... (S. 191f.)
Hingegen Technik als Verschwörung des Kapitals oder Ausgeburt menschlicher Gewalttätigkeit zu begreifen und deshalb abzublocken, überlässt die Umgestaltung der Welt weiterhin den Technokraten. Die übernehmen wir besser selbst. (S. 197f.)

Aus Thilo Bode (2003): "Die Demokratie verrät ihre Kinder" (S. 146 ff.)
Es wird entscheidend für die Zukunft der Menschheit sein, ob Konzerne Technologien entwickeln, die zur Lösung der großen globalen Probleme beitragen. Die aktuell entwickelten und vorangetriebenen Technologien sind jedoch nicht problemorientiert, sondern profitorientiert. Technischer Fortschritt ist kein autonomer Prozeß, er ist ein Resultat von Marktanreizen und politischen Entscheidungen. Welches Risiko einer neuen Technologie dabei eine Gesellschaft zu tragen bereit ist, kann nicht wissenschaftlich, sondern muß politisch entschieden werden.
Unternehmen entwickeln neue Technologien und Produkte, die mit kaufkräftiger Nachfrage auf entsprechenden Märkten rechnen können. Andernfalls lohnen sich die Entwicklungs und Investitionskosten nicht. Deshalb entwickeln die bedeutenden Pharmakonzerne keinen Impfstoff gegen Malaria, obwohl diese Impfung Hunderten Millionen von Menschen in tropischen Ländern das Leben retten würde, sondern erforschen bevorzugt neue Potenzmittel für Kundschaft in den Industrieländern. Dort ist Kaufkraft, in Malariagebieten nicht. Anders bei Alds. Obwohl sich über 30 Mil110nen HIV Infizierte in der Dritten Welt teure Medikamente zur Behandlung der Infektion nicht leisten können, reicht die kaufkräftige Nachfrage in der Ersten Welt aus, um die Entwicklungskosten zu decken.
Die Marktlogik fördert Technologien, die sich in der Gestalt von Produkten, Waren oder handelbaren Dienstleistungen niederschlagen, also verkauft werden können. Kostengünstige Alternativen, etwa Prozesse, die sich aus bereits bekannten, nicht patentierbaren Verfahren zusammensetzen und nicht "verkauft" werden können, also nicht marktfähig sind, kommen dadurch nicht zur Anwendung. Biologische Schädlingsbekämpfung in der Landwirtschaft kann als Alternative zu schädlingsresistentem, gentechnologisch manipuliertem Saatgut ebenso wirkungsvoll sein, zugleich ohne die schädlichen Umweltbelastungen und zu geringeren Kosten für die Landwirte. Derartige Methoden sind für Konzerne Jedoch nicht attraktiv sie versprechen keinen Markt. Gemäß dieser Logik versuchen die Saatgutkonzerne mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, die sogenannte Grüne Gentechnologie in der Landwirtschaft der Dritten Welt durchzusetzen.
Die Produkte der Grünen Gentechnologie bestehen aus transgenem, patentiertem Saatgut, das entweder durch ein in die Erbanlagen eingebautes Bakterium gegen Schädlinge resistent ist oder durch Erbgutveränderung unempfindlich gegen bestimmte chemische Unkrautvernichtungsmittel gemacht wurde. Ein derartiges Saatgut ist zwar marktfähig, weil es sich als "Produkt" verkaufen läßt, ist jedoch mitnichten das beste Mittel, die Landwirtschaft in der Dritten Welt zu entwickeln. Diese Technologie setzt nicht am Kernproblem der bäuerlichen Landwirtschaft in armen Ländern an. Diese hat keinen Mangel an geeignetem Saatgut; im Gegenteil, Bauern in der Dritten Welt haben über Jahrhunderte besonders gut angepaßte Sorten entwickelt. Die Hindernisse für eine Entwicklung der Landwirtschaft liegen in zu niedrigen Erzeugerpreisen, den Bodenbesitzverhältnissen, mangelnder Infrastruktur und auch mangelndem Know how. Diese Ursache anzugehen wäre die richtige Strategie. Doch den Saatgutkonzernen gelingt es, mehr und mehr EU Gelder, die zur Förderung der Landwirtschaft in der Dritten Welt bestimmt sind, für Grüne Gentechnologie abzuzweigen. Die hervorragenden Methoden der Schädlingsbekämpfung in der organisch biologischen Landwirtschaft, die darüber hinaus die Bodenfruchtbarkeit steigern und die Sortenvielfalt erhalten, sind aber für das Agro Business nicht rentabel. Mit der unseriösen Behauptung von der Notwendigkeit der Grünen Gentechnologie im Kampf gegen den Welthunger ködert die Industrie lokale Politiker und die Entwicklungshilfeinstitutionen der Industrieländer. Die Finanzstärke der Konzerne und die Anfälligkeit lokaler und nationaler Administrationen für Geldzuwendungen tun das ihrige, um traditionellen und mindestens ebenbürtigen Technologien wenig Durchsetzungschancen zu lassen.
Die Grüne Gentechnologie ist in Industrieländern attraktiv, weil sie die Kosten der Schädlings und Unkrautbekämpfung reduziert. Sie ist jedoch keine zukunftsfähige Technologie, weil sie die Probleme der hochindustrialisierten Landwirtschaft eskaliert: den hohen Energieverbrauch und damit die Emission von Treibhausgasen, die um 50 Prozent höher als in der ökologischen Landwirtschaft liegen, die Verarmung der Arten und Sortenvielfalt, die Verschmutzung des Grundwassers mit Pestiziden und die Oberdüngung von Ober-flächengewässern durch Phosphateinträge. Ein Patentrecht, das die Patentierung von Gensequenzen untersagt, Energiepreise, die die Kosten der globalen Erwärmung reflektieren, das Verbot von Massentierhaltung, die Reinhaltung des Grundwassers, und ein den Regenwald nicht zerstörender Futtermittelanbau würden ein unterschiedliches Modell der Landwirtschaft hervorbringen. Die grüne Gentechnologie bräuchte man unter diesen Voraussetzungen nicht.
Ihre Existenz zeigt kraß, daß der Markt nicht die für die Problemlösung besten Technologien hervorbringt, sondern diejenigen, die den Rahmenbedingungen am besten entsprechen. Und das sind meistens nur die zweit oder drittbesten Lösungen. Besonders schlimm ist, daß der Staat, der nicht der Marktlogik gehorchen müßte, keine anderen Anreize setzt. Anstelle Forschung und Entwicklung nicht unmittelbar marktfähiger, aber besserer Alternativen zu fördern, belohnt er auch noch die Konzerne. Der Bund fördert wissenschaftliche Forschungsvorhaben mit rund zwei Milliarden Euro pro Jahr. Davon gehen 750 Millionen in den Bereich "Lebenswissenschaften". Ein Drittel davon ist der grünen Gentechnologie gewidmet. Auf Forschungsvorhaben der ökologischen Landwirtschaft entfallen nur 0,5 Prozent des Budgets, etwa vier Millionen Euro.


Leseempfehlung 1: Gentechnik und Macht
Ein kleines Büchlein mit Texten und Zitaten zum Zusammenhang von Herrschaft und gentechnischer Manipulation an Nutztieren und -pflanzen. Im Mittelpunkt steht die Kritik an Saatgutkontrolle, Patenten und Ingenieursmethoden im Sozialen. Ebenso beleuchtet werden die spendenorientierten Strategien von Umweltverbänden, Grünen und anderen, die auf Herrschaftsanalyse und deshalb in gefährliche Argumentationen abrutschen. 64 S., quadratisch, 3 Euro, ISBN 978-3-86747-065-0 ++ bestellen!

Leseempfehlung 2: Macht und Umwelt
Das kleine Theoriebuch über den Zusammenhang von Herrschaft und Umweltzerstörung
Texte und Thesen zur Verknüpfung von Herrschaft und Umweltzerstörung. Es zeigt sich, dass machtförmige Verhältnisse gleichzeitig die Voraussetzung wie auch das Mittel der rücksichtslosen Aneignung von Rohstoffen, Land und allen anderen Lebensgrundlagen ist. Natur und Mensch sind die Faktoren, die zum Zwecke von Herrschaftsausbau und -sicherung sowie ständigem Profit ausgebeutet werden. ... Info- und Bestellseite

Wissen(schaft) und Fortschritt
Was für die Technik gilt, kann auf den gesamten Bereich von Wissenschaft und gesellschaftlichem Fortschritt übertragen werden. Der besteht entgegen häufiger Darstellung nicht nur aus technischem Fortschritt, sondern jede Weiterentwicklung von Handlungsmöglichkeiten stellt einen Fortschritt dar. Ob sie emanzipatorischer Natur ist, anderer oder gar gegenteiliger, ist im Begriff des Fortschritts nicht festgelegt. Als Gegenkraft, also Rückschritt oder Verhinderung von Fortschritt, können alle Einflüsse beschrieben werden, die die Entfaltung menschlicher Produktivkraft hemmen, also z.B. eine aktuelle Situation festschreiben oder sogar zu einer früheren Lage zurückdrehen wollen. Gesetze und Normen gehören zu solch konservativen Elementen, ebenso Apparate, die über die Einhaltung einer bestehenden Ordnung wachen und Innovationen abwehren. Dabei wären Letztere nicht nur in der Technik, sondern gerade wichtig auf dem Gebiet der sozialen Interaktion. Doch leider tut sich da wenig: Streitkultur, verständige Kommunikation, Kooperationsanbahnung und viele andere soziale Prozesse bedürfen unbedingt neuer Impulse und Methoden, sind sie doch stark verkümmert in einer nur zu Profit und Macht strebenden Welt.

Aus Cantzen, Rolf (1995): "Weniger Staat - mehr Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 141)
"Fortschritt", so wurde bereits dargelegt, bemessen Anarchisten nicht ausschließlich an der fortschreitenden Produktivkraftentwicklung; das Fortschrittskriterium ist die individuelle und soziale Emanzipation, und damit ist auch die soziale Integration, die Gemeinschaft selbstbestimmter Individuen gemeint.

Im Original: Wissenschaft und soziale Dynamik
Aus dem Potsdamer Manifest, das im Einstein Jahr 2005 veröffentlicht wurde, zitiert in Altner, Günter (2009): "Charles Darwin und die Instabilität der Natur",VAS in Bad Homburg (S. 58 und 82)
Die modernen Gesellschaften befinden sich in einem Kalten Krieg gegen Vielfalt und Wandel, Differenz und Integration, gegen offene Entfaltung und die Ausgleichsbewegungen durch Risiken und Chancen hindurch: also gegen alles, was die lebendige Evolution in der Natur und mit ihr die Menschen bestimmt, bis hinein in den 'prä-lebendigen' Grund, der uns und alles Leben trägt. ...
Wir müssen verengte und mechanistische Strategiemuster, Reduktionen, Mittelwertsbildungen fallen lassen und sie ersetzen durch Beweglichkeit, Offenheit und Empathie, um neue offen gestaltbare Schöpfungs und Handlungsräume zu ermöglichen. Das öffnet uns ein Füllhorn echt kreativer Lebendigkeit, integriert durch organismische Kooperation.


Aus "Der Penis als Konzept – Zwei Herren spielen der Genderforschung einen Streich", auf: ScienceBlogs
Die beiden verfassten unter den noms de plume Peter Boyle und Jamie Lindsay, mit denen sie sich als Wissenschaftler der frei erfundenen Southeast Independent Social Research Group ausgaben, einen völlig absurden, nachgerade albernen Artikel mit dem Titel „The conceptual penis as a social construct“ (Ü: Der konzeptionelle Penis als soziales Konstrukt) voller haarsträubender Formulierungen und Behauptungen, der nach seiner offenbar günstigen Begutachtung tatsächlich zur Veröffentlichung angenommen wurde und das, obwohl die Autoren ihn auf eine Weise verfaßt hatten, die geeignet war, eine Publikation als besonders unwahrscheinlich erscheinen zu lassen.

Nicht zum ersten Mal wird die Unterscheidung interessant, wem eigentlich das Ganze dient. Heutiger Fortschritt stärkt abstrakte Werte und Kollektivitäten, z.B. einen Konzern oder eine Nation. Die meisten, auch die technischen Innovationen der Menschheit entsprangen aber nicht deren kalten, geldangetriebenen Herzen, sondern dem TüftlerInnen, die aus Interesse, Neigung oder dem Willen für ein besseres Leben (für sich oder konkrete andere Personen) Neues entwickelten.

Im Original: Woher kommt Fortschritt?
Der meiste Fortschritt kommt von den Menschen, nicht aus den Laboren der Konzerne!
Aus Matthias Horx (2008): "Technolution" (S. 95)
General Electric gründete 1901 ein entsprechendes Labor, DuPont 1902, Bell 1911, Kodak 1913 und General Motors 1919. Diese Labore waren zwar in der Regel nicht für die großen Durchbrüche oder die Ersteinführung innovativer, zukunftsweisender Technologien verantwortlich. Sie entwickelten jedoch die vorhandenen Technologien konsequent weiter, verfeinerten sie und passten sie an die Bedürftnisse der industriellen Produktion an.

Aus: Helfrich, Silke und Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg., 2009): "Wem gehört die Welt?", Ökom in München (S. 99)
In der gesamten vernetzten Weit ist, wie Lawrence Lessig so treffend dargelegt hat, die Idee der Commons unerlässlich, wenn der Innovationsprozess auch ohne Erlaubnis der Betreffenden, das heißt der etablierten Akteure, voranschreiten soll. Diese aber versuchen, den Innovationsprozess so zu begrenzen, dass die Technologie sich nur entsprechend ihrer eigenen Geschäftspläne entwickelt.

Aus Annette Ohme-Reinicke (2012): "Das große Unbehagen", Herder in Freiburg (S. 14-23)
Fortschritt und Kritik
Trotz ihrer vielen Erfindungen gelten die Schwaben als ein bisschen provinziell und nun protestieren sie auch noch gegen ein technisches Großprojekt, das für Fortschritt steht. Den Vorwurf, sie seien der Zukunft gegenüber verschlossen und fortschrittsfeindlich, mussten sich Gegner technischer Großprojekte allerdings schon immer anhören. Grund genug, sich zunächst einmal anzusehen, was es mit der Rede vom Fortschritt überhaupt auf sich hat. Daher werden zunächst die Besonderheiten technischer Großprojekte dargestellt, bevor ich auf die Sozialpathologien hinweise, die allgemein mit der technischen Modernisierung der Gesellschaft einhergingen. Die Ausflührungen über das Verhältnis bestimmter Teile der Arbeiterbewegung sowie der Reformbewegung runden dieses Kapitel ab.

Fortschritt, was ist das?
Unsere Vorstellung von Fortschritt als einem Ideal, als Zukunft, als Weg, den die gesellschaftliche Entwicklung zu nehmen habe, ist relativ jung. Diesen Begriff oder besser: diese Benennung gibt es im Deutschen erst seit dem 18. Jahrhundert. Freilich wurde schon vorher das Wort Fortschritt gebraucht, erstmals nachgewiesen 1642, nicht aber als eine vorsichgehende Entwicklung, sondern eher als räumliches Verhalten. Nun aber wurde Fortschritt mit Zukunft assoziiert. Mit einer Zukunft, die linear verläuft, hinein in einen offenen geschichtlichen Prozess, der sich stetig zum Besseren, so die Vorstellung verändert. Eine bedeutende Funktion wird dabei dem Werkzeug "Technik" zugedacht, mit ihm sei dieser "Fortschritt " zu machen. Bis zum 18. Jahrhundert aber hatte es die Vorstellung eines Weges der menschlichen Entwicklung als selbsttätig eingeschlagener, nach vorn und ins Offene gerichteter, gar nicht gegeben. Das religiöse Weltbild sah vielmehr anzustrebende Ideale nicht als eine irdische Angelegenheit, sondern als eine himmlische an. Während wir heute gewissermaßen linear denken, gab das religiöse Weltbild ein Denken von unten nacb oben vor. Denn der zu beschreitende Weg des Menschen würde mit dem Eintreten in das Reich Gottes sein Ende gefunden haben. Zukunft, so die Vorstellung, könne es nicht auf Erden geben, sondern nur "bei Gott", im Reich Gottes.
Zwar hatten schon die Griechen und Römer zahlreiche Begriffe, die ein Fortschreiten in einem bestimmten Sach und Erfahrungsbereich bezeichneten. Etwa "prokope", "epidosis", "progressus" oder "profectus". Allerdings war hier nicht ein Fortschrittsprozess in eine bessere Zukunft hinein gemeint, sondern ein Vor sich Gehen naturwüchsig verlaufender zyklischer Bewegungen. Auch im Altertum handelt es sich immer dort, wo von Fortschritt gesprochen wurde, um einen Rückblick, nämlich den Vergleich früherer Verhältnisse mit gegenwärtigen. "Wir finden also ( ... ) ein relatives Fortschrittsmodell, das aus der vergangenen Geschichte und aus dem Vergleich mit den gleichzeitig lebenden Barbaren die Einzigartigkeit und Einmaligkeit der von den Hellenen erreichten Zivilisationsstufe erkennen läßt. Aber der Weg führt nicht in die Zukunft." (Koselleck 2010: 164) Dort, wo in der Antike Fortschritte gesehen wurden, waren sie immer nur partielle, etwa bezogen auf Wissenschaft oder die Befriedung des Mittelmeerraumes durch die "Pax Romana". Diese "Fortschritte" waren auch nicht als gesamtgesellschaftlicher Prozess gedacht. Sie beinhalteten zwar Dauer und Sicherheit, nicht aber eine bessere Zukunft.
Sowohl Heiden wie Christen hegten diese Vorstellung. Die gläubigen Christen erschlossen sich zwar einen neuen Zukunftshorizont in der Erwartung des himmlischen Jerusalem, doch dieses Reich verwirkliche sich erst nach dem Ende der Geschichte. "Dort, wo die Theologien von sprachen, weniger von , bezog sich dieser Fortschritt auf das Seelenheil. So verglich Augustinus das Gottesvolk in biologischer Metaphorik mit einem Menschen, der von Gott erzogen werde. Von Altersstufe zu Altersstufe schreite das Gottesvolk in der Zeit voran, um sich darauf kommt es bei dieser Metapher an vom Zeitlichen zur Erfahrung des Ewigen zu erheben, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren aufzusteigen." (Koselleck 2010: 165) Fortschreiten, Entwicklung wurde nicht im stofflichen, horizontalen Durchschreiten und Entwickeln der Gesellschaft, der Welt gesehen, sondern in der Einswerdung mit den Himmlischen. "In vitae non progredi, retrogredi est." (Es ist im Leben nicht fortzuschreiten, sondern zurückzuschreiben.), so der Kirchenvater Bernhard von Clairvaux. (zit in: Koselleck 2010: 165) Fortschritt ist stets auf das Reich Gottes bezogen und hat nichts mit dem zeitlichen Reich in der Welt zu tun. Weiterentwicklung finde einzig in der Seele statt und lasse sich auch nicht berechnen. "Perfectio non in annis, sed in animis." (Vollkommenheit findet sich nicht in einer Abfolge von Jahren, sondern in der Seele.), so Paulinus von Aquileia ca. 795. (in Koselleck 2010: 166) Dieser Sprachgebrauch lässt sich aus der Zweiweltenlehre ableiten, das Reich Gottes und das der Welt. "Die Zukunft ist nicht die Dimension des Fortschritts, sondern des Weltendes, dessen Vorzeichen immer wieder gesucht und immer wieder von neuem gefunden wurden." (Koselleck 2010: 166) Als Grunderfahrung galt, dass die Welt insgesamt altere und ihrem Ende entgegengehe. Die irdische Zukunft wurde daher nicht als endlos fortschreitend ausgelegt.
FN: Auch die Maya Indianer übrigens dachten Entwicklung als zyklischen Verlauf Einer der berechneten Zyklen endet im Dezember 2012. Das bedeutet aber keineswegs einen "Weltuntergang", sondern lediglich den Beginn eines neuen Zyklus.
Auch in den Lehren Joachim von Fiores etwa, der ein wichtiger Vorläufer und Impulsgeber Rir die Bauernaufstände und die folgende Reformationsbewegung war, findet sich die Vorstellung endlicher Zukunft, die in drei Etappen verlaufen würde: das vergangene Reich, das gegenwärtige und das zukünftige Reich Gottes, mit dem die Geschichte ihr Ende gefunden habe. Es ist ein geschlossener Prozess, dessen Ausgang eben nicht offen ist, sondern der durch eine bestimmte Stufenfolge gekennzeichnet und schließlich abgeschlossen ist. Denn an seinem letzten Ausgang werde sich das Reich Gottes verwirklichen. Damit, so die logische Konsequenz, hätte sich die geschichtliche Entwicklung vollendet. Hier haben wir immerhin die Aussicht, Verbesserungen als irdische zu erleben, doch mit der Verwirklichung des letzten Reichs war auch für Fiore das Ende der Geschichte erreicht.
FN: An dieser Idee setzt übrigens die Kritik am "chiliastischen Denken", der Vorstellung von einem kommenden Reich an, die auch in diversen Revolutionsvorstellungen tragend ist: Die Unterdrückten durchschreiten voller Entbehrungen und Kampf ein Jammertal, um schließlich erlöst in einem neuen gesellschaftlichen Zustand aufzugehen. Der erstrebenswerte Zustand ist auf eine Zeit "danach" vertagt und die Erwartungshaltung wird so übermächtig, dass die Realität an Bedeutung verliert. Der Philosoph und Mitbegründer der Anti Atomtod Bewegung, Günter Anders, wunderte sich, warum trotz der atomaren Bedrohung in den 50er Jahren lediglich eine Handvoll Wissenschaftler diese Bedrohung als solche wahrnahmen und kritisierte das Denken "der Revolutionäre ( ... ) ausschließlich auf den Zustand nach dem Ende ". (Anders 1985: 277) Da sich aber eine Fortschritts-gläubigkeit durchgesetzt hatte, so Anders, wurde ein Ende gar nicht mehr gedacht. "Zur Fortschritts Mentalität gehört also eine ganz spezielle Idee von , nämlich die Vorstellung des niemals abbrechenden Besser Werdens der Welt; bzw. ein ganz spezieller Defekt: nämlich die Unfähigkeit, ein Ende auch nur zu meinen." (Anders 1985: 279)
Das neuzeitliche Fortschrittsdenken dagegen unterscheidet sich grundlegend von dem religiösen Verständnis darin, dass nun eben nicht mehr das Ende der Welt erwartet, sondern eine für die Menschheit offene Zukunft gesehen wurde. Der geistliche "profectus " wird von einem weltlichen "progressus " abgelöst. Diese Umdeutung geschieht während der gesamten frühen Neuzeit, im Laufe von 250 Jahren, bis zur Französischen Revolution. Während der Renaissance entstand zwar bereits das Bewusstsein einer neuen Zeit, nicht aber das einer besseren Zukunft. Erst durch die zunehmenden Naturerkenntnisse wandelte sich das Verständnis. Und nun kommen auch Wissenschaft und Technik, ja der " technische Fortschritt" verstärkt ins Spiel. Zwar bleibe die Natur gleich, so die Vorstellung, doch ihre Beherrschung werde durch Entdeckungen methodisch vorangetrieben. "Vergangenheit und Zukunft unterschieden sich seitdem qualitativ voneinander, und insofern wird eine genuin geschichtliche Zeit entdeckt, die schließlich im Fortschritt auf ihren ersten Begriff gebracht worden ist. " (Koselleck 2010: 167)
Mit den Tatbeständen des Fortschreitens zu einem Besseren hin wurden etwa die Erfindung des Buchdrucks und die Verbreitung der Lektüre verbunden, die Erfindung des Kompasses, des Fernrohres und des Mikroskops, die Durchsetzung der Experimentalwissenschaften, die Landnahme in Übersee und der Globus, der Streit der modernen Kunst mit der alten, der Aufstieg des Bürgertums, die Entwicklung von Kapitalismus und Industrie. Giordano Bruno und Galileo Galilei legen Zeugnis davon ab, wie neue technische Erfindungen dazu beitrugen, die Ideologien der Kirche zu brechen. " Fortschritt " war zu einem Begriff geworden, einem Kollektivsingular, der die Erfahrung mit der neuen Zeit in einem Wort zusammenfasste.
Doch erst seit dem 18. Jahrhundert hatte sich die Auffassung verbreitet, dass Fortschritt allumfassend und anhaltend sei. Damit ging allerdings eine gewisse Unruhe, nämlich die Vorstellung einer Ungleichzeitigkeit einher. Nun sah sich die eine Generation als vorauseilend oder zurückbleibend an; Länder, Kulturen und Kontinente wurden verglichen, um daraus Schlüsse für den eigenen Fortschritt zu ziehen. Zum ständigen Thema der Fortschrittsdiskussion wurde überdies die Diskrepanz zwischen Entfaltung der Wissenschaft und deren moralischer Beherrschung. Kurz: ein Wetteifern um die Herstellung bestimmter Zustände, die als "fortschrittlich", als Maßstab setzend gesehen wurden, begann. Das Fortschrittsdenken beinhaltete somit das Prinzip der Konkurrenz.
Hier intervenierte Hegel: "Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben." (Hegel 1970, Bd. 12: 32) Dabei ist Fortschritt für Hegel kein äußerliches Vorsichgehen, das nur die richtigen technischen Mittel braucht. Fortschritt, als Prozess eines Werdens, vollziehe sich vielmehr in der aktiven Entwicklung bestimmter Bewusstseinsformen, die sich in entsprechenden Tätigkeiten ausdrücken. Grundlage ist allerdings das Gewahrwerden des Einzelnen, den Anderen in seinem Anderssein zu brauchen, um selbst werden zu können. Nur auf der Grundlage des Anerkennens des Anderen als freies Individuum kann der eine selbst frei, das heißt selbstständig, sein. "Erst durch das Freiwerden des Knechtes wird ( ... ) auch der Herr vollkommen frei." (Hegel 1970, Bd. 10: 227) Der Vollzug dieser Erkenntnis, dieses Zusammenlebens, basiert auf und ist zugleich die Vernunft. Sie beinhaltet die Sorge um das Allgemeinwohl, denn sie ist "die Gewißheit seiner selbst als unendliche Allgemeinheit." (Hegel 1970, Bd. 10: 229)
FN: Dass die Obrigkeit vernünftig handelnde Menschen als Gefahr betrachtete, wird an der Reaktion des damaligen Königs deutlich, der Immanuel Kant mit einem" Spezialbcfchl" versehen hatte, sich zukünftig jeden Gebrauchs der Vernunft zu enthalten, ansonsten drohe Berufsverbot.
Nach Hegel vollzieht sich Entwicklung nur als Streit, als permanenter und nicht abschließbarer Aushandlungsprozess um Regeln, der sich als Recht materialisiert ohne jemals den Zustand der Gerechtigkeit abschließend zu verwirklichen. Dieses Aushandeln im Streit ist zu verstehen als die "wirkliche Bewegung", als Verlauf der Geschichte selbst. Wobei sich das Recht, als wirkliches Recht nicht etwa als Instrument der Machtsicherung eben nur "irn Bewusstsein der Freiheit "verwirklichen kann und für Veränderungen stets offen bleibt. Hegel spekulierte aber nicht über den Fortgang der Geschichte, sondern benannte das Prinzip der sich entwickelnden Geschichte, deren agonale Struktur. Fortschreiten war ihm keine unbestimmte Bewegung ins Unendliche, sondern zugleich ein Zurückkehren in sich selbst. "Es ist eine notwendige Täuschung, das Tiefe zuerst in der Gestalt der Entfernung suchen zu müssen; aber die Tiefe und Kraft, die wir erlangen, kann nur durch die Weite gemessen werden, in die wir von dem Mittelpunkte hinwegflohen (...) und dem wir wieder zustreben". (Hegel 1970, Bd. 4: 321) Ein Aushandeln dessen., was Recht ist, und ein Kampf um die Entwicklung bestimmter Bewusstseinsformen finden eben immer noch und immer wieder statt. Davon handelt ja auch dieses Buch.
Hegels Interventionen blieben weitgehend inarginal, obgleich einige aufmüpfige Zeitgenossen ebenfalls die mit dem Fortschritt versehenen Heilserwartungen in Frage stellten. "Jeden Tag predigt auch jede Zeitung ohne Ausnahme den Fortschritt", und die Menge blöke wie eine Hammelherde "bä, bä, bä, d.h. zu deutsch Fortschritt" dreimal hinterher. Nur das neue Wort "Errungenschaft" sei noch " weit dümmer." (Meinhold, zit. in: Koselleck 1979: 409) Heinrich Heine meinte 1833, der Glaube an den Fortschritt sei "die neue Religion." (Heine 1833: 328, zit. in: Koselleck 1979: 411) "Wenn der Satz mit sichtlichem Wohlbehagen von einem ganzen Volke als Wahrheit ausgesprochen werden soll, so müssen die Verhältnisse ganz anderer Art sein als sie gegenwärtig sind. Die Maschinen zum Beispiel müssen als faktische Wohltat für das Volk betrachtet werden können ( ... ) dann, nur dann kann man mit innerer Zufriedenheit sagen: .", so der Buchdrucker Oskar Skrobek 1848. (zit. in: Spehr 2000: 154)
Doch blieben derlei Kritiken und Einsprüche ohne nachhaltige politische Wirkung. Stattdessen wurde "Fortschritt" besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem Leitbegriff und zu einem Schlagwort, ja zu einer Ersatzreligion. Die bürgerliche Revolution war niedergeschlagen und die Industrialisierung konnte sich Bahn brechen. Dampfmaschine und Eisenbahn traten ihren Siegeszug an. Man sah sich mehrheitlich affirmativ im Strom einer sich naturgesetzlich vollziehenden Entwicklung, die "Fortschritt" genannt wurde. "Insofern zählt der Fortschritt zu den modernen Bewegungsbegriffen, die ihr Erfahrungsdefizit durch Zukunftsprojektionen kompensieren." (Koselleck 1979: 417) Auf der Ebene der Alltagssprache wurde "Fortschritt" zu einem überpersonalen Vollzugsorgan des Geschehens. Undurchschaubares wurde oft mit den Worten erklärt: "Das kommt halt vom Fortschritt."
Alles in allem ist und dies ist das Entscheidende die Rede vom Fortschritt zu einer allgemeinen Metapher geworden, die " spezifisch darauf gerichtet ist, moderne Erfahrungen zu bewältigen, daß nämlich die überkommenen Erfahrungen in erstaunlicher Geschwindigkeit von neuen überholt werden". (Koselleck 2010: 161) Man könnte auch von einem ins Positive gewendeten Platzhalter für das Wort "Krise" sprechen, im Sinne vom altgriechischen "krinein", unterscheiden, absondern. Alte Deutungsmuster der sozialen Wirklichkeit hatten keine Gültigkeit mehr, neue waren noch nicht gefiinden.
Im herrschenden politischen Diskurs wird gemeinhin suggeriert, es gebe einen, es gebe "den" Fortschritt, der zu bejahen sei. Das hat freilich seine ideologische Seite. Denn technische Erfindungen, insbesondere technische Großprojekte, lenkten immer wieder von den realen Sorgen und Nöten ab. Bereits Kaiser Wilhelm verknüpfte ein technisches Großprojekt, die Schlachtflotte, mit einer gesellschaftlichen Mobilisierung zugunsten seiner imperialen Pläne. 1896 hatte er verkündet, Deutschland solle Weltmacht werden. Ab 1898 wurden "Flottenvereine" gegründet, die im Oktober 1908 immerhin über eine Million Mitglieder im Deutschen Reich hatten. Der Erfolg dieser Mobilisierung zeigte sich etwa darin, dass selbst in den entlegensten Gebirgsdörfern Kinder mit Matrosenanzügen herumliefen.
FN: Auch das technische Großprojekt "Schlachtflotte" stellte sich als technisch nicht besonders effizient heraus. Und als Ende Oktober 1918 ein Angriff auf die Flotte Großbritanniens befohlen wurde, verweigerten die Matrosen aus Kiel den Gebotsam. Der Kieler Matrosenaufstand wurde zum Beginn der Novemberrevolution und zum Anfang vom Ende des Kaiserreichs.
Auch der Zeppelin, begeistert gefeiert, diente zur Einstimmung auf den kommenden Weltkrieg. Raketenprogramme faszinieren und fördern die Identifikation mit den verantwortlichen Regierungen, stellen aber keinerlei soziale Verbesserungen dar. Hinter der Technikemphase soll auch die Frage verschwinden, wer von technischen Entwicklungen wirklich einen Nutzen hat. Denn tatsächlich hinkt die Mehrheit der Bevölkerung "dem Fortschritt", der technologischen Entwicklung, stets hinterher. Sei es, weil sie mit Erfindungen konfrontiert wurde, die nicht mehr rückgängig zu machen waren, sei es, weil sie sich die Umsetzung gigantischer technischer Projekte gar nicht vorstellen konnte. Letzteres brachte etwa der Flößermeister Willibald in einer Versammlung 1909 wegen des Baus eines Wasserkraftwerks am bayrischen Wilchensee zum Ausdruck, indem er erklärte, "dass ein Großteil der Bevölkerung im Isartal einfach nicht an die Realisierung eines so gigantischen Projekts glaube ". (Falter 1988: 73)
FN: Anders drückte es Karl Kraus aus: "Die Quantität verhindert auch jede Auflehnung gegen sie. Nicht die Drohung, sondern das Dasein des Maschinengewehrs unterdrückt die Besinnung der Mcnschenwürde." (Nachts Aphorismen, 1968) Und Naomi Klein betitelte ein Buch nach diesem Phänomen: "Schock".
Und auch den Bau der Berliner Mauer die ja von der DDR-Regierung als Fortschritt gefeiert wurde hielten viele Betroffene für unmöglich oder für nur vorübergehend. Es herrschte Ungläubigkeit und Entsetzen.
FN: Unsinn, werden Sie, der geneigte Leser nun vielleicht denken, schließlich hat die Berliner Mauer nichts mit Fortschritt zu tun. Eben! Was für die einen Fortschritt ist, löst bei den anderen oft blankes Entsetzen und Verdrängung aus. Und was Mauern angeht: Die Chinesische Mauer hat ein rühmlicheres Schicksal als die DDR Mauer. Erstere wird als Weltwunder verehrt.
Die Mehrheit der Bevölkerung jedenfalls kann auf die technologische Entwicklung, oder konkreter: auf die Verwertung von Wissenschaft und Technik im Interesse von Profitmaximierung und/oder Prestigegewinn, meist nur reagieren.
Dass sich die Heilserwartungen an "den Fortschritt" als einer Entwicklung hin zu einem besseren Zustand , seien sie politisch ideologisch gehegt oder als Naturgesetz verinnerlicht, nicht erfüllt haben, das zeigt schon ein Blick auf die weltweite Versorgung: Fast eine Milliarde Menschen ist schwerstens unterernährt, jeder siebte Mensch der Weltbevölkerung leidet an Hunger, alle fünf Sekunden stirbt ein Kind unter zehn Jahren an Unterernährung, 800 Millionen Menschen leben in Slums ohne sauberes Trinkwasser. Trotz verschiedenster technischer Erfindungen sind wir somit nicht einmal in der Lage, ein primäres Bedürfnis der Menschen zu befriedigen, nämlich das nach Ernährung. Technisch wäre das längst möglich.
FN: Zugleich ist die weltweite Zahl der an Adipositas Erkrankten, der Fettleibigen, seit diesem Jahr erstmals höher als die der Hungernden.
Wer kann da zu recht behaupten, dass " der Fortschritt " tatsächlich allen dient?
Freilich ist hier die Auseinandersetzung um " den Fortschritt "längst nicht ausführlich dargestellt.
FN: Unerwähnt bleiben mussten "Klassiker" wie die "Dialektik der Aufklärung" von Adorno und Horkheimer oder "Zur Kritik der instrumentellen Vernunft" von Horkheimer.
Doch deutlich geworden sein sollte vor allem, dass das Wort "Fortschritt" im Alltagsgebrauch vornehmlich eine Metapher für Veränderungen von Arbeits und Lebensgewohnheiten darstellt, deren Hintergrund oft nicht durchschaut, nicht bewusst ist. Die Möglichkeit für Zustimmung oder Ablehnung war und ist den Menschen mehrheitlich gar nicht gegeben. Stattdessen setzte sich die Auffassung durch, diese Veränderungen, der "Fortschritt", vollziehe sich als Schicksal und beinhalte "automatisch" eine Entwicklung hin zu einem besseren Zustand. Unbegriffene Veränderungen, die sich auf der Ebene der Alltagserfahrung abbilden, wurden und werden oftmals im Wort vom "Fortschritt" gefasst. "Das ist der Fortschritt." Damit war ein Wort gefunden für etwas, das unbegreiflich erschien. Denn Benennung wirkt beschwichtigend. Das sieht man etwa an der Reaktion von Kindern, die sich vor etwas fürchten. Eine Erklärung wie: "Das ist der Donner", wirkt oft Wunder, die Furcht ist weg, auch wenn der Donner bleibt. Und so erfüllt das Benennen einer unbekannten Erscheinung die Funktion einer Beschwichtigung, ja Versöhnung mit dem Unbegriffenen. Vordergründig freilich, denn ein Unbehagen das zeigen ja die Auseinandersetzungen und Proteste gegen technische Großpro-jekte, die sich scheinbar plötzlich Bahn brechen bleibt trotzdem und sucht sich Wege der Artikulation.
"Den" Fortschritt gibt es nicht und hat es auch nie gegeben. Was es gab und gibt, sind Veränderungen des Alltags aufgrund technischer Erfindungen, die sich massiv auf die Gewohnheiten der Menschen auswirken und zu einer Veränderung des Lebens zwingen. Die Umsetzung technischer Erfindungen wird oft als ein Hereinbrechen erlebt, zumal der Großteil der Gesellschaft nicht am Entstehen oder an der Entwicklung dieser Neuerungen beteiligt ist. Vorhergehende Aushandlungsprozesse haben, gerade was die Umsetzung großer technischer Innovationen angeht, selten stattgefunden, weder um die Einführung des Fließbandes, noch den Bau von Kraftwerken, der Biotechnologie und so weiter. Oft wurde versucht, soziale Konflikte und mögliche Proteste zu vermeiden oder politischen Legitimationsverlust wieder gut zu machen. Die Einrichtung von Sanierungsbüros oder der Technikfolgenabschätzung sind hierfür Beispiele.
So ist die Unterstellung, Kritiker technischer Großprojekte seien "fortschrittsfeindlich", schlicht unsinnig. Vielmehr werden durch Kritik und Protest politische Aushandlungsprozesse darüber eingefordert, wie mit technischem Wissen umgegangen und wofür es eingesetzt werden sollte.
Das "Hereinbrechen" des "Fortschritts" wird am Beispiel technischer Großprojekte besonders evident. Hier konzentrieren sich wirtschaftliche, staatliche und wissenschaftliche Interessen in historisch völlig neuen Dimensionen. Dies mag ein Grund dafür sein, dass diese Projekte oftmals zu manifesten Symbolen für jenen "schleichenden" Fortschritt werden, der längst in die Alltagsgewohnheiten und die privatesten Räume eingedrungen ist.


Die ungeheuren Geldmengen, die heute in die Wissenschaft gepumpt werden, und die Macht der Konzerne, spätere Anwendungen über die Anmeldung oder den Aufkauf der Patente zu steuern, haben aus der Wissenschaft eine reine Hilfstruppe kapitalistischer Interessen gemacht. Kein Uni-Institut und auch keine kleine Privatorganisation ist davon frei. Wissenschaft ist heute meist käufliche Forschung aufgrund des Zwanges, durch sie das Überleben der beteiligten Personen und des Kollektivs in Form der Firma, Organisation oder des Uni-Fachbereiches zu sichern. Nicht die Wissenschaft, sondern diese Ausrichtung ist das Problem. Die aber ist wiederum gesellschaftlich geformt, d.h. in der Wissenschaft spiegeln sich die Einflussfaktoren wieder, die auch an anderen Stellen aus der menschlichen Gesellschaft eine große Maschine von Profit, Verwertung und totaler Kontrolle geformt haben.


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