Projektwerkstatt

ÖKONOMIE OHNE ZWANG UND UNTERDRÜCKUNG

Möglichkeiten und Grenzen dezentraler Wirtschaftsformen


1. Herrschaftsfrei wirtschaften
2. Eine andere Produktionswelt ist möglich!
3. Klarstellung: Emanzipation ist etwas anderes als (Neo-)Liberalismus
4. Möglichkeiten und Grenzen dezentraler Wirtschaftsformen
5. Links und Materialien

Es gibt eine große Zahl von Vorschlägen und Experimenten, die Macht der ständigen Gier nach Profit und dem Zwang zur Inwertsetzung von allem und jedem zu entkommen. Immerhin, das sei zugegeben, stellen viele dieser Vorschläge Verbesserungen in irgendeinem Detail dar. Sie haben aber Grenzen, vielfach sind die sehr eng gesteckt. Das allein wäre noch nicht problematisch, denn auch kleine Schritte sind wertvoll, wenn die Richtung stimmt, d.h. im Sinne einer Emanzipation, wenn Handlungsmöglichkeiten wachsen, Zwänge und Abhängigkeiten reduziert werden. Schwierig aber werden alle Vorschläge, wenn sie sich aufblähen zu mehr als sie sind. Sie können dann zu Tomaten auf den Augen werden, in dem sie verschleiern, dass da noch viele Abhängigkeiten verbleiben. Teilweise suhlen sich alternative Wirtschaftsformen in einer Eigenpropaganda, die die kapitalistische Welt versöhnlich erscheinen lässt, weil sie ja die Möglichkeit zulässt, es auch anders zu machen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, dass dieses Miteinander nur funktioniert, weil esgar nicht so unterschiedlich ist wie behauptet.
Im Folgenden sollen einige Ansätze vorgestellt und kritisch hinterfragt werden - in kurzer Form. Ausgelassen werden dabei Vorschläge, die von Vornherein den Kapitalismus eher retten oder wiederbeleben als überwinden wollen wie der "Green New Deal" oder Steuern auf Devisen- oder Börsentransaktionen (z.B. Tobin Tax).

Tauschen, Bewerten und darüber hinaus
Recht weit verbreitet sind Tauschringe. In ihnen tauschen Menschen Fähigkeiten aus. Sie helfen sich gegenseitig, allerdings nicht direkt, sondern in einem Umtauschsystem, in dem Hilfsarbeiten auf Zeitkonten erfasst und als Zeitplus genutzt werden können, um andere Arbeitskraft "einzukaufen". Das hat einen schnell sichtbaren Vor- und einen ebenso offensichtlichen Nachteil. Der Vorteil ist, dass es die Vielfalt an Tauschvorgängen erweitert. Tausche ich nur mit einer Person auf Gegenseitigkeit, so können nur die Fähigkeiten dieser beiden Personen zur Geltung kommen. Wird in einem Ring getauscht, so kann ich meine Fähigkeiten vielen Leuten anbieten und gleichzeitig von den Fähigkeiten vieler "profitieren". Das gegenseitige Helfen wird entpersonalisiert. Es gibt eine Art "Markt" des Fähigkeitentausches, was zeigt, dass ein freier Markt im Sinne eines Tauschplatzes einer engener personalisierter Sozialisation (Familie, Clan, Stamm ...) gegenüber eine Befreiung darstellen kann - es kommt eben auf die tatsächlichen Bedingungen an.
Der offensichtliche Nachteil von Tauschringen ist gleich ein doppelter. Erstens werden damit Handlungen in Wert gesetzt, die bislang kostenlos erfolgen (Nachbarschaftshilfe usw.). Dadurch dehnen Tauschringe die Wertlogik sogar aus statt sie einzudämmen. Zum zweiten wirkt die Währungseinheit Zeit nur auf den ersten Blick gerecht. Klar: Die Tage aller Menschen haben 24 Stunden. Aber innerhalb dieser bestehen unterschiedlich starke Zwänge, die Zeit zu eigenen Reproduktion zu verwenden. Wer alleinstehend und ohne Kinder in einem hochbezahlen Halbtagsjob arbeiten, hat eine deutlich andere Lage als das alleinerziehende Elternteil mit prekären Jobs und ständiger Armut. Eine Person kann am Tauschring mitwirken - so als Hobby und zur Erfüllung einer Sinnsuche im Leben. Die andere ist gezwungen. Sie muss ihre Zeit verkaufen, um andere Zeit einkaufen zu können. Auch im Tauschring existieren Angebot und Nachfrage. Wer viel gefragte Fähigkeiten hat, kann einen Reichtum an Zeiteinheiten erreichen und damit auch viel andere Zeit einkaufen. Andere können das nicht. Tauschen folgt daher der Wertlogik.
Dennoch dürfte eine Zeitwährung weniger soziale Härten aufweisen als das Geldsystem, in der die benannten Schwächen auch enthalten sind plus dem zentralen Problem, dass pro Arbeitszeiteinheit unterschiedliche Geldmengen ausbezahlt werden.

Im Original: Kritik des Tauschens
Beitrag von Hans Ley auf Opentheory "Alles für alle"
Ist es wirklich notwendig den Begriff des Wertes vollständig über Bord zu werfen. Der Wertmaßstab und das Vergleichen von Werten ist doch eigentlich das problematische. Es spielt dabei auch keine Rolle ob wir das allgemein anerkannte GELD als Maßstab oder ein anderes Medium verwenden, wie es heute in vielen Tauschringen geschieht. Immer wird etwas miteinander verglichen und ausgetauscht. Es steht immer die Frage im Vordergrund: „Ich biete etwas an! – Was bekomme ich dafür?“ Wer nichts anbieten kann, bekommt auch nichts – vielleicht ein Almosen. Wenn viele das auch anders sehen, aber der Weg über Tauschringe oder andere Formen von Geld, kann Detailprobleme lösen, wie die Verhinderung von Hortung und Spekulation aber es ist nicht möglich das Ziel „ALLES FÜR ALLE“ zu erreichen.
Nur wen ich etwas für andere tue, was mir Freude macht und was ich am besten kann, ohne danach zu fragen: „Was bekomme ich dafür?“ habe ich einen kleinen Schritt auf diesem Weg gemacht. Doch was kann ich, oder können „wir“ konkret tun?


Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin
Unter Menschen, die sich als halbwegs gleich betrachten, wird er nicht erhoben. Nimmst du meine Kinder, nehm ich deine Kinder; leihst du mir eine Stunde dein Ohr, leih ich dir meins; trägst du meinen Umzugskarton, trag ich deinen; trage ich das meine zu unserer Kooperation bei, trägst du etwas anderes bei. All dies können wir (nicht in jedem Fall, aber grundsätzlich) als gewinnbringende Kooperation betrachten; wir erwarten dabei nicht, dass wir etwas geschenkt bekommen.


Aus P.M. 2000: Subcoma, Paranoia City in Zürich (S. 152f.)
... die sozialen Probleme können nicht einfach mit entfesseltem Kleinhandel gelöst werden, Wer nicht anbieten kann, zum Beispiel wegen Behinderung, kommt bei LETS unter die Räder. Die alten sozialen Ungerechtigkeiten bilden sich auch in der LETS-Währung nur wieder ab, zum Beispiel Landbesitz, die Vermögens- und Lohnungleichheit. ... Tauschringe im Innern einer LMO (lokale Organisierung) sind auch darum eher schädlich, weil sie die spontane Nachbarschaftshilfe unterlaufen könnten. Es ist sozial und ökologisch immer noch am effektivsten, wenn Hilfe an Ort und Stelle ohne bürokratische Umtriebe gewährt werden kann. (Dies gilt nicht für regelmässige Verleihsysteme, zum Beispiel von Autos)
Tauschringe sind also sinnvoll in jenen Bereichen, wo es nicht um lebenswichtige und kapitalintensive Güter, sondern um wünschbare Zusatzleistungen geht. ... In diesem Bereich können sie dazu beitragen, die Anonymität zu durchbrechen und das soziale Leben zu bereichern, und sei es auch nur durch die Sitzungen und Treffen der Tauschringmitglieder. ...
Das Experimentieren mit Komplementärwährungen wird uns nicht aus der Zange von Staat und Kapital herausführen.


Viele Tauschringe machen aus dem Verrechnen der Zeiteinheiten ein kleines Monopolyspiel und geben der hin- und herfließenden Zeit einen Namen. Das wirkt dann wie eine Währung, bleibt aber gekoppelt an die Zeit.
Davon unterscheiden sich andere alternative Währungen. Die stellen, wenn sie gar nicht mehr an die Zeit gekoppelt sind, sondern sich frei im Markt entwickeln, gar keinen Fortschritt gegenüber dem üblichen Inwertsetzen und der Profitbildung im Kapitalismus mehr dar. Dass sie meist regional beschränkt sind, ist auch kein emanzipatorischer Fortschritt als solches. Regionalität ist nicht per se, sondern nur aus besonderen Gründen (geringe Transportentfernungen u.ä. als ökologischer Beitrag) ein Vorteil. Der Nazi-Klamotten-Laden im eigenen Dorf ist ansonsten nicht wertvoller als der Weltladen ein Dorf weiter ...

Einen Schritt weiter sind Umsonstläden. In ihnen fällt der Wert weg. Alles ist umsonst. Es gibt keine Bedingungen, d.h. es muss niemand, der sich was nimmt, auch was bringen. Umgekehrt auch nicht. Viele Läden haben als einzige Schranke eine Begrenzung der Menge eingeführt, die pro Person mitgenommen werden kann. Das ist zwar eigentlich wider der Idee, aber hatte das Ziel, der Rekommerzialisierung entgegenzutreten. Flohmarkt- und EbayverkäuferInnen hatten nämlich Umsonstläden als Gratisquelle entdeckt. Sinn machen Umsonstläden in der Tat nur, wenn sie mehr sind als ein Zwischenlager vor der Wiederinwertsetzung. Viele Umsonstladen-Aktive kennzeichnen deshalb ihre Produkte auch als "unverkäuflich", um damit auch für später das Prinzip des Geben und Nehmens ohne Bedingungen zu erhalten. Als Schwäche vieler Umsonstläden zeigt sich die Einschränkung auf wenige Überflussbereiche wie Kleidung und Haushaltswaren. Hinzu kommen technisch Geräte, die leicht bis stark veraltet sind. Nur selten tauchen Produktionsmittel oder Tätigkeiten als Umsonstangebote auf (z.B. in Gießen zeitweise einmal wöchentlich kostenfreies Haareschneiden).

Die utopische Weiterentwicklung wäre der gemeinsame Reichtum und die Eigentumslosigkeit an Produktionsmitteln, also unbeschrankt zugängliche Ressourcen (Land, Räume, Infrastruktur).

Aus einem Text der Oekonux-Debatte
Weder Tauschen noch Schenken
Freie Software und andere Freie Produkte sind nicht Gegenstand irgendwelcher Tauschvorgänge. Freie Software steht allen zur Verfügung, die sie benötigen - sie kann einfach genommen werden. Auch wer überhaupt nichts zu Freier Software beigetragen hat - wie jedeR durchschnittlicheR Gnu/Linux-NutzerIn -, kann sie in vollem Umfang und ohne Abstriche nutzen, sich die Quellen anschauen, daraus lernen und sie weitergeben. Das Konzept des Tausches ist auf Freie Produkte schlicht nicht anwendbar. Das schließt im übrigen ein, dass auch eine Person, die etwas gibt, nicht erwarten kann, dafür etwas zu bekommen.
Andererseits kann auch nicht von Geschenken im engeren Sinne gesprochen werden, da Freie Software im allgemeinen nicht für bestimmte andere Personen geschrieben wird. Höchstens von einem Geschenk an die Menschheit könnte gesprochen werden.


Subsistenz und Bedarfswirtschaft
Außerhalb der Industrienationen spielt sie immer noch eine wichtige Rolle, innerhalb dieser nur als Experiment, Nische oder in der weit entlegenen Peripherie: Die Subsistenz, d.h. der Anbau von Nahrungsmitteln und manchmal auch weitere Produktion zum Eigengebrauch. Das kann in kleinen Gemeinschaften und erweitert um direkte Kooperationen mit dem Austausch von Gütern geschehen, die entsprechend dem Bedarf vorherbestimmt werden. Solche Subsistenz verläuft ohne Inwertsetzung. Sie orientiert sich am Bedürfnis - der Handelnden selbst oder konkreter Personenkreise, die dann beliefert werden mit den Mengen, die benötigt und bestellt sind. In Deutschland haben sich einige experimentelle Projekte der "Community Supported Agriculture" (CSA) gegründet.

Es ist denkbar, die Bedarfswirtschaft im großen Maßstab zu denken. Darauf beruhen sozialistische Staatsmodelle. Doch diese mussten scheitern, denn Bedürfnisse lassen sich nicht beliebig verallgemeinern und vorherbestimmen. Ab einem bestimmten Abstraktions- und Entfremdungsgrad ist den Menschen, die etwas produzieren, auch nicht mehr klar, für welches und wessen Bedürfnis sie da eigentlich tätig sind. Damit entfällt das ursprüngliche Motiv - die Arbeitskraft kann wieder nur über Zwang und den Entzug von Alternativen rekrutiert werden. Entscheidend ist daher, dass freie Menschen in freien Vereinbarungen handeln - auf jeder Ebene und so übergreifend, wie sie das wollen und es ohne Verlust eigener Entscheidungsautonomie eben geht.

Aus: autonome stadt, Entwurfsarbeit von Tomislav Knaffl im Wintersemester 2000/01 an der Uni Stuttgart
in der bedarfswirtschaft wird im gegensatz zur marktwirtschaft für vorher angemeldete bedarfe von individuen und nicht wie in der marktwirtschaft auf verdacht zum tausch auf dem anonymen markt produziert. dies soll den verlust der konkurrenz mit gewinn der kooperation mit sich bringen.

Aus: Luxemburg, Rosa (1923): Die Akkumulation des Kapitals, Frankfurt/Main (S. 321)
Zuerst war der Zweck die Isolierung des Produzenten, seine Trennung von der schützenden Gebundenheit des Gemeinwesens, dann die Trennung der Landwirtschaft vom Handwerk, jetzt ist die Trennung des kleinen Warenproduzenten von seinen Produktionsmitteln die Aufgabe.


Solidarische Ökonomie
Unter diesem Begriff werden sehr unterschiedliche Ansätze zusammengefasst, darunter solche mit praktischen Umverteilungsmechanismen oder (teilweiser) Überwindung von Eigentums- und Verwertungslogik. Es werden aber auch rein formale Veränderungen unter dem Begriff vereint, was wenig hilfreich erscheint. Denn es kommt auf die tatsächlichen Verhältnisse und Beziehungen im Wirtschaften an und nicht auf die Hülle, in der das Ganze stattfindet - es sei denn, diese schafft Bedingungen, die das Wirtschaften verändern. Genau das aber tun Genossenschaften, das Lieblingskind vieler AnhängerInnen solidarischer Ökonomie, nicht. Sie sind genauso geeignet oder ungeeignet wie andere Formen. Alternative Ökonomie kann in Genossenschaften gelingen, ebenso können Genossenschaften aber auch brutale Ausbeutungsregime betreiben - die Raiffeisen und ihr international stark unterdrückendes Wirtschaftsgebahren lassen ebenso grüßen wie korrupte Gewerkschaftskonzerne. Problematisch ist zudem die Wirkung auf alternative Experimente. Nicht wenige Projekte, die ohne Profitabsichten gestartet sind, wurden inzwischen als ernstzunehmende Konkurrenten im kapitalistischen Boxring "erwachsen". Viele gründeten Genossenschaften und waren fortan auch nominell das, was der Kapitalismus will und fördert: Firmen, die verkaufen wollen. Aufstieg und Ende der Ökobank boten ein erschreckendste Fallbeispiel. Unzählige andere blieben unbekannt.

Im Original: Solidarische Ökonomie
Ein Diskussionsbeitrag aus dem Arbeitskreis Lokale Ökonomie Hamburg
  1. Die Versuche der letzten 130 Jahre den Kapitalismus zu überwinden sind gescheitert. Dort, wo Menschen den bisherigen „Staatsapparat“ übernahmen, konnte die Gesellschaft nicht grundlegend aktiviert werden, konnten die wirklichen, lebendigen Menschen ihre Lebensumstände, auch ihre Wirtschaft, nicht schrittweise in die eigenen Hände nehmen. Die traditionellen „linken“ Konzepte und Parteien bauten auf erziehungsdiktatorischen Vorstellungen auf, waren nicht auf kritische, selbsttragende, langfristige Aktivierung aus. Im „Arbeiter- und Bauernstaat“ hatten die hiermit Angesprochenen keinen bestimmenden Einfluss.
  2. Aber auch die Versuche, die neuen antikapitalistischen Lebens- und Wirtschaftsweisen „von unten“ einzuführen, sind bisher gescheitert. Es ist lehrreich, sich die Geschichte dieser Versuche genau anzusehen. Schon die klassischen Produktiv- und Konsumgenossenschaften des achtzehnten Jahrhunderts wurden schnell von den Marktkräften aufgesogen. Im Markt hielten sich viele noch Jahrzehnte, teilweise bis in die Gegenwart. Aber die allermeisten stehen keineswegs mehr für eine „Keimform“ für eine menschlichere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung und wollen keine andere als die bestehende. Fast alle heutigen Genossenschaften haben mit dem Marktbezug, mit Ware, Geld, Kapital und darauf bezogener Staatlichkeit ihren (oft unausgesprochenen) Frieden geschlossen. Berufsrepräsentanten bestimmen weitgehend den Ablauf dieser Organisationen, egal, ob die Mitgliedschaft, die „Genossen“, gerade etwas mehr oder weniger „mitbestimmen“. Im Gegensatz zu den völlig angepassten Genossenschaften gibt es die Sozial- und Selbsthilfegenossenschaften mit einem reformerisch - prokapitalistischen Selbstverständnis. Diese gilt es in eine Debatte um einen neuen solidarwirtschaftlichen Sektor herzlich mit einzubeziehen!
  3. Die Alternativbewegung der 70er bis 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts wiederholte in wenigen Jahren die Marktanpassung der traditionellen Genossenschaftsbewegung. Keiner der tausenden von Ansätzen hatte ein waren- und geldkritisches Grundverständnis. Man wollte sich einfach als „Kollektiv“, anfangs ohne innere Hierarchien, „am Markt bewähren“. In ca. zwei bis zehn Jahren waren daraus ganz „normale“ Betriebe und Läden geworden. Die Hierarchien entstanden wieder neu und die allerwenigsten Beteiligten kümmerten sich um die politischen Ansprüche ihrer Gründungsphase. Die Alternativbewegten hatten die Anpassungszwänge ihres eigenen Marktbezuges gewaltig unterschätzt. Trotzdem gibt es auch heute noch massenhaft Leute, die „solidarische Ökonomie“ mit dem gemeinsamen Bedienen des ganz gewöhnlichen Warenmarktes verwechseln oder zumindest für problemlos vereinbar halten.
  4. Auch herrscht hier und da die Illusion vor, dass die gewaltige Entwicklung der Produktivkräfte in dieser alten Gesellschaft für sich genommen die Aufgabe einer neuen Gemeinschafts- und Gesellschaftsbildung „von unten“ in ihren Anfängen fördern oder gar lösen könnte. Der gegenwärtige Stand der Produktivkräfte gerade in seinen jeweils modernsten Gestalten ist fest in der Hand des Kapitals. Der Fabber (ein sich in der Entwicklung befindender, universeller Kleinteile-Herstellungsapparat) bringt keine neuen gesellschaftlichen Verhältnisse auf die Welt. Erst entwickelte waren- und wertkritische Gemeinschaften können überhaupt entscheiden, welche Technologien sie wie gestalten wollen. Alles andere dient nur weiter dem Markt und einer weiteren Verselbständigung der menschlichen Wesenskräfte in Form von Arbeitskraft einsaugendem Kapital.
  5. Die Dauerkrise der marktbezogenen Erwerbsarbeit ermöglicht und erzwingt immer wieder neue Initiativen der bewusst betriebenen Nachbarschaftshilfe, gegenseitiger Hilfe, auch des gemeinschaftlichen Marktbezuges. Kapitalismusüberwindende keimhafte Ansätze entstehen jedoch nur dort, wo bewusst versucht wird, einen (wachsenden und zusammenwachsenden) nicht waren- und wertbezogenen „Innenraum“ zu schaffen, also einen vom allgemeinen Markt sorgfältig abgetrennten Erfahrungs- und Beziehungsraum. Ob Genossenschaft oder Kommune, ob lose Gruppe oder eingetragener Verein: Die Rechtsform der jeweiligen Vereinigungen kann sich nur sinnvoll auf den anfangs wahrscheinlich noch nötigen Marktbezug dieser experimentellen Gebilde beziehen. Wem der Markt „das ganze Leben“ bedeutet, der oder die soll sich darin erschöpfen. Wem das jedoch nicht genügt, wer einen praktischen Ausweg aus dieser Wertvergesellschaftung sucht, sollte nicht all ihre/seine Lebenskraft, alle Neigungen auf den Markt werfen, sondern sie diesem solidarischen „Innenraum“ und damit in einem tieferen Sinne sich selbst gönnen.
  6. Nötig ist es also, zweigleisig zu verfahren: Ausdrücklich und bewusst sollten die verschiedenen Ansätze (egal ob Kommune oder Wohnprojekt, Hausgemeinschaft oder Erwerbslosengruppe, Projektgemeinschaft oder Umsonstladen) einen Bereich schaffen, in dem sie anfangen, unmittelbar füreinander praktisch-solidarisch zu wirken und die Früchte dieses Wirkens den Aktiven dieser Gemeinschaften zur Nutzung geben: Kein Tausch, kein Wert, kein Geld, sondern Nutzen der Dinge und menschliche Kontakte!
  7. Nur in diesen solidarischen Innenräumen der Gruppen können kapitalismus-überschreitende Wirtschaftsbeziehungen entstehen Nur dort können in einem jahrelangen Prozess die menschlichen Eigenschaften wachsen, um sich in solche solidarischen Gruppen gestaltend einbringen zu können. Praktische Solidarität im Alltag ist erlernbar. Es ist jedoch nicht sinnvoll, sie einfach idealistisch vorauszusetzen.
  8. Wenn es den verschiedenen Ansätzen solidarischer, warenkritischer Ökonomie gelingt, praktische, verabredete arbeitsteilige Beziehungen untereinander zu entwickeln, kann sich aus Inseln der Solidarität in einem Meer von Konkurrenz ein gesellschaftlicher Sektor herausbilden, der sich allmählich von den Zwängen des Marktes ablöst.
  9. Existenziell für ein Wachstum der verschiedenen Projekte ist u.a. ein offener und solidarischer Umgang mit den Fehlern, Grenzen, Schwierigkeiten, auf die die jeweiligen Gruppen stoßen. Wenn eine Teilunternehmung kriselt oder scheitert, sind diese Erfahrungen für alle Aktiven – international - wichtig. Genau zu wissen, warum etwas nicht funktioniert hat, ist ein entscheidendes Element, um Lösungswege für einen bewussteren, gemeinschaftlichen und schließlich gesellschaftlichen Zusammenhang entwickeln zu können. Also, berichtet selbstbewusst und genau von euren Fehlern !
  10. Ein solidarischer Umgang miteinander im Alltag, eine Verbesserung der Lebensumstände durch gegenseitige Unterstützungen kann der gemeinsame Nenner der unterschiedlichen Ansätze und Weltbilder sein. Jedoch wird es kaum möglich sein, ohne die Erkenntnisse aus einer sorgfältigen Analyse, was Waren, Geld und Kapital eigentlich sind, einen Ausweg aus diesen Beeinflussungen zu finden, Die Vergesellschaftung über den Wert haben wir als Teil dieser Gesellschaft so tief verinnerlicht, dass wir diese immer wieder veräußerlichen würden, wenn man uns, beispielsweise aus einer vorher unbewohnten Insel, von diesen Umständen trennen würde ...
    Als „Tanz um das goldene Kalb“ wurde die Wertorientierung schon ansatzweise im „Alten Testament“ der Bibel kritisiert. Seit auch global die menschliche Arbeitskraft zur Ware geworden ist, hat diese Orientierung eine neue Qualität bekommen. Die Menschen sind global Sklaven des Kapitals, des sich verselbständigenden sich selbst verwertenden Wertes, geworden. Das merken die Menschen meistens erst, wenn ihnen diese Art Arbeit dauerhaft entzogen wird. Diese Wertorientierung wächst überall dort wieder neu, wo Menschen ihren gesellschaftlichen Zusammenhang nicht bewusst gestalten. Deshalb ist es eine Illusion, das Kapital „zähmen“ zu wollen, ohne die wirkliche Bestimmung des gemeinschaftlich-gesellschaftlichen Zusammenhanges gewaltig zu entwickeln. Dabei spielt auch eine selbstständige, selbstbestimmte, kritische Bildung (vielleicht in Freien Volkshochschulen...) eine große Rolle... Wenn sich den Menschen ihr eigener gesellschaftlicher Zusammenhang in Kapital, Ware und Geld verselbständigt hat, dann können sie nur anfangen, diesen ihren Zusammenhang, ausgehend von ihrem alltäglichen Leben, direkter zu gestalten. Dann hat schließlich der Wert, das Kapital, auch wenn diese Kraft noch in dieser Welt ist, keine Bedeutung mehr für sie.
  11. Die Bestimmung über den gemeinschaftlich-gesellschaftlichen Zusammenhang in Tat und Wort kann sich nur „mikrologisch“ in (Klein-)Gruppen zeigen und sich von dort her gesellschaftlich auswachsen. Wer und wie viele der jeweiligen Gruppenmitglieder bestimmen wirklich den Ablauf und das Konzept des Gruppenlebens? Wer erledigt auch die nötigen, vielleicht unbeliebten Routinearbeiten? Wer redet nur und tut wenig?? Das betrifft auch die Überwindung einseitiger geschlechtlicher Rollenteilungen. Gruppen können sich in einem selbstkritischen Bezug die Aufgabe stellen, die reale Bestimmungsgewalt in ihrem Gruppenleben allmählich auf eine wachsende Anzahl von Aktiven zu verlagern. Alle Versuche einer langfristigen Demokratisierung der Beziehungen in den Gruppen können überall in unserer vorgefundenen Gesellschaft nur verändernd ansetzen an einer faktischen Bestimmungsgewalt von ganz wenigen Repräsentanten und Initiatoren dieser Gruppen, die überall die faktische Macht haben. Nur die Anerkennung dieser in fast allen Gruppen vorhandenen Herrschaft und die bewusste, überwindende Arbeit an dieser fest verankerten Struktur von Repräsentanten und Repräsentierten ermöglicht eine allmähliche Aktivierung und Auflösung dieser versteinerten Verhältnisse in lebendige, menschliche Aktivitäten. Schon B. Brecht kritisierte zielsicher: „Viele stehn im Dunklen und wenige stehn im Licht.“ Und erst wenn die, welche im Dunkeln stehn, durch tätiges Vertrauen auf ihre eigenen Kräfte sich sichtbar gemacht haben, ist dieses grundlegende Herrschaftsverhältnis gebrochen. (Siehe Papier des AK LÖK „Zur Kritik des Repräsentativsystems.)
  12. Ein wichtiger Vorläufer für ein Zusammenwachsen verschiedener unterschiedlicher Ansätze ist eine lebendige, kontroverse Diskussion um Möglichkeiten und Grenzen der Marktökonomie. Daraus könnte bei Respekt der diskutierten Unterschiede ein loses Netzwerk entstehen für einen Erfahrungsaustausch und für praktische Verabredungen zwischen den Gruppen. Nötig wäre land - übergreifend, städte - übergreifend füreinander etwas herzustellen und sich dieses wechselseitig ohne direkte Abrechnung zur Verfügung zu stellen. Ein Ansatz wäre eine gemeinsame Liste der Bedürfnisse zu eröffnen und zu pflegen. Noch sind diejenigen in den Gruppen, die „über den Tellerrand“ hinaus denken und sich ortsübergreifend praktisch verbinden wollen, eine kleine Minderheit. Aber wenn die vielen einzelnen Gruppen sich entschließen, wegen ihrer „Besonderheit“ ihres eigenen Ansatzes für sich zu bleiben, dann bleiben sie isoliert und sie können keinen Beitrag leisten zu einer gesellschaftsweit wachsenden, solidarischen Vereinigung, die den Namen verdient.
November 2006

Zum nächsten Text, dem ersten Text im Kapitel zur Praxis und konkreten Anwendungsfeldern: Praxis - die Einführung

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