Projektwerkstatt

ANARCHIE

Libertäre Basisgruppen und Einzelpersonen ohne ständige (Groß-)Gruppe


1. Sein. Schein. Wirklichkeit: Who is who im deutschsprachigen Anarchismus?
2. ArbeiterInnenkampf und Syndikalismus
3. Graswurzelanarchismus und gewaltfreie Aktion
4. Libertäre Basisgruppen und Einzelpersonen ohne ständige (Groß-)Gruppe
5. Anarcho-Primitivismus und verwandte Richtungen
6. Anarchie als Lebensabschnittsgefährlichkeit: Lifestyle und modisches Protestdesign
7. Weitere Richtungen

Neben den beiden genannten, großen Strömungen gibt es Gruppen und EinzelaktivistInnen, die sich anarchistisch oder libertär nennen und mit einem solchen Anspruch auch politisch arbeiten, aber keiner festen, größeren Vernetzung angehören. Das muss nicht aus Überzeugung geschehen, vielmehr hat es neben FAU und den gewaltfreien Gruppen weitere Gründungsversuche anarchistischer Förderationen gegeben, die allerdings mangels Masse oder Aktivität scheiterten bzw. ein unbedeutendes Dasein fristen - auch weil althergebrachte Organisierungsansätze mit festem Namen, Label und Eintritts- bzw. Ausschlusskriterien angewendet werden sollten. Das aber war mit vielen der auf Autonomie achtenden Gruppen nicht zu machen. Übrig geblieben ist vor allem ein eher informeller Austausch zwischen libertären Basisgruppen schwerpunktmäßig im Südwesten des deutschsprachigen Raumes, die auch gemeinsame Aktionen durchführen, zu solchen mobilisieren und sich koordinieren. Noch stärker sind Vernetzung und Dichte anarchistischer Basisgruppen in der Schweiz. Wieweit das auch traditionelle Ursachen hat, ist schwer zu messen. Immerhin stammte der Kern der Delegierten in der Gründungsphase der Internationalen Arbeiterbewegung, die von Karl Marx und Anhang aus der noch jungen Organisation gedrängt wurden, aus dem Schweizer Jura - also der Region zwischen Basel und Bern. Die heutigen Gruppen sind aber überwiegend von jungen Menschen dominiert. Viele beziehen sich offensiv auf den Klassenkampf als zentrale Aktionsebene, z.B. im Bündnis "Kritik & Klassenkampf".

Im Original: A-Gruppen im Südwesten
Meldung auf anarchistischer Seite
"... Einen durchaus bemerkenswerten Aufschwung hatten anarchistische Gruppen zu verzeichnen. Schon Ende August 2010 gründete sich das ''Anarchistische Netzwerk Südwest'' als ein Zusammenschluss von ''libertären bzw. anarchistischen Gruppen und Einzelpersonen'' aus dem Saarland, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg sowie aus Ostfrankreich und der Ostschweiz. Aus Baden-Württemberg gehören diesem Netzwerk anarchistische Gruppen aus Freiburg, Mannheim, der Ortenau, Karlsruhe, Ludwigsburg und Stuttgart an. Einzelne Gruppen wie das "Libertäre Bündnis Ludwigsburg" gehören zugleich einem "Forum deutschsprachiger AnarchistInnen" (FdA/IFA) an.''
Quelle: Der am 11. Mai 2012 erschienene Verfassungsschutzbericht 2011


Wie viele Einzelinitiativen mit anarchistischem bzw. libertären Anspruch es gibt, ist kaum abzuschätzen. Viele bleiben in ihrer Wirkung örtlich, thematisch oder von der Arbeitsform beschränkt, können dort allerdings durchaus einen hohen inhaltlichen Anspruch und nach außen wirksame Aktionen entwickeln, wie die Libertären Harburg, die "Libelle" in Leipzig, Redaktionsgruppen in freien Radios, kleine Zeitungsredaktionen, Kochgruppen oder MedienaktivistInnen zeigen. Manche Gruppen treten hingegen gar nicht nach außen, sondern verharren als lokal organisierte Theoriezirkel mehr oder weniger in selbstgewählter Privatheit.

Durch die nur geringen Kontakte und Vernetzungen spielt auch die Debatte um Formen von Kommunikation und Kooperation keine besondere Rolle. Kontakte sind sporadisch, z.T. eher zufällig und einzelfallbezogen.

Ähnlichkeiten mit den beschriebenen Gruppen zeigen libertär orientierte, autonome Gruppen, Infoläden, manche Hausprojekte, Wagenplätze oder überwiegend kulturell genutzte Treffpunkte, in denen die anarchistische Ausrichtung zumindest über Symbole und Parolen sichtbar wird. Das gleiche gilt für KünstlerInnen, vor allem Musikgruppen von "Rotzfrecher Asphaltkultur", anderen LiedermacherInnen bis zu kreischenden Punkbands. Die Unterschiedlichkeit der AkteurInnen und Gruppen ist sehr hoch bei deutlichen Ähnlichkeiten in der Betonung von Autonomie, Selbstorganisierung, Unabhängigkeit und einen ausgeprägten Hass auf Autoritäten - wenn all das auch oft nur Lippenbekenntnisse sind und in der Lebenspraxis der Beteiligten nur begrenzt wiederzuerkennen ist.

  • Ein genauerer Steckbrief ist wegen der geringen Zahl von Vernetzungen bei gleichzeitiger Unübersichtlichkeit der verstreuten Einzelgruppen und -personen nicht möglich. Die fehlende Organisierungsfähigkeit und Vernetzung stellt aber auf jeden Fall ein zentrales Problem dieser Kreise dar.
  • Dokument A - das anarchistische Jahrbuch für Berlin 2007

Autonome
Eine größere, in den vergangenen Jahrzehnte phasenweise sogar recht handlungsprägende Strömung innerhalb herrschaftskritischer, politische Bewegung sind die sogenannten "Autonomen". Eine genaue Beschreibung fällt ähnlich schwierig wie für die AnarchistInnen, weil das Zerrbild des "Autonomen" mindestens ebenso intensiv durch Bildzeitung, bürgerliche Medien und die ständigen Hetzmeldungen aus Polizei oder Innenministerien geprägt wird wie das der Anarchie als Inbegriff von Chaos und Verderben. Die Hetzer legitimieren damit immer autoritärere Gesetze, Überwachung und Polizeigewalt. Allerdings trifft die Hetze der Autoritätsgläubigen auf eine seltsame Entsprechung innerhalb vieler Gruppen, die dem Erwartungsbild mental voll entsprechen und intern einen Militanzfetisch aufbauen, der eine Umkehrung der ebenfalls fetischisierten Gewaltfreiheit bei entsprechenden Gruppen darstellt. Durch Kleidung, Sprüche, Symbole, ein ständiges Spekulieren über die eigene politische Verfolgtheit und - allerdings auffällig selten - auch Handlungen inszenieren sich viele als gefährlich und revolutionär. Sie schaffen damit eine Gruppenidentität. Typischerweise bricht diese Attitüde am 1. Mai auch als Straßenkampfdesign auf. Sonst sind die großen Mobilisierungen autonomer Gruppen eher auf den antifaschistischen Bereich fokussiert und hier kaum mit libertären Ideen verbunden - oftmals sogar mit dem genauen Gegenteil, wenn Demonstrations- oder Parteiverbote, härtere Strafen oder mehr Polizeigewalt gefordert werden.

Wegen des ausgeprägten Hasses der bürgerlichen Mitte auf die "Autonomen" und deren Anspruch, sich in Leben und Protestform nicht auf die Spielregeln der Herrschenden einzulassen (wie es NGOs und fast alle politischen Strömungen im deutschsprachigen Raum sonst freiwillig tun - vom Vereins- bis zum Versammlungsrecht), haben Autonome in der bürgerlichen Öffentlichkeitsarbeit einen festen Platz. Als Inbegriff des Bedrohlichen füllen sie nicht nur Zeitungen und Magazine, sondern auch die regelmäßigen Verfassungsschutzberichte. Umfangreicher als in Eigenbeschreibungen lassen sich diese als "Definition" der Autonomen und Beschreibung ihrer Größe nutzen. Denn willkürlich ist deren Zusammenfassung zu einer einheitlichen Gruppe ohnehin.
Immerhin sind verbindende Strukturen erkennbar - angefangen von Szenezeitschriften a la "Interim" über Bücher und Buchreihen einschlägiger Verlage (z.B. Unrast oder Assoziation A) bis zu Kongressen, eigenen Blöcken auf Demonstrationen oder Konzeptpapieren. Seit einigen Jahren kommen Autonome in wenigen großen Städten zu sogenannten "Vollversammlungen" zusammen. Deren Ergebnisse werden z.B. auf Indymedia (www.de.indymedia.org) veröffentlicht.
Zudem lässt ein typischer Kleidungsstil mit der dominierenden Farbe schwarz eine - mit Abweichungen im Detail versehene - Zuordnung von Personen sowohl insgesamt zu autonomen Spektren wie auch, z.B. durch bestimmte Accessoires an Kleidung oder Haaren, zu Teilspektren wie Punkautonomen u.ä. zu. Das schafft umgekehrt auch erkennbar eine Art kollektive Identität, ohne allerdings jemals zu klären, ein wie großer Teil der sogenannten "Autonomen" es ist, der auf eine solche Schaffung identitärer Codes steht. Denn eigentlich verhält sich die über Kleidung und Verhaltensweisen geschaffene und ausgedrückte kollektive Identität widersprüchlich zu der Idee von Autonomie.

Es gibt aus dem Spektrum der "Autonomen", verfasst in kleinen Gruppen oder von Einzelpersonen, etliche bemerkenswerte Beiträge zur Idee von Herrschaftsfreiheit und herrschaftsfreier Selbstorganisierung. Da viele "Autonome" wenig Lust auf theoretische Analyse haben und eine oft große Kluft zwischen politischer Aktion und Organisierung einerseits und dem eigenen Leben andererseits besteht, ist zu befürchen, dass all diese Gedanken wenig Breitenwirkung haben, sondern eher einsame Rufe in der Wüste des identitär-symbolischen Daseins oder Aktivismus sind.

Im Original: Autonomie Theorie
Thesen zur Autonomen Bewegung (1981)
Aus: Der Stand der Bewegung, Lesebuch zum Autonomie-Kongreß 1995
Wir kämpfen für uns, andere kämpfen auch für sich, und gemeinsam sind wir stärker. Wir führen keine Stellvertreterkriege, es läuft über "eigene Teilnahme", Politik der 1. Person. Wir kämpfen für keine Ideologien, nicht fürs Proletariat oder fürs Volk, sondern für ein selbstbestimmtes Leben in allen Bereichen, wohl wissend, daß wir nur frei sein können, wenn alle anderen auch frei sind!
Keinen Dialog mit der Macht! Wir stellen nur Forderungen, auf die die Macht entweder eingehen kann oder auch nicht. ...
Wir haben alle einen "diffusen Anarchismus" im Kopf, sind aber keine traditionellen Anarchisten. Teile von uns sehen den kommunismus/ Marxismus als eine Herrschafts- und Ordnungsideologie; er will den Staat, wir aber nicht. Andere meinen, daß es einen eigentlichen Kommunismus gibt, der nur immer wieder verfälscht worden ist. Einig sind wir darüber, daß alle aufgrund der Erfahrungen mit K-Gruppen, DDR, etc. große Schwierigkeiten mit dem Begriff Kommunismus haben.
Keine Macht für niemand! Auch keine "Arbeitermacht" oder "Volksmacht" oder "Gegenmacht", sondern Keine Macht für Niemand!
Mit der Alternativszene haben wir inhaltlich nichts zu tun, sind aber bereit, die Strukturen und technischen Mittel der Alternativszene zu benutzen. Uns ist klar, daß der Kapitalismus hier einen neuen Nebenzyklus von Kapital und Arbeit schafft, sowohl als Beschäftigungsfeld für arbeitslose Jugendliche, als auch als Experimentiertfeld zur Lösung anstehender sozialer Spannungen und wirtschaftlicher Probleme.
Uneinig sind wir uns darüber, ob wir´ne Revolte sind oder'ne Revolution wollen. Ein paar wollen´ne permanente Revolution, der Rest meint, das könne man dann gleich eine permanente Revolte nennen. Revolution ist für sie ein Fixpunkt, ab dem dann angeblich das Reich der Freiheit da ist. Und das gibt's ihrer Meinung nach nicht. Freiheit ist vielmehr der kurze Moment, in dem der Pflasterstein die Hand verläßt, bis zu dem Moment, wo er auftrifft. Einig sind wir uns darüber, daß wir zuerst nur zerstören wollen, kaputt machen, uns nicht positiv formulieren.
Wir haben keine Organisierung an sich. Unsere Organisationsformen sind alle mehr oder weniger spontan. Besetzerrat, Telefonkette, Autonomen-Plenum, und viele viele kleine Gruppen, die sich entweder kurzfristig zusammensetzen, um irgendwelche actions zu machen auf Demos zusammen sind, etc. und langfristigere Gruppen, die Sachen wie radikal, Radio Utopia oder irgendwelche ganz illegale actions machen. Es gibt keinerlei festere Strukturen wie Parteien etc., auch keinerlei Hierarchie. Die Bewegung hat z.B. bis heute noch keinen einzigen Exponenten hervorgebracht wie z.B. Negri, Dutschke, Cohn-Bendit, etc...


Thesen zur Autonomie in unserer Bewegung
Aus der "radikal" Nr.98, 9/1981
Wir müssen uns autonome Bereiche des Lebens erkämpfen, und wir müssen sie verteidigen. Aber wir können sie nicht verteidigen, ohne sie auszuweiten und ohne zu anderen Bereichen überzugehen. Die bürgerliche Gesellschaft ist ein Ganzes, das seinen totalitären Anspruch auf alle Teilbereiche ausdehnt. Überall stossen wir auf die Gesetze und Zwänge, die der kapitalistischen Logik entspringen, so daß unsere Autonomie im Bestehenden stets nur eine relative sein kann. Und der Zusammenhang, der vom Kapital durchwalteten Lebensbereiche, verweist von einem auf die notwendige Veränderung in allen anderen Bereichen des Systems. So können wir nur bedingt qualitativ anders zusammen wohnen, wenn die alten Zwänge der Arbeit, Schule etc. fortbestehen.
Es gilt, das Ganze der bürgerlichen Gesellschaft zu zerschlagen. Aber unsere Strategie ist nicht totalisierend. Wir müssen Teile aus dem Zwangszusammenhang heraussprengen, wobei die besonderen Bedingugen nicht vereinheitlichenden Forderungen geopfert werden dürfen. Die erkämpfte relative Autonomie gibt es nur im Konkreten, d. h. Partikularen. ...
Überall, wo Entfremdung und Unterdrückung erfahren werden, kann man sich durch Formen direkter Aktion auflehnen. Die Produktionssphähre hat keinen Vorrang vor den Reproduktionsbereichen.
Wir kennen keine "politische Ebene" die von unserem alltäglichen Leben getrennt wäre. Autonomie; d. h. Selbstbestimmung unseres Lebens. Also werden wir das Schicksal unserer lebendigen Bedürfnisse keiner institutionellen Ebene anvertrauen, auf der andere "für uns" entscheiden. Das parlamentarische Spektakel gehört für uns zum Fernsehprogramm. Unsere Lebensweise hat unmittelbar politischen Charakter insofern wir uns der herrschenden Ordnung widersetzen.
Unsere Lebens- und Widerstandsformen sind antiinstitutionell. Soweit wir Beratungsorgane brauchen ( z. B. Besetzerrat ), werden sie nicht mit "Amtsträgern" bestückt und sie haben auch keine Zwangsgewalt gegen Einzelne. Autonomie: d.h. auch Autonomie des Individuums. Wir sind keine homogene Einheit; unsere Gemeinsamkeit unterschlägt nicht die heterogene Vielfalt. Wir sind Chaoten!
Soweit es uns gelingt, eigene Lebenszusammenhänge herzustellen, brauchen wir keine Partei oder politische Organisation. Denn jene sichern die Kontinuität, die einzelne Aktionen verbindet, so daß Erfahrungs- und Lernprozesse gemacht werden können.
Wir sind weder eine Klasse noch eine "Randgruppe". Es gibt Schichten, in denen die Unerträglichkeit dieser Gesellschaft leichter erkannt und stärker empfunden wird als in anderen. Aber das Handeln ist an keine Schichtenzugehörigkeit gebunden.
Die Verschiedenheit der Ausdrucksformen unserer Bewegung bedeutet eine produktive Ungleichzeitigkeit, eine Gleichzeitigkeit von Verschiedenem. Wir lernen voneinander; und das System wird auf verschiedenen Ebenen zersetzt. Aber es gibt auch die hemmende Ungleichzeitigkeit - die unseres Bewußtseins, Empfindens und Handelns zu dem der "Massen".
Denn Autonomie: d. h. sich loslösen von den herrschenden Normen und damit auch von der Mehrheit der Bevölkerung, die noch ins System integriert ist. Autonomie bedeutet Andersheit.


Thesen zur Autonomie (aus: Interim, Februar 2011)
1. Der Kern der Autonomie ist die Leidenschaft für die Freiheit, die Freiheit der einzelnen Individuen, der Anderen und die gemeinsame Freiheit; die Sehnsucht nach einem Leben in Selbstbestimmung; der Traum von einer freien, gleichberechtigten, herrschaftslosen und solidarischen Gesellschaft. Deshalb bietet Autonomie auch kein fertiges Konzept einer künftigen Gesellschaft, obwohl sie die revolutionäre Überwindung der jetzigen will. Sie ist mehr der Versuch gelebter Annäherung an eine Idee als umfassende Theorie, auch wenn sie keineswegs auf den Kopf gefallen ist und die theoretische Auseinandersetzung nicht scheut.
2. Das vorrangige Merkmal, nachdem die Autonomie gegenwärtige und künftige Verhältnisse, Strukturen und Gesellschaften beurteilt, ist das der Selbstbestimmung. Sie weiß, dass Freiheit als Bedingung der Selbstbestimmung nur existiert, wo Menschen die Kontrolle über ihre eigenes Leben, ihre unmittelbare Umgebung und ihre elementaren Lebensgrundlagen haben. Sie weiß auch, dass Freiheit in Gemeinschaft, nur möglich ist, wenn die Freiheit Aller gleichermaßen geachtet wird. Keine_r ist besser qualifiziert zu entscheiden, wie gelebt werden sollte, als die Einzelnen selbst; keine_r sollte darüber abstimmen dürfen, was Andere mit ihrer Zeit und ihren Potentialen anfangen. Diese Rechte für sich selbst zu beanspruchen und in anderen zu respektieren, bedeutet, Autonomie zu leben und sich diese immer weiter zu erschließen.
3. Autonomie sollte nicht mit absoluter Unabhängigkeit verwechselt werden. Keine_r befindet sich außerhalb von sozialen und gesellschaftlichen Verflechtungen, als soziale Wesen leben wir in einem Netz von Bindungen und sind zur Verwirklichung unserer Bedürfnisse ebenso wie zur Bewältigung unseres Alltags auf andere angewiesen. Es geht nicht darum, alle sozialen Abhängigkeiten zu zerschlagen. Vielmehr stellt sich die Frage, ob die Beziehungen und Verhältnisse, in denen wir existieren, fremd- oder selbstbestimmt zustande kommen und gestaltet werden, ob ihnen das Streben nach Emanzipation innewohnt und ob es uns allein oder mit anderen möglich ist, aus ihnen auszutreten, um neue und andere Beziehungen und Verhältnisse einzugehen. Selbstbestimmte Beziehungen existieren auch dann, wenn einzelne auf Teile ihrer Selbstbestimmung freiwillig verzichten.
4. Die Autonomie wartet mit der Verwirklichung ihrer Sehnsüchte nicht bis nach der Revolution, sie beginnt damit hier und jetzt! Dazu treiben sie weder "revolutionäre Ungeduld" noch "Voluntarismus" (die Überzeugung, dass Wollen und Wünschen genügten, um das Sein zu verändern), sie weiß sehr wohl, dass es kein richtiges Leben im Falschen gibt und die Revolution nicht über Nacht entstehen wird. Aber sie weiß auch, dass die Emanzipation, die sie will, gar nicht beginnen wird, wenn sie nicht heute beginnt und dass die Verwandlungen, die sie sucht, nur zustande kommen werden, wenn wir an die Grenzen des Möglichen gehen und Expeditionen in die unkartierten Gefilde des scheinbar Unmöglichen wagen.
5. Für Ihre Experimente in Selbstbestimmung und Emanzipation, Ihre Expeditionen jenseits der Grenzen des scheinbar Möglichen schafft sich die Autonomie temporäre' autonome Zonen, Freiräume, in denen die umgebenden Gesetze der Herrschaft aufgehoben sind und Begegnungen entlang neuer, selbst und kollektiv geschaffener Regeln stattfinden können. Solche temporären autonomen Zonen können in Raum und Zeit lokalisierbar wie auch nichtörtlich sein. Es kann sich um konkrete sowie virtuelle Räume handeln. Sie können auch in der kollektiven Begegnung von Individuen unabhängig von Orten entstehen. In ihnen beginnt die Autonomie, ihr Recht auf selbstbestimmtes Leben im Hier und Jetzt zu praktizieren.
6. Zugleich gibt sich die Autonomie keinen Illusionen hin, komplexe Macht- und Herrschaftsstrukturen durch die Schaffung einzelner Freiräume sprengen zu können. In einem Meer der Fremdbestimmung wird es immer eine Frage der Zeit bleiben, ehe selbstbestimmte Freiräume wieder überspült werden, bleibt jede autonome Zone eben eine temporäre. Erst wenn Viele sich an verschiedenen Orten zur gleichen Zeit gemeinsam erheben, um statt der bestehenden Strukturen neue zu schaffen, deren Zweck es ist, die Selbstbestimmung Aller zu ermöglichen und zu bewahren, erst wenn viele entschlossen sind, die neuen Strukturen gegen die alten zu behaupten und jene niederzuringen, kann Autonomie zum gesellschaftlichen Prinzip werden. Dieser revoluti onäre Prozess kann erst beginnen, wenn die Idee der Autonomie eine breite gesellschaftliche Resonanz gefunden hat, das heißt, wenn es gelingt, immer mehr Menschen für diese Idee zu begeistern. ...
8. Autonomie handelt in der ersten Person, tritt nicht stellvertretend für andere in Erscheinung, hegt keine Erwartung an andere, ihre Belange für sie zu richten. Sie handelt unmittelbar, nach dem Prinzip der direkten Aktion und ermuntert andere dazu, es ebenso zu tun. Den Gedanken individueller Professionalisierung lehnt sie ab, dem setzt sie das Streben nach kollektiver Selbstermächtigung entgegen. Sie besteht auf der Idee, dass alle zu allem befähigt werden können, es sinnvoll ist, wenn viele statt wenige über Fertigkeiten und Wissen verfügen. Spezialisierung ist etwas für Insekten. In gemeinsamen Kämpfen mit anderen sucht sie nicht das Bündnis mit Institutionen, Funktionär_innen von Verbänden, Parteien und Gewerkschaften, sie strebt überhaupt kein Bündnis an, sondern die Zusammenkunft von Betroffenen und ihren Kompliz_innen/Verbündeten auf der Grundlage freier Vereinbarungen, um ihre Kämpfe gemeinsam selbstorganisiert zu gestalten. ...
11. Autonomie will mehr als die bloße Veränderung der politischen und ökonomischen Strukturen. Sie will die radikale Verwandlung des gesamten Lebens, des gesellschaftlichen und des persönlichen. Sie weiß, dass das Leben weit mehr zu bieten hat, als die Berechenbarkeit der vorgegebenen Alltagswirklichkeit uns glauben machen will. Weiß, dass eine andere Welt nicht nur möglich ist, sondern dass sie bereits existiert, zwischen und hinter dem, was wir Realität nennen. Weiß es aus jenen Momenten wahren, unverfälschten Lebens, in denen die Realität verblasst und jene andere Welt sichtbar wird, in greifbare Nähe rückt, in denen wir sie betreten können für Augenblicke, für Stunden, manchmal sogar Tage. All jene Augenblicke, in denen wir gleichsam berauscht und fassungslos feststellen: "Wir tun es, tun es wirklich - und es könnte immer so sein!". Die Autonomie sucht ständig neue Wege zu jener verborgenen Weit hinter der "Realität', getrieben von der Sehnsucht, eines Tages ganz und gar in sie einzutauchen.
12. Die Freiheit, für die sie kämpft, ist die immer umfangreichere Möglichkeit der Einzelnen, sich selbst zu verwirklichen, sich als Individuen zu verfestigen. Dieses zügellose Verlangen, dieses maßlose Streben lässt sich weder in einer Kommune von einigen dutzend "befreiter" Quadratmeter einschließen, noch sich mit zwei, drei Beziehungen zufriedenstellen, die etwas weniger beschissen und autoritär sind. ...
14. Autonomie weiß, dass Herrschaft kein Zentrum hat, von dem aus alles gelenkt würde. Sie betreibt keine Hierarchisierung der verschiedenen Unterdrückungsverhältnisse. Herrschaft durchdringt soziale Verhältnisse auf allen Ebenen und reproduziert sich dort. Auch in den "privatesten" Beziehungen zwischen Menschen, bei jenen, die meinen, von Herrschaft frei zu sein und auch in sogenannten Freiräumen. Deshalb bekämpft Autonomie Herrschaftsstrukturen nicht nur, wo sie im Außen als Zwang und Fremdbestimmung in Erscheinung treten, sondern kämpft zugleich darum, sie in sich selbst aufzuheben. Sie sucht nach neuen, herrschaftsfreien Wegen des Miteinanders, die sie ständig reflektieren, korrigieren und verbessern will. Sie weiß um die Einheit von Weg und Ziel, weiß, dass der Weg weit ist, ihr Ziel aber die individuelle und soziale Emanzipation bleibt, die Selbstbefreiung Aller von Zwang und Bevormundung. ...
18. Autonome Einzelpersonen und Gruppen können kooperieren, ohne sich auf eine gemeinsame Agenda zu einigen, solange die Beteiligung aller für alle bereichernd ist. Gruppen, die auf diese Weise kooperieren, können Konflikte und Widersprüche in sich bergen (ebenso wie wir alle als Individuen) und von ihren Teilnehmer?innen dennoch als motivierend, stärkend und (selbst)ermächtigend erlebt werden. Überlassen wir es den Militärs, unter, einer einzigen Flagge zu krepieren!
19. Autonomie ist das Gegenteil von Zentralismus, Kaderdenken, Avantgardepolitik, Autoritarismus, dem Stellvertreter_innenprinzip und den damit einhergehenden Ideologien wie z.B. Leninismus, Maoismus, Sozialdemokratismus etc. Sie entsteht auch aus der Erkenntnis, dass selbstbestimmte Kämpfe nur unabhängig von institutionalisierten Apparaten wie Parteien und Gewerkschaften etc. (und im Zweifelsfall gegen sie) und unter dem Verzicht auf Führung entstehen können.
20. Auch gegenüber nichthierarchischen Organisationen und ihrer Tendenz zur Institutionalisierung, zur Selbstbezogenheit und zur Konzentration auf das Eigeninteresse ist Autonomie mindestens misstrauisch eingestellt. Dennoch ist sie keineswegs organisierungsfeindlich - um sich zu organisieren, benötigt sie nur keine Organisation, weder Logo, noch Namen, noch Statut. Autonome Organisierung beruht auf libertären Prinzipien, d.h. auf der freien, nichthierarchischen, horizontalen Vereinigung. Sie bevorzugt die Vollversammlung, in der jeder für sich selbst sprechen kann. Wo diese nicht möglich ist, bedient sie sich der temporären Delegation mit imperativem Mandat'. Den libertären Organisierungsprinzipien fügt sie die Erkenntnis hinzu, dass Organisierung nur solange notwendig ist, wie sie einen von ihr selbst unabhängigen Zweck erfüllt, ansonsten ist sie überflüssig. Organisierung als Selbstzweck ist der Beginn der Bürokratie, sie nimmt uns die Luft zum Atmen, reißen wir sie ein!


  • Politische Schwerpunkte: Basisgruppen mit Mischung aus Aktion, Infoveranstaltungen und Gruppentreffen. Einmischung auch in lokale Themen und Mobilisierungen. Autonome Gruppen sind regelmäßig vor allem im Antifaschismus aktiv.
  • Highlights: Gemeinsame, wenn auch kleine Kampagnen z.B. der Gruppen in Baden-Württemberg zur Bundestagswahl. Autonome Mobilisierungen (1. Mai, Anti-Nazidemos).
  • Medien: Lokale Zeitungen, z.B. Feierabend in Leipzig, ZECK in Hamburg, Swing im Rhein-Main-Gebiet.
  • Stärken: Unabhängigkeit, aber trotzdem eine gewisse Verbindlichkeit in den Basisgruppen.
  • Probleme: Die Einzelgruppen sind bis auf wenige Ausnahmen kaum vernetzt und haben nur geringe Interventionsfähigkeit in gesellschaftliche Abläufe. Auf überregionaler Ebene gibt es inzwischen - wie die modernen Bewegungsagenturen bei gewaltfreien Gruppen - hochorganisierte Führungsgruppen, die fertig vorbereitete "Instant"aktionen für Autonome anbieten und damit auch hier das Vakuum der Orientierungslosigkeit füllen (z.B. IL, Aktionen "Block G8" oder "Castor?Schottern!"). Weit verbreitet sind ein inhaltsleerer Militanzfetisch, Mackerei und informeller Machtgruppen.
  • Theorie: Zu großen Teilen Beschränkung auf Antifaschismus als Thema. In breiter aufgestellten Gruppen oft noch die Kritik an Arbeit und Sozialpolitik, dann Ähnlichkeiten mit anarcho-syndikalistischen Gruppen.
  • Kommunikation, freie Vereinbarung und Kooperation: Eine Debatte um horizontale Selbstorganisierung findet zwischen den losen Einzelgruppen und -personen kaum statt. In autonomen Zusammenhängen gilt die selbstorganisierte Kooperation zumindest verbal viel und führt neben einigen Theoriedebatten über die Organisierung zu einer Ablehnung aller zentralen Gremien. Das wird in der Regel auch recht konsequent so gehandhabt. In einigen Städten und Regionen gibt es Vernetzungen mit gemeinsamen Absprachen.

Direct-Action und kreativer Widerstand mit emanzipatorischen Zielen
Ganz ohne irgendwelche Gruppennamen, und daher hier nur unter diesem beschreibenden Titel zusammengefasst, agieren weitere Kreise, in denen libertäre Ideen eine wichtige Rolle spielen. Sie geraten vor allem über spektakuläre Aktionen immer wieder in der Öffentlichkeit. Eine gemeinsame Theorie- oder Zieldebatte findet nicht statt, was eine der Schwächen darstellt. Viele Beteiligte haben wenig bis gar keine theoretische Fundierung und verschwinden deshalb schnell wieder aus den Aktivenkreisen.
Mit Selbstbezeichnungen wie "Vollzeitaktivstin" (Zitat der als Buchautorin und aus Filmen bekannte Hanna Poddig) und "Berufsrevolutionär" (Aktivist und Buchautor Jörg Bergstedt als Berufsangabe in einem Strafprozess) oder KünstlerInnennamen wie "Eichhörnchen" Kletteraktivistin Cécile Lecomte) zeigen Einige auch nach außen an, dass die Aktion im Mittelpunkt ihres Lebens steht. Viele dieser unabhängigen AktivistInnen stehen anarchistischen Ideen sehr nahe. Sie stecken hinter Besetzungen von Tiermastanlagen oder Genversuchsfelder, Blockaden des Castors, Kommunikationsguerilla, Kletteraktionen oder Kleinstsabotage, ohne dabei auf Hauptamtlichenapparate zurückzugreifen oder sich fest an Verbände zu binden. Sie verzichten bewusst auf gemeinsame Label, hierarchische Organisierung und SprecherInnen, die sich als Stimme nach außen inszenieren. Anders als bei den gewaltfreien Aktionsgruppen und ihren Bewegungsagenturen bilden sie für jede Aktion personell neu zusammengesetzte Aktionsgruppen.
Schon die Aktion und ihre Durchführung ist ein wichtiges Ausdrucksmerkmal einer libertären Gesinnung. Statt zentraler Planung oder Vorgabe wird "Direct Action" so definiert, dass sich die AkteurInnen selbst viel Aktions-Knowhow aneignen, um dann eigenständig und nur in freier Kooperation bzw. gegenseitiger Hilfe statt zentraler Vorgabe aktiv zu werden. Das gilt für den gesamten Aktionsablauf einschließlich des offensiven Umgangs mit Polizei und Justiz. Das aus diesen Kreisen heraus geschaffene Selbst- und LaienverteidigerInnen-Netzwerk ist ein typisches Beispiel für diese Idee der Selbstermächtigung aller Beteiligten, die als Ausdruck eines emanzipatorischen Widerstandes verstanden wird. Bei der Laien- und Selbstverteidigung wird versucht, die aktiven Menschen auch vor Gericht noch in der Hauptrolle zu sehen und sie nicht der oft deutlichen Bevormundung durch AnwältInnen oder Rechtshilfegruppen, verbunden mit einer unterwürfigen, Regeln akzeptierenden Strategie vor Gericht, zu überlassen.

Im Original: Definition
Definition auf www.direct-action.siehe.website
"Direct Action" ist eine Form kreativen Widerstandes, die wir als Teil gesellschaftlicher Intervention gegen Herrschaft und Verwertung sowie als Eröffnung von Diskussionen um visionäre, emanzipatorische Gesellschaftsformen verstehen. Sie versteht sich als gleichberechtigter Teil zu anderen kreativ-emanzipatorischen Handungsstrategien wie Gegenöffentlichkeit, Freiräume und Aneignung, versucht aber, Erstarrungen in den Aktionsformen und -strategien zu überwinden, z.B. die Wirkungslosigkeit vieler vereinheitlichender Aktionsformen (Latschdemo, Lichterkette ...) oder das Gegeneinander aufgrund verschiedener Aktions- und Ausdrucksformen.
"Direkte Aktion" ist mehr als nur mal hier eine Blockade oder da ein Steinwurf. Sie ist eine Methode, ein Aktionskonzept und eine Idee für eine Politikform, die nicht mehr nur Einzelnes angreift - aber auch mehr will als schwächliche Miniveränderungen innerhalb von umweltzerstörenden und menschenverachtenden Verwertungs- und Herrschaftsstrukturen. Direkte Aktion will die Köpfe erreichen. Und den Kopf benutzen. Das erste Ziel einer direkten Aktion ist die Schaffung eines "Erregungskorridors" in der Gesellschaft: Aufmerksamkeit, Irritation, Freude oder Wut sind alles solche Formen. Wie das erreicht werden kann, ist vielfältig: Kommunikationsguerilla, verdecktes Theater, Blockade von Castor-Zügen, Sabotage, Internet-Hacken usw. Wo die Erregung entsteht, ist dann Platz für politische Positionen und Visionen. Aber auch deren Vermittlung will durchdacht sein, d.h. Ideen für kreative Vermittlungsformen sind nötig. Direkte Aktion ist alles drei: Die kreative, direkte Aktion, der entstehende Erregungskorridor und die politischen Positionen/Visionen. Die Qualität entsteht auch durch Übung: In Workshops und Trainings kann über direkte Aktionen geredet und an konkreten Beispielen geübt werden, wie Langeweile und Wirkungslosigkeit politischer Arbeit überwunden werden kann.
Wichtig sind nicht wenige CheckerInnen irgendwo, die Mailinglisten, Internetseiten und wenige Bundestreffen als Ersatz für tatsächliche Handlungsfähigkeit aufrechterhalten, sondern eine breite Handlungsfähigkeit (Aktionen, Widerstand, politische Positionen und Visionen, Intervention und Widerstand im Alltag) überall.


Ulrike Meinhof
Protest ist, wenn ich sage Das und Das passt mir nicht. Widerstand ist wenn ich dafür sorge, dass Das und Das nicht mehr passiert.


Viele der unabhängigen AktivistInnen haben sich mit anarchistischen Theorien oder zumindest der Kritik von Herrschaft auseinandergesetzt. Überregional sichtbar sind ökoanarchistische Projekte wie die Zeitung "grünes blatt" (früher auch: "Ö-Punkte") oder die Debatte um "Umweltschutz von unten", einige Projektwerkstätten (von denen es Mitte der 90er Jahre einmal ca. 50 gab), der Verlag SeitenHieb mit seinen Veröffentlichungen oder die Methodensammlung zum Dominanzabbau in politischen Gruppen und Bildungsarbeit namens "HierarchNIE!". Praktischer Widerstand und inhaltlich intensive Arbeiten schließlich sich dabei nicht aus, wie die Recherche zu den Gentechnik-Seilschaften oder die Debatte um Klimaschutz von unten zeigen. Allerdings ist das die Ausnahme, weil viele AktivistInnen sich auf die Aktion und die Aneignung des Knowhows für diese beschränkten - wenn überhaupt. Oft stellen eher Abenteuer oder Coolness-Faktor besetzter Felder und Baustellen, die gelungene Castorblockade oder andere Aktionevents einen kleinen Höhepunkt in der tristen gesellschaftlichen Normalität dar. Aneignung von Fähigkeiten oder theoretischen Hintergrundwissen unterbleiben. Solche Menschen sind oft nur wenige Monate, selten länger als zwei Jahre dabei und schaffen dann weitgehend bruchlos den Wiederausstieg in ein bürgerlich-angepasstes Leben.

Die Ergebnisse kreativer Entwicklung von Aktionsformen sind gut dokumentiert, vor allem in thematischen Readern, Heften und CDs mit vielen Tipps sowie im Internet (www.direct-action.siehe.website). Große Massenmobilisierungen gelingen in diesen Kreisen selten, dafür erreichen die kleinen Runden mit ihrer Aktionen bemerkenswerte Aufmerksamkeiten. Hauptvernetzungstreffen war jahrelang der ehemalige Jugendumweltkongress, später als "Jukss" mehr ein AktivistInnen- als ein klassisches Öko-Treffen. Einige Sommercamps und die Attac-Aktionsakademie sind weitere Orte von Vernetzung und Training.

Selbstorganisierte Kommunikation und Kooperation finden nur einzelfallweise im Zuge von Aktionen statt. Ansonsten dominieren Cliquen, die zeitlich befristet existieren und aus denen die Beteiligten mit dem Zerfall der Clique auch ganz als selbstorganisierten politischen Zusammenhängen verschwinden. Der bislang letzte gemeinsame Versuch von Austausch, gegenseitiger Unterstützung und gemeinsamer Aneignung von Knowhow war das aus dem Expo2000-Widerstand entstandene Hoppetosse-Netzwerk, von dem keine praktisch handelnden Reste mehr übrig sind. Theorien und Konzepte, die in diesen Zusammenhängen auftauchen, stammen von Einzelpersonen und haben kaum Wirkung.

  • Politische Schwerpunkte: Direkte Aktion mit inhaltlicher Vermittlung. Die Benennung von Herrschaftsformen und Utopien im Zuge der Aktionen z.B. gegen Gentechnik, Atom, Krieg oder Fleischproduktion sind typisch.
  • Highlights: Besetzungen und Sabotageaktionen. Kreativ-offensiver Umgang mit Repression. Trainings und viele Schriften mit praktischen Aktionsanleitungen.
  • Medien: SeitenHieb-Verlag. Grünes Blatt. Internet. Lokale Schriften.
  • Stärken: Unabhängigkeit und Vielfalt. Hohes Aktions-Knowhow. Keine Label oder übergreifenden kollektiven Identitäten. Hoher Anspruch an emanzipatorische Politikinhalte und selbstorganisierte Strukturen einschließlich weitgehender Unabhängigkeit von Geldflüssen und Verbandsapparaten.
  • Probleme: Schlecht vernetzt. Oft eher un- als selbstorganisiert. Fehlende kontinuierliche Projekt- und Basisarbeit. Für viele nur eine kurze Phase im Leben, durchlebt in Cliquen, wechselnden Beziehungen und ohne Aneignung von Theorie und Selbstorganisierungspraxis. Nur wenig dauerhafte Infrastruktur, um deren Aufrechterhaltung sich auch nur Wenige kümmern.
  • Theorie: Starke Unterschiede zwischen den Beteiligten. Individualanarchismus im Vordergrund. Die offene Organisierung macht ein zeitweises Mitwirken ohne Kontakt zu Theoriedebatten und Eigenfortbildung möglich. Oft viel Aktion bei wenig inhaltlichem Background.
  • Kommunikation, freie Vereinbarung und Kooperation: Eine Debatte um horizontale Selbstorganisierung findet zwar statt, erreicht aber die vor allem in Cliquen organisierten AktivistInnen ebenso selten wie überhaupt das Ringen um Theorien und Methoden der Organisierung. Zur Schwäche wird die hohe Unverbindlichkeit, freie Vereinbarungen werden oft als lose Vereinbarungen nicht wichtig genommen und kaum eingehalten. Statt Kooperation selbstorganisierter Individuen neigen viele zur Bildung isolierter Minigruppen oder zur Vereinzelung in "Ich-AGs" perfektioniertem und permanenten Widerstands.

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