Antirepression

SOZIALE FRAGEN UND POLITIK

Gesundheitsthemen und -politik


1. Gesundheitsthemen und -politik
2. Buchvorstellungen zum Themenbereich

Verdummung mit Pseudo-Medizin – und mit der Kritik daran
Der Buchmarkt mit vermeintlich hochwirksamen Alternativverfahren der Krankheitsheilung quillt über – und Stück für Stück auch das Gegenprogramm. Geld verdienen lässt sich mit allen. Für den Verkaufserfolg eines Buches kommt es vor allem darauf an, Inhalte vereinfacht und verkürzt darzustellen, also zusammengefasst: populistisch zu sein. Das ist fast allen Heilsvermeldern in Buchform anzusehen. Es gilt aber ebenso für viele der kritischen Bücher. Ein prägnantes Beispiel ist „Der große Bluff“ von Theodor Much (2013, Goldegg in Berlin, 237 S.). Seite für Seite seziert er verschiedene alternative Heilverfahren. Immer wieder sind Passagen in Anführungsstriche gesetzt, doch ob es Zitate sind, lässt sich nicht einmal erahnen. Quellenangaben enthält das Buch sowieso nicht. Was nicht zur (industriefreundlichen) Schulmedizin passt, ist offenbar per se gut. Ein typisches Beispiel ist die Kritik an Impfgegnern. Obwohl in deren Reihen tatsächlich viel krudes Zeug verbreitet wird, schafft Much nur so Sätze wie: „Für die Behauptung, dass Impfungen Erkrankungen verursachen würden, existieren keinerlei Beweise“ – gerade so, als wenn eine solche Gefahr sich selbst widerlegt und alle Veröffentlichungen folglich nur Nonsens seien. Er fährt fort: „In mehreren US-Studien konnte zum Beispiel gezeigt werden, dass“ usw. So schreibt die andere Seite auch immer: „Studien hätten gezeigt“ oder „es gibt unzählige Beweise“ usw. Der eigene Text wird aufgebläht mit Hinweis auf ganz viele Studien – und daraus offenbar gefolgert, dass mensch dann keine einzige konkret benennen muss.
So schlimm treiben es Dittmar Graf und Christoph Lammers in „Anders heilen?“ (2015, Alibri in Aschaffenburg, 178 S., 14 €) nicht. „Wo die Alternativmedizin irrt“ steht im Untertitel. Das gibt die Richtung vor – und in der Tat zeigen die Autor_innen des Buches eine Menge kruder Vorstellungen auf, die mit dem Glauben an Homöopathie und andere Formen der Paramedizin, wie alle abweichenden Methoden außer der Schulmedizin genannt werden. Allerdings darin liegt genau das Problem des Buches: Es ist nützlich für einen skeptischen Blick auf viele Einfachlehren, esoterische Phantasien usw. Aber es macht einen eigenen Blick auf Wahrheit auf, der als Dogma herüber kommt: Was die Wissenschaft sagt, stimmt. Es gibt auch immer nur ein „richtig“. Das ist nicht einmal wissenschaftlich. Solche Bücher zertrümmern ebenso wie die Verteufelung jeder Schulmedizin den wichtigsten Wirkstoff, den es gibt: Das Gespräch z.B. mit der_dem heilenden Person und die Suggestion an die Wirksamkeit des Medikamentes (Placebo). Wenn es hilft, warum solche Suggestion verteufeln? Wollen die Autoren uns weismachen, dass Krankheiten immer nur rein physische Grundlagen haben und folglich die Psychosomatik unwissenschaftlich ist? Das wäre gefährlich, denn dann würde der Körper zu einer reinen Experimentierzone für profitabel verkaufte Chemikalien. Dass ein selbsternannt eher anarchistischer Verlag die Selbstbestimmung des Menschen (Autosuggestion, psychologische Selbstheilungskräfte usw.) verdammt und die chemieschwere Schulmedizin hypt, zeigt, wieweit der Kapitalismus die letzten Ritzen der Gesellschaft erobert hat.

Buchvorstellungen
Karl H. Beine/Jeanne Turczynski
Tatort Krankenhaus
(2017, DroemerKnaur in München, 256 S., 19,99 €)
Schon der Untertitel erzeugt Grusel: „Wie ein kaputtes System Misshandlungen und Morde an Kranken fördert“. Dann folgen seitenweise Berichte, die sich wie Krimis sind, aber gut recherchiert wirken und deshalb wohl abbilden, was hinter der Fassade der Gesundheitsfürsorge an Abgründen vorhanden ist. Die These des Buches ist klar und nachvollziehbar: Hier sind zwar Einzeltäter_innen am Werk, aber ihr Handeln resultiert aus den Verhältnissen im Gesundheitswesen.

Hans Wehrli u.a. (Hrsg)
Der organisierte Tod
(2015, Orell Fueslli in Zürich, 296 S., 19,95 €)
Eine Vielzahl gesellschaftlicher Gruppen diskutiert leidenschaftlich über die Frage, ob Sterbehilfe gerechtfertigt ist und wie es mit der Selbstbestimmung am Lebensende aussieht. Das Buch lässt aus dieser Vielzahl jeweils zwei Personen (einmal auch drei) zu Wort kommen – konsequent aufgeteilt in eine Pro- und eine Contra-Position. Justiz, Polizei, Betroffene, Angehörige und viele weiteren haben jeweils einen solchen zweier Block. So schafft das Buch einen guten Einblick in die Debatte.

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