Verkehrswende im Wiesecktal

KEIN NEUBAU DER B49 IM KREIS GIESSEN!

Rettet die Jossolleraue!


Rettet die Jossolleraue! · Die Trasse · Plan mit manipulierten Zahlen · Höfe/Natur/Erholung in Gefahr · Ausbaupläne für Grünberg · Alternativen: Bahn, Rad ... · Aktivitäten

Kommentar von Andreas Eikenroth im Gießener Anzeiger am 10.6.2023 (S. 31)
Während aktuell in Gießen beziehungsweise im Internet arg viel über den innerstädtischen Verkehrsversuch gejammert wird und über Parkplätze, die zum Zwecke der Innenstadtbegrünung wegfallen sollen, wird kurz hinter der Stadtgrenze der nächste Schritt zur flächendeckenden Versiegelung der Nation durchgewunken.
Denn die geplante Südumgehung um Reiskirchen und Lindenstruth ist auf den Weg gebracht, nach allerlei rechtlichen Streitigkeiten, und wird wohl demnächst in Angriff genommen. Die Umgehungsstraße geht dann halt mal eben ganz locker durch das Naturschutzgebiet Josolleraue. Nein, natürlich nicht direkt hindurch, sondern nur ganz genau an der Grenze entlang wird die Landschaft zerschnitten. Es wird wieder ein Stück erholsamer, schöner Natur zerstückelt und Tierwanderungen und Spaziergänge im Burkhardsfeldener Umland gehören dann der Vergangenheit an. Denn, wer hätte das gedacht, nicht nur in der Stadt, auch auf dem Dorf will man die Autos raus haben. Ob dabei aber die millionenschwere Vernichtung von dem bisschen Restnatur der richtigeWeg ist?

Am 20. und 21. September verhandelte der Verwaltungsgerichtshof in Kassel über den größten Straßenbau, der im Kreis Gießen noch erfolgen soll - der Ausbau der B49 als Umgehungsstraße um Reiskirchen und Lindenstruth. Viele Gründe sprachen dagegen. Besonders gravierend: Die der Planung zugrundeliegenden Zahlen stimmen nicht. Die Verkehrsprognosen sind viel zu hoch. Planer*innen und Behörden wussten das, aber benutzten weiter die falschen Zahlen.
Zudem gibt es Potential, die Verkehrsbelastung weiter zu drücken. Denn die Straße verläuft sowohl autobahn- also auch bahnparallel. Doch die Vogelsbergbahn ist in einem schlimmen Zustand. Hier wäre das Geld sinnvoller angelegt. Zudem könnte in Lindenstruth endlich ein Haltepunkt eingerichtet werden, die Züge fahren da seit ewig durch. Der attraktive Fernradweg "R7" verläuft ebenso parallel zu B49. Nur fehlen gute Anbindungen an Wohngebiete, Schulen, Einkaufsmärkte, Industriegebiete und zu den kleineren Orten seitlich des Wiesecktales.
Schlimm auch: Die Straße zerlegt einen landschaftlich hochwertigen Bereich nahe dem Naturschutzgebiet Josseleraue und Reiskirchens wichtigste Naherholungszone um den Nonn.

Am 5.10.2022 wurde trotzdem per Urteil festgelegt, dass die Straße gebaut wird. Im Januar 2025 soll es losgehen. Die ersten Vorbereitungen (Bohrungen im Boden, Vermessung, künstliche Biotope als sog. "Ausgleich") sind schon geschehen.
Plan der Südumgehung Reiskirchen B49
Die geplante Südumgebung (rot) ++ Protestspaziergang am 20.11.2022, 14 Uhr (siehe Flyer) ++ Bericht unten

Argumente gegen den Ausbau der B49 (egal welche Trasse)
  • Flächenversiegelung: Unter dem Beton der Straße verschwinden wertvolle Äcker und Weiden.
  • Zerschneidung der Landschaft: Zwei kleine Wälder und die Feuchtgebiete der Jossolleraue werden vom Umland abgeschnitten. Tierwanderungen werden dadurch unmöglich, erholsame Spazierwege in Reiskirchens Süden ebenso wie landwirtschaftliche Wege unterbrochen und verlärmt.
  • Bedrohte Natur: Die Trasse führt an Wäldern und der Jossolleraue vorbei, die z.T. sogar Naturschutzgebiet ist.
  • Steigende Unfallgefahren: Umgehungsstraßen gehören zu den unfallträchtigsten Strecken, insbesondere bei Crashs mit Toten und Verletzten. Grund sind die hohen Geschwindigkeiten in unmittelbarer Ortsnähe. Neben Wohngebieten liegen eine Grundschule, das Martinsheim und ein Pferdehof direkt oder sehr nahe an der Trasse.
  • Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten! Der Neubau wird zusätzlichen Verkehr anziehen – insbesondere bisherige A5-Fahrten aus dem Vogelsberg.
  • Entlastungswirkung ist geschönt: Studien zu Straßenneubauten gehen davon aus, dass Durchgangsverkehr aus den Orten wegbleibt. Das ist regelmäßig falsch, weil viele noch Zwischenstopps bei Geschäften usw. einlegen – gerade dann, wenn die innerörtliche Straße nicht mehr so stark befahren wird. Hinzu kommt, dass alle Industriegebiete im Norden von Reiskirchen und Lindenstruth liegen. Deren PKW- und LKW-Aufkommen muss also weiter die Ortsstraßen passieren.
  • Geldverschwendung: Statt Millionen in einen neuen Straßenbau zu investieren, wäre dieses Geld zur Elektrifizierung und Stärkung der Vogelsbergbahn sowie zur Einrichtung Fahrradverbindungen sinnvoller eingesetzt.
  • Gemeinde Reiskirchen untätig: Seit Jahrzehnten verweigern die Verantwortlichen die längst machbaren Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung, zur Stärkung des ÖPNV und zur Schaffung eines Fahrradstraßennetzes. Zudem verschwanden alle Einkaufsmöglichkeiten aus den Dörfern und aus der Ortsmitte von Reiskirchen. Das Problem des Autoverkehrs ist zu großen Teilen hausgemacht. Dafür soll jetzt die Natur büßen.
  • Verkehrsmengen nehmen ab: Durch den Bevölkerungsrückgang im Vogelsberg und den A5-Anschluss bei Grünberg ist die Verkehrsmenge auf der B49 auch ohne Neubau bereits gesunken. Das lässt sich steigern durch innerörtliche Verkehrsberuhigung (Tempo 30 und Rückbau), die Stärkung der Vogelsbergbahn mit zusätzlichen Haltepunkten in Lindenstruth, Buseck-Ost und Rödgen sowie eine Ausweisung von Fahrradstraßen zwischen und in allen Orten (mit dem Rückgrat des „R7“ Fernradweges).

  • Presseinfo mit den Argumenten

Umgehungsstraßen entlasten weniger als angenommen und lassen den Verkehr insgesamt steigen.
Bei den Planungen neuer Straßen werden den Anwohner*innen stets große Entlastungswirkungen versprochen. Das ist billige Rattenfängerei. Alle Beispiele aus der Vergangenheit zeigen das genaue Gegenteil: Der Verkehr steigt insgesamt und belastet andere Orte an der jeweiligen Straße (bei der B49 also Grünberg, das bereits auch eine Umgehungsstraße fordert, Flensungen, Ruppertenrod, Ermenrod und Romrod). Zudem werden die Ortschaften, für die die Umgehungsstraße gebaut wird, weniger entlastet als versprochen, weil viele Fahrbeziehungen weiterhin durch die Orte realisiert werden. Manche wollen noch tanken, andere Brötchen holen, Mitfahrende einsammeln oder finden die dann schneller befahrbare, aber kürzere alte Trasse attraktiver. Ein drastisches Beispiel ist die Ortsdurchfahrt in Lollar, die trotz des Baus der B3a als Umgehungsstraße mit über 12000 Fahrzeugen pro Tag belastet ist - deutlich mehr als auf der B49 in Reiskirchen bzw. Lindenstruth fahren.
Im konkreten Fall von Reiskirchen und Lindenstruth gibt es klar erkennbare Gründe, warum die Wirkung einer Umgehungsstraße gering bleiben wird. Zum einen zeigen die gemessenen Verkehrszahlen, dass ungefähr ein Drittel der am westlichen Ortsrand von Reiskirchen fahrenden Autos in den dortigen Gewerbegebieten verbleibt, also die Wohnbereiche nicht belastet. Ein weiteres Drittel verliert sich in den Orten Reiskirchen und Lindenstruth, würde also auch weiter auf der alten Trasse fahren. Besonders prägnant ist dabei die Firma WeissTechnik in Lindenstruth, die mit 1000 Arbeitsplätzen fast 2000 Fahrbewegungen pro Tag produziert. Da die Umgehungsstraße auf der anderen Seite des Ortes verlaufen soll, verbleiben auch diese Fahrbewegungen auf den Straßen im Ort. Ähnliches gilt für die Bersröder Straße in Reiskirchen, zumal auch dort der Verkehr durch weitere Gewerbeansiedlungen noch steigen soll. Insgesamt sind die Verkehrsprobleme also überwiegend hausgemacht und lassen sich durch eine neue B49 nicht lösen.

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